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13.01.2019

Hartmut Klug zum 90. Geburtstag!

Professor Hartmut Klug leitete von 1968 bis 1993 das Jugendorchester der Bergischen Musikschule. 25 Jahre lang lenkte er die Geschicke des Orchesters.

Prof. Hartmut Klug – ein musikalisches Allround-Talent auf höchstem Niveau

Eine Würdigung anlässlich des 90. Geburtstags von Prof. Dr. Joachim Dorfmüller

 

„Komponist, Arrangeur, Pianist, Dirigent, Musikpädagoge, Scherenschnittkünstler… - Das alles und noch viel mehr ist Hartmut Klug“.

So der Anfang des Booklet-Textes, den der TV-Redakteur Goran Goić für die CD „NEUNmalKLUG“[1] schrieb. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Titel dieser CD ergab sich schlicht und einfach aus der Anzahl der Programmteile, in denen Hartmut Klug als Komponist (u. a. „Schlag nach bei Bach“, „An der schönen schwarzen Wupper“ und „Souvenir de Paris“), als Arrangeur (Werke von Beethoven, Cornelius, Dvořák, Mozart und Schubert) sowie als Pianist zu hören ist. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt vom 18.3.2012 im „Forum Antoniuskirche“ zu Waldbreitbach bei Neuwied mit dem Zupforchester Rheinland-Pfalz, dem Duo Recuerda Jeannette und Vicente Mozos del Campo und der Sängerin Hayat Chaoui unter Hartmut Klugs Gesamtleitung.

Doch die aufgezählten Ambitionen sind nicht die einzigen, wie Goić auch andeutet. So darf es hier schon ein wenig konkreter werden: Hartmut Klug war 14 Jahre Opern- und Ballettkapellmeister und nicht weniger als 23 Jahre Hochschullehrer, davon 17 Jahre als Professor. Er leitete darüber hinaus sechs Jahre den Instrumentalverein Wuppertal bei seinen oratorischen und sinfonischen Programmen, leitete 1970-1976 das Orchester der Mandolinenkonzertgesellschaft Wuppertal, gründete 1982 und leitete bis 2002 das sich aus allen Teilen Deutschlands zusammenfindende jugendliche Projektorchester der Coesfelder Orchestertage, übernahm noch nach seiner Pensionierung 1994 für nicht weniger als 22 Jahre das eingangs erwähnte Zupforchester. Auch als Meister der Improvisation am Klavier wusste er immer wieder zu begeistern. Und er begründete für die Bergische Musikschule Wuppertal die kindgemäßen „Sitzkissenkonzerte“ wie auch die „Talentspirale“, das eher sinfonisch orientierte Nachwuchsorchester der Bergischen Musikschule. Darüber hinaus: Hartmut Klug entdeckte die Komponisten Friedrich Wink und Georg Wilhelm Rauchenecker wieder und engagierte sich in besonderer Weise für George Dreyfus, der in letzter Sekunde als Kind mit seinen Eltern und seinem Bruder vor den Nationalsozialisten aus Elberfeld nach Australien ausgewandert war und dort zu einem der bedeutendsten Komponisten seines Kontinents avancierte. Dies alles eine Aufzählung, die auch wiederum nicht vollständig ist und nicht vollständig sein kann. Komplett würde sie den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Doch seien sie ergänzt durch einige biographische Notizen.

Mit Beethoven und einem improvisierten Tango zur Akademie

Auf die Welt kam Hartmut Klug am 9.9.1928 im Dresdner Stadtteil Kleinzschachwitz. Sein Vater war der Arzt und Violoncellist Dr. Otto Klug, seine Mutter Hildegard geb. Grippendorf war Geigerin bei den Dresdner Philharmonikern. Mit sechs Geschwistern wuchs er auf, erhielt bei Frau Neubauer ersten Klavierunterricht,  machte rasche Fortschritte. Und da er die Ziele der Volksschule ohne Probleme schaffte, hätte er das 4. Schuljahr sogar überspringen und sogleich zur gymnasialen Sexta wechseln können. Doch der Vater meldete ihn an der damaligen „Akademie für Musik, Theater und Tanz Dresden“, der heutigen „Hochschule für Musik Carl Maria von Weber“, zur Aufnahmeprüfung an. Der Neunjährige bestand sie erfolgreich – kein Wunder, wenn man in diesem Alter den technisch wie gestalterisch durchaus schwierigen 1. Satz der c-Moll-Sonate op. 10 Nr. 1 von Ludwig van Beethoven sicher vorzutragen weiß. Auf die anschließende Frage, ob er von Fis-Dur nach C-Dur modulieren könne, antwortete er sinngemäß: „Kein Problem! Vielleicht als Tango?“ und griff in die Tasten. Der Aufnahme stand nun erst recht nichts mehr im Wege.

Dirigierdebut als Zwölfjähriger

Er konnte also das Gymnasium vergessen. Und vergaß es gern. Schulpflicht ja, doch nun an einer renommierten Musikakademie. Er erhielt Klavier-, Orgel-, Violin- und Gesangsunterricht, auch Unterricht in Gehörbildung, in Harmonie- und Formenlehre sowie in Musikgeschichte. Und erlernte die damals obligatorische Tonika-Do-Methode. Auch sammelte er bald Orchester-Erfahrungen: Mit seiner Mutter spielte er im Orchester des Dresdner Mozart-Vereins, durfte es sogar einmal öffentlich dirigieren. Immerhin zwölfjährig! Eine an sich sorglose, unbedingt musisch geprägte Kinder- und Jugendjahre standen nun bevor, wenn nicht der Zweite Weltkrieg auch bald Dresden heimgesucht hätte. Der Unterricht fiel mehr und mehr aus, der 14-Jährige wurde schließlich zur Fliegerabwehr ins etwa 50 km nordwestlich von Dresden gelegene Riesa abkommandiert. Gerade noch rechtzeitig kehrte er vor dem Einmarsch der russischen Streitkräfte zur Familie zurück und rettete damit wahrscheinlich sein Leben. Die Bombardements der Royal Air Force aber wurden schließlich immer häufiger, bis im Februar 1945 die Katastrophe über Dresden hereinbrach, als die Stadt innerhalb von drei Tagen großenteils in Schutt und Asche gelegt wurde und Zehntausende ihr Leben verloren. Dass Familie Klug unbeschadet blieb, ist der Tatsache zu danken, dass sie relativ sicher am äußersten Stadtrand von Dresden wohnte.

Zum Rundfunk in Berlin, zum Folkwang-Tanztheater nach Essen

Als der Akademiebetrieb 1946 notdürftig wieder aufgenommen werden konnte, war Hartmut Klug einer der ersten Studenten. Der nun 17-Jährige studierte Klavier bei Theo Other sowie Komposition, Orchester- und Chordirektion. Und er wuchs gleichzeitig ins Berufsleben hinein: Über eine Freundin der Mutter lernte er die Ausdruckstänzerin Gret Palucca kennen, die für ihre Tourneen durch die damaligen vier deutschen Besatzungszonen einen besonders versierten Pianisten suchte. Ein solcher war Hartmut Klug, der denn auch mit Bravour 1949 nach sechs Semestern die Examina in Klavier, Komposition und Dirigieren bestand. Er ging noch im gleichen Jahr – politisch war das kein großes Problem – nach West-Berlin, arbeitete als Komponist, Arrangeur und Aufnahmeleiter beim Rundfunk im amerikanischen Sektor, dem RIAS. Von hier aus bewarb er sich 1951 beim Choreografen und Tanzpädagogen Kurt Jooss mit Erfolg um die musikalische Leitung des Folkwang-Tanztheaters Essen.

Ergänzungsstudien am Conservatoire de Paris und eine Tournee bis Hongkong

Als die Aktivitäten des Folkwang-Tanztheaters jedoch 1953 eingestellt wurden, weil die Stadt keine Subventionen mehr zahlte, beschloss Hartmut Klug, noch einmal zu studieren. Er entschloss sich, nach Paris an das hochrenommierte „Conservatoire national supérieur de musique et de danse de Paris“ zu gehen, eignete sich in wenigen Wochen Grundkenntnisse in Französisch an, bestand die Aufnahmeprüfung und studierte zwei Semester Kammermusik und Orchesterdirektion. In beiden Disziplinen absolvierte er – wen wundert’s? – mit der höchsten Note, dem begehrten „Premier prix“. Danach eine Fast-Weltreise: Als Pianist bereiste er mit dem Ausdruckstanzpaar Alexander von Swaine / Liza Czobel zunächst Südost-Asien, trat in Pakistan, Indien, Ceylon (heute Sri Lanka) und Indonesien auf, kam sogar nach Hongkong. Im gleichen Jahr schließlich eine zweite Tournee, die ihn nach Syrien, in den Libanon und den Iran führte.

Höhepunkte der Karriere in Wuppertal: Von den Bühnen zur Musikhochschule

Zweifelsohne interessante, lohnende Erlebnisse und Erfahrungen, die Hartmut Klug auf diesen Tourneen sammelte, doch keine Basis auf Dauer. So kam er 1955 zu den Wuppertaler Bühnen, die damals noch provisorisch in der Elberfelder Stadthalle zu Hause waren, wurde vom Ballettmeister Erich Walter als Repetitor, Studienleiter und Kapellmeister für Opern und Operetten verpflichtet, komponierte auch gelegentlich Schauspielmusiken. 13 Jahre gehörte er den Bühnen an, bis ihm die Chance geboten wurde, die Leitung der Opernschule des Bergischen Landeskonservatoriums zu übernehmen. Als dieses 1972 an die Staatliche Hochschule für Musik Rheinland (heute Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Wuppertal) angeschlossen wurde und Professorenstellen zur Ausschreibung kamen, war er 1974 unter den ersten, deren Arbeit auf diese Weise honoriert wurde. Ungezählt die Studierenden, die er bis zu seiner Pensionierung 1993 führte.

Eine Abschied nach dem Motto „Verstehen Sie Spaß?“

65-jährig in den Ruhestand zu gehen, war nicht Hartmut Klugs Sache. Sein Herz schlug nach wie vor für die Musik, schlug besonders für die Arbeit mit Zupforchestern, für die Coesfelder Orchestertage, überhaupt für den musikalischen Nachwuchs. Wo immer er eine Leitung in jüngere Hände gab, fanden rührende Abschiedskonzerte statt - allenthalben großer, absolut verdienter Dank. Und er, im übrigen auch ein hochtalentierter Schnellzeichner, engagierte sich für den Scherenschnitt, veröffentlichte seine Arbeiten in Büchern und bot zahlreiche Ausstellungen, war auch Vorsitzender des Deutschen Scherenschnittvereins.

Zum Thema „Abschied“: In bester Erinnerung ein großes Konzert mit einer starken humoristischen Note nach dem Motto „Verstehen Sie Spaß?“ Es war die Verabschiedung von der Bergischen Musikschule am 3.7.1993 in der Wuppertaler Uni-Halle. Großes Aufgebot: Unter der Leitung seines Nachfolgers, des 2014 in Rumänien tragisch verunglückten Michael Beck, spielten das Kinderorchester, das Jugendorchester und die „Talentspirale“. Als Finale sollte der erste Marsch aus Edward Elgars „Pomp and Circumstances“ erklingen, nicht von Michael Beck, sondern von Hartmut Klug dirigiert. Er trat ans Pult und schaute ins Orchester, um sich zu überzeugen, dass alle etwa 100 Musikanten konzentriert und exakt auf sein Zeichen spielbereit sind. Und hob die Arme zum Einsatz – doch kein Ton zu hören. Alle Instrumente schwiegen. Völlig frustriert, klopfte er auf das Dirigierpult und rief, so dass es jeder in der Halle hätte hören können: „Keiner spielt mehr mit mir!“ So etwas war ihm in all den Jahrzehnten, in denen er an Dirigierpulten stand, nicht passiert. Dann aber wurde es zunehmend unruhig im Orchester, verdächtig unruhig. Heiterkeit kam auf – Hartmut Klug hatte verstanden. Er hielt einen Moment inne, gab erneut den Einsatz. Alle über Hundert an Zahl spielten nun umso engagierter mit, boten ein klangprächtigeres Konzertfinale, gefolgt von minutenlangen „standing ovations“ eines höchstbegeisterten Publikums.

Die grandiose Musik von Edward Elgar im Ohr, seien diese „ovations“, in Worte ein Vierteljahrhundert später umgemünzt, im Namen ungezählter Musikfreundinnen und Musikfreunde keineswegs nur der Bergischen Musikschule und überhaupt der Wuppertaler Musikszene wiederholt, einmal mehr verbunden mit herzlichem Dankeschön und besten Wünschen zur Vollendung des neunten Lebensjahrzehnts, lieber Hartmut Klug!



 

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Stadt Wuppertal

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