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EUROPA Förderung

Auszubildende und Ausbilder*innen berichten aus dem Praktikum

Désirée Ackermann hat nach ihrem Abschluss als Bachelor of Laws ihr Europa-Praktikum in Manchester/ Großbritannien absolviert.

Durch die langjährige Städtepartnerschaft zwischen meiner Heimatstadt Kierspe (Märkischer Kreis) und der Stadt Denton (Manchester) konnte ich diese Kontakte nutzen und Verbindungen zu Manchester aufnehmen. Diese Städtepartnerschaft hat mir nicht nur eine Gastfamilie geboten, sondern auch Freunde, die ich wiedersehen konnte.

Besucherin in der St. Catherines RC Primary School

Vor dem Hintergrund des bevorstehenden Brexits war es besonders interessant ein englisches Auslandspraktikum zu machen. Daher war es auch von Vorteil, dass ich in einer sogenannten "Host-Family" gelebt habe. Hier war es mir möglich hinter die Kulissen zu blicken und ggf. zu verstehen, warum ein Brexit überhaupt in Betracht gezogen wurde. Zudem muss ich sagen, dass ich es nur empfehlen kann in einer Host Family zu leben, denn dadurch wird die Kultur und Sprache des jeweiligen Landes viel besser und intensiver vermittelt. Darüber hinaus können auch neue Freundschaften geknüpft werden und es ist auch weitaus günstiger, als im Hotel zu wohnen.

Für mein EU-Praktikum habe ich mir zwei unterschiedliche Standorte ausgesucht. Eine Woche hospitierte ich in der St. Catherine's R.C. Primary School Didsbury und die andere Woche in der Kommunalverwaltung der Stadt Tameside. Diese auf den ersten Blick unterschiedlichen Einsatzorte vermittelten mir in Theorie und Praxis, wie die Bildungs- und Betreuungsversorgung von Kindern und Jugendlichen organisiert ist und wie die Schnittstelle zwischen Verwaltung und Schule funktioniert.

Klasse 7 im Unterricht

1. Woche: Didsbury Grundschule

Die katholische Grundschule in Didsbury (Region Manchester) umfasst 13 Klassen à etwa 30 Schüler im Alter von 5-11 Jahren. In meinem Praktikum wurde ich der 3. Klasse zugeteilt, mit Kindern im Alter von 7-8 Jahren. Unterrichtet habe ich begleitend auf Englisch, welches sich als einfacher herausstellte, als zunächst gedacht. Obwohl es ein komisches Gefühl war den Kindern ihre eigene Sprache beizubringen, die für mich eine Fremdsprache ist. Weitere Fächer waren Mathe, Sachkunde, Spanisch, Lesen, Religion, Musik, Kunst und Rechtschreibung. In der Grundschule ist aber nicht nur die Wissensvermittlung wichtig, sondern auch das Erlernen von sozialen Kompetenzen. Dies ist oft defizitär im familiären Bereich und Freundeskreis.

Désirée mit den Lehrerinnen der Klasse 7

Hausaufgaben gab es nur am Wochenende, dafür ging die Schule aber auch jeden Tag von 9 bis 15 Uhr, wenn die Kinder danach nicht noch an verschiedenen AGs teilgenommen haben (z.B. Maths-Club, Sports etc.). Der Unterricht wurde, abgesehen von 5 Minuten Pausen zwischen jeder Stunde, unterbrochen durch zwei Pausen: die erste war eine kurze Frühstückspause von 20 Minuten ab 10:00 Uhr und die zweite war eine längere Pause von einer Stunde ab 12:00 Uhr. Damit hatten die Schüler genügend Zeit für das Mittagessen und anschließendem Spielen. Einen strikten Stundenplan gab es nicht, die Klassenlehrerin hat täglich entschieden, welcher Unterricht ihr momentan am sinnvollsten erschien, bis auf den Spanischunterricht, welcher von einer weiteren Lehrerin zu festen Zeiten unterrichtet wurde. Die Arbeitshefte befanden sich daher auch dauerhaft im Klassenraum. Dieser Fakt bedeutete für die Lehrer*innen aber auch, dass die Arbeitshefte stets überprüft und korrigiert werden mussten, denn diese werden pro Quartal den Eltern vorgestellt. Zudem werden die Einträge stichprobenartig von der Rektorin überprüft. 

Interessant fand ich folgenden pädagogischen Ansatz: In jeder Stunde wurde die Sitzordnung verändert, was mir anfangs das Namenlernen erschwerte. Grund dafür ist, dass jedes Kind eigene Stärken und Schwäche hat, welche unterschiedlich gefördert werden müssen. Daher wurden die Kinder, welche im Unterrichtsstoff schon weiter waren als andere, auf die linke Seite der Klasse gesetzt und welche, die noch stärker gefördert werden mussten nach rechts. Die linksseitig sitzenden Kinder benötigten wenig Hilfe bei der Bearbeitung der Aufgaben und rechts saß immer eine Assistentin, wie ich beispielsweise, welche als Unterstützung diente. Die Kinder dazwischen wurden von der Lehrerin vermehrt betreut. Damit konnte jedem Kind eine individuelle Hilfe je nach Lernstand zur Verfügung gestellt werden. Kinder, die darüber hinaus noch zusätzlich gefördert werden mussten, wurden zu einem sogenannten Förderunterricht namens "Vonex" gerufen, damit diese den Unterrichtsfluss nicht aufhielten, aber auch nicht den Anschluss verloren. 

Ähnlich wie im deutschen Inklusionsansatz, hatten wir zwei autistische Kinder in der Klasse. Eines davon benötigte eine zusätzliche Betreuerin. In diesem Zeitraum wurden mir die unterschiedlichen Ausprägungen von Autismus erstmals bewusst und wie diese unterschiedlich gefördert werden müssen. 

Kind braucht Hilfe im Sachkundeunterricht

Wie in den meisten englischen Schulen tragen die Schüler*innen alle Schuluniformen. Das bietet den Vorteil, dass nicht unterschieden werden konnte zwischen Kindern aus armen und wohlhabenden Familien. 

Meine Aufgaben waren die Betreuung der Kinder durch "Supervision", Unterstützung bei den gestellten Aufgaben und Korrekturen der Tests und Hausaufgaben. Größtenteils habe ich mich mit den etwas "schwierigeren" und verhaltensauffälligen Kindern auseinandergesetzt, welche eine stärkere Betreuung benötigten. Zudem habe ich auch für andere Lehrer*innen in Vertretung einen Unterricht geleitet, sofern diese mal den Klassenraum verlassen mussten. Das bot die Möglichkeit auch darüber hinaus unterschiedliche Kinder kennenlernen zu können.

Die Didsbury Grundschule ist eine katholische Schule, d.h. es wurde auch mehrfach am Tag gebetet und einmal im Monat steht ein gemeinsamer Kirchenbesuch an. Damit die Kirche nicht allzu voll ist, wechseln sich die unterschiedlichen Klassen immer ab.

Insbesondere ist mir der liebevolle Umgang der Lehrer*innen aufgefallen, nicht nur mit den Kindern, sondern auch untereinander. Es ist zudem ein schönes Gefühl in der Grundschule den Kindern täglich etwas Neues beibringen zu können und es wird einem täglich vor Augen geführt, was man geleistet hat. Das hat mir viel Freude bereitet. 

Abschiedsgeschenk der Klasse 7

Im Unterschied zu Deutschland brauchen die Grundschullehrer*innen in England kein volles Lehramtsstudium. Es reicht ein Bachelorabschluss verschiedenster Fachrichtungen plus einer pädagogischen Schulung. Selbst mit einem Bachelor of Laws könnte man dort als Lehrer*in arbeiten. Insgesamt sind die Verdienstmöglichkeiten in England im Grundschulbereich aber auch deutlich geringer als in Deutschland. 

2. Woche Council Tameside One

In der zweiten Woche hospitierte ich in der Kommunalverwaltung der Stadt Tameside (Region Manchester). Das Verwaltungsgebäude heißt "Council Tameside One" und hat seinen Verwaltungssitz in der Stadt Ashton-under-Lyne. Die Stadt hat ca. 225.000 Einwohner (Stand 2018). An meinem ersten Tag wurde mir das neue Verwaltungsgebäude gezeigt, welches riesig ist. Alle Abteilungen dieser Stadt befinden sich in einem Gebäude, was für die Einwohner*innen besonders praktisch ist, da diese nur noch einen Standort aufsuchen müssen. Dieses Gebäude gibt es aber auch erst seit einem Jahr. Zuvor wurde das Rathaus nebenan verwendet und viele kleinere Gebäude, ähnlich wie in Wuppertal. 

Council Tameside One

Politisch stärkste Macht ist die "Labour" Partei (51 von 57 gewählten Councillors /Stadtratsmitglieder in Tameside repräsentieren die Labour Partei), welche eine sozialdemokratische Partei ist (ähnlich wie die SPD). Dementsprechend auffällig waren überall Plakate für die Labour-Partei aufgehängt für die bevorstehende Wahl. 5 Councillors vertreten die Partei "Conservative" und einer die "Green Party". 

Mein "Ausbilder"

Generell zu meinem zweiten Praktikumsteil: Was soll ich sagen, es war eine Stadtverwaltung, aber in modern. Mein "Ausbilder" war unglaublich freundlich und auch das Arbeitsklima zwischen den Mitarbeiter*innen war besonders gut. 

Leider konnte ich zum Thema "Ausbildung" dort nicht viel erfahren, denn das Council bildet selbst nicht aus. Für einen Arbeitsplatz im Council muss man bereits einen Bachelor abgeschlossen haben und wird dann in eine spezielle Abteilung eingearbeitet. Es werden auch regelmäßig Praktikant*innen aufgenommen. 

Mein Arbeitsplatz

Nach dem Rundgang wurde mir mein Praktikumsprogramm vorgestellt. Ich durfte mit Kolleg*innen aus den folgenden Fachbereichen sprechen und somit Kenntnis über diese Bereiche erlangen: Soziale Medien, Stadtplanung, Versorgung und Marketing.

Darüber hinaus besuchte ich Events, wie zum Beispiel eine Bürgerversammlung zu dem Thema "Altersvorsorge".

Ziele des Councils Tameside One

Einige eigenständige Arbeiten habe ich auch geleistet: die Überarbeitung von Excel-Dateien, zur Ausarbeitung von Kinderzahlen in den jeweiligen Stadtgebieten von Tameside, die bildliche Darstellung des Versorgungsgrades der Stadtgebiete und die Untersuchung der sozialen Medien im Vergleich zu der Marketingaufstellung des Councils Tameside One. 

Die Arbeit und Arbeitszeit durfte ich mir selber einteilen, wichtig war nur, dass ich 7 Stunden täglich arbeitete. Die tägliche Arbeitszeit der Mitarbeiter*innen liegt bei 37,5 Stunden in der Woche, auf Vertrauensbasis.

Daneben ist mir aufgefallen, dass das Durchschnittsalter der Beschäftigten sehr jung ist und viele Mitarbeiter*innen in meiner Etage erst seit kurzer Zeit dort arbeiteten.

Durch die Errichtung des neuen Gebäudes wurden auch die technische Ausstattung sowie die Gebäudestruktur grundlegend geändert. Das heißt es wurden Großraumbüros errichtet. Jedem Mitarbeitenden wurde ein Laptop zugeteilt, welcher nach der Arbeit im eigenen Spind verstaut werden oder mit nach Hause genommen werden kann. An jedem Arbeitsplatz gibt es "Andockstationen" für Rechner, dadurch kann jederzeit der Arbeitsplatz verändert werden. Grundsätzlich haben trotzdem die meisten Personen ihre "Stammplätze". Das heißt aber auch, dass die Arbeitsplätze sehr "kahl" sind, keine Dekoration und keine persönlichen Gegenstände, denn am Ende des Tages wird dieser schließlich wieder geräumt. Ansonsten war die Umgebung aber auch relativ laut, jedoch kann ich sagen, dass ich die Umgebungsgeräusche schon nach dem 3. Tag ausschalten konnte. 

Positiv ist daran, dass dadurch viel Platz und Kosten gespart werden konnten und sich der Austausch untereinander verbessert hat, so die Erfahrung der Mitarbeiter*innen und neue Ideen einfacher entwickelt werden konnten.

E-Akten wurden dort schon lange eingerichtet und es befanden sich in diesem Gebäude auch keine Akten mehr.

Digitale und funktionelle Einrichtung der Arbeitsplätze

Sehr aufgeschlossen zeigt sich die Verwaltung gegenüber den sozialen Netzwerken, in denen sie vertreten sind: Facebook, Instagram und vor allem Twitter. Jeden Tag wurde auf jedem Netzwerk mindestens drei Artikel gepostet, welche auch "Memes" und Spaßartikel umfassten. Es wurden beispielsweise aus alten Fotos oder Artikeln Witze kreiert oder einfach nur die neusten Informationen und Pläne mitgeteilt. Dies lockerte Verwaltungsthemen sehr auf und regte zum Lesen an, im Gegensatz zum sehr konservativem Umgang deutscher Behörden mit sozialen Medien!


Das nehme ich mit …

Im Endeffekt kann ich nur sagen, dass das EU-Praktikum ein voller Erfolg war. Es fördert nicht nur die Motivation an der Arbeit und die Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber, sondern ermöglicht neue Erfahrungen machen zu können, die einen gerade als Berufseinsteigerin zugutekommen. Auch die Wissenseinblicke in die Kinder- und Jugendarbeit sowie das Schulsystem und der digitale Fortschritt bringen mich in meinem Stadtbetrieb weiter und können zu neuen Ideenansätzen führen, die der Stadt Wuppertal nützlich sein können. Ich kann nur jedem empfehlen ein EU-Praktikum zu absolvieren.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

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