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EUROPA Förderung

Auszubildende und Ausbilder*innen berichten aus dem Praktikum

Wuppertal goes Europe – Arbeiten in Nijmegen/ Niederlande

Vera Frittsche ist Leistungssachbearbeiterin und Ausbilderin beim Jobcenter Wuppertal und hat vom 28.10. bis 15.11.19 in der Gemeente Nijmegen ein EU-Praktikum absolviert.

Nijmegen

In den ersten Tagen meines Praktikums durfte ich die älteste Stadt der Niederlande – Nijmegen- traditionell mit dem Fahrrad bzw. mit dem E-Bike erkunden. Nijmegen - deutsch: Nimwegen, befindet sich im Osten der Niederlande und grenzt unmittelbar an Nordrhein- Westfalen. Oft sprechen die hier lebenden Niederländer sehr gut Deutsch. Ansonsten kann man sich problemlos auf Englisch verständigen. Gleichzeitig gab ich mir Mühe kleinere Redewendungen und die Begrüßung in Niederländisch auszusprechen.

Meine „Stadtführer*innen“, allesamt Mitarbeitende der Gemeente Nijmegen, zeigten mir neben den zahlreichen Überresten der Baukunst aus der Zeit der Römer, auch einen neuen Teil der Stadt, in dem kreative Köpfe und junge Start Up’s alte Fabriken und Industriegebäude durch neue Unternehmenskonzepte zum Leben erwecken.

Bei unterschiedlichen Stadtführungen bewunderte ich historische Gebäude, Kirchen und die älteste Einkaufspassage: Die Lange Hezelstraat. Die Einkaufsstraße grenzt unmittelbar an das Rathaus „Stadhuis“ an. Dadurch lernte ich auch die Einkaufsmöglichkeiten und nette Cafés zum Verweilen nach dem Feierabend kennen und schätzen.

Die Stadt Nijmegen stellt allen Mitarbeitenden nicht nur Wifi, Laptops und Handys zur Verfügung sondern auch die Entscheidung frei, an welchem Arbeitsort sie arbeiten möchten. Es kann das Büro, das eigene Zuhause oder ein ganz anderer Ort sein.

Das klassische Büro kennt man in Nijmegen nicht mehr. Es gibt auf allen Ebenen des Rathauses offene Arbeitsplätze, große Gruppentische sowie individuelle Sitzecken, die alle mit Steckdosen und Zugängen zum hausinternen System ausgestattet sind. Für Gruppenmeetings können große Besprechungsräume gebucht werden.

Wer jedoch abseits des offenen Raumkonzepts seine Ruhe haben möchte, kann sich gerne in ruhige Ecken zurückziehen. Dies ist an den unterschiedlich farblich gekennzeichneten Arbeitszonen erkennbar.

Absprachen zum Gruppenmeeting oder Verabredungen zu Terminen werden über das Arbeitshandy geregelt. Hiermit werden auch spontane Treffen zum gemeinsamen Mittagessen in der hausinternen Cafeteria vereinbart. Der Zugang zur Cafeteria ist für alle Bürger*innen offen. Gerne wird die Cafeteria auch zu spontanen Besprechungen genutzt.

Die Internationale Abteilung

Ein wichtiger Teil des Praktikums war eine mehrtätige Hospitation in der internationalen Abteilung. In diesem Zusammenhang durfte ich an unterschiedlichen Tagen meine niederländischen Kollegen*innen der Gemeente Nijmegen zu internationalen Treffen der Grenzländer Deutschland und Niederlande begleiten. Wir nahmen in den Städten Moers und Kleve in Deutschland an der Städtetagung und an der Kommission für wirtschaftliche Angelegenheiten teil. Beide Städte befinden sich geografisch in der Grenzregion Niederlande-Deutschland.

Bei dem internationalen Austausch lernte ich, dass Nijmegen zu einer von sieben Gemeinden des Grenzgebiet Euregio Rhein-Waal gehört. Das Grenzgebiet umfasst eine großen Teil der Provinz Gelderland (Niederlande) und Teile Nordrhein- Westfalens. Der Zusammenschluss der deutsch-niederländischen Region unterstützt grenzüberschreitende Aktivitäten auf vielfältige Weise und ist somit Vorreiter für europäische Integration auf lokaler und regionaler Ebene. Kooperationen über die Landesgrenzen hinweg werden hier intensiv gefördert. Besonders interessant sind die Aktivitäten für Grenzgänger oder diverse Projektpartner wie Firmen, Vereine, Organisationen oder angrenzende Kommunen. Verbraucher und Unternehmen der Grenzregion können durch die Euregio Rhein-Waal Hilfestellung und Anleitung in Bezug auf Arbeit, Wohnungssuche oder Zusammenarbeit grenzüberschreitenden Unternehmen erhalten.

Es war wirklich interessant zu sehen, wie auf den Tagungen zwischen den Sprachen Deutsch und Niederländisch fließend gewechselt wurde. Eine ungeschriebene Regel ist, in der eigenen Landessprache sein Anliegen vorzutragen, denn so- wurde mir erklärt- werden die meisten Missverständnisse aus dem Weg geräumt.

Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Deutschland und den Niederlanden sind so intensiv wie nie zuvor. Wo die geografische Lage an der Grenze früher ein Nachteil war, wird die Grenze jetzt immer mehr als Chance verstanden.

Werkbedrijf - das Jobcenter

Die „Grenze als Chance“ begreifen auch die Mitarbeitenden des „WerkBedrijf“ (das Pendant zum Jobcenter). Es werden Projekte zur Arbeitsvermittlung initiiert, die genau das positive Potenzial mobilisieren, welches die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bietet.

Bei meinem Besuch im „Werkbedrijf“ durfte ich an Terminen zur Arbeitsvermittlung teilnehmen.

Doch bevor eine Vermittlung im Allgemeinen stattfinden kann, muss jede/r neuangemeldete Kunde*in einen Test in der jeweiligen Muttersprache ablegen. Dadurch erhalten die Arbeitsvermittler*innen wichtige Hintergrundinformationen zur Person. Durch die Testergebnisse erhält die Integrationsfachkraft wichtige Informationen über das Sprachniveau, den beruflichen Werdegang oder Gesundheitszustand des jeweiligen Menschen. Folglich kann so eine bessere Einstufung der persönlichen Förderung stattfinden. Dabei gibt es hier unterschiedliche Teams, die sich in diversen Berufsgruppen, wie Logistik, Handwerk, Gastronomie, Reinigung, Büromanagement etc. widmen.

Ein großer Unterschied war auch, dass die Kunden*innen aufgrund des offenen Bürokonzepts an der Rezeption abgeholt werden. Anschließend finden die Vermittlungsgespräche in lockerer Atmosphäre in der Cafeteria oder extra dafür vorgesehenen Sitzecken statt.

Mir wurde auch die Arbeitswerkstatt des Werkbedrijf gezeigt. Hier arbeiten Menschen mit Vermittlungshemmnissen in unterschiedlichen Abteilungen. Sofern Hemmnisse abgebaut werden können, findet eine Umorientierung der Vermittlungziele statt. Bei anschließenden Vermittlungsbemühungen stehen die Bedürfnisse jedes Einzelnen im Vordergrund.

Die Mittagspause verbrachten wir anschließend in einem Bistro für soziale Arbeit. Menschen mit oder ohne Behinderung können hier arbeiten und Fähigkeiten erlernen, die sie in der Gastronomie einsetzen können. Der Werkbedrijf übernimmt hier für die Geemente Nijmegen wichtige Inklusionsarbeit. Darüber hinaus war das Essen sehr lecker.

Zudem begleitete ich Mitarbeitende des Werkbedrijf nach Utrecht - eine Stunde Zugfahrt von Nijmegen entfernt - zum transnationalen Austausch mehrerer teilnehmenden Gemeinden. Dabei wurde über das Thema Integration von Menschen mit Flüchtlingshintergrund in den niederländischen Arbeitsmarkt gesprochen. Wir wurden in Gruppen eingeteilt und arbeiteten an unterschiedlichen Themengebieten zum neuen Änderungsgesetz: Integration in den Niederlanden.

Mir ist aufgefallen, dass oft Veranstaltungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitssuchenden in lockerer Atmosphäre vom Werkbedrijf organisiert werden. Diese Art von „Netzwerken“ ermöglicht Arbeitssuchenden u.a. die Angst vor formellen Gesprächen zu nehmen und in kurzer Zeit viele Arbeitgeber kennen zu lernen. Ein Angebot, um beim informellen Austausch den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. In diesem Zusammenhang besuchten wir auch die Nachbarstadt Arnheim, in der Menschen mit Flüchtlingshintergrund und Unternehmen die Chance bekommen, sich kennenzulernen und einen ersten Kontakt knüpfen.

Der Werkbedrijf betreibt Vermittlungsarbeit auf allen Ebenen und berücksichtigt dabei die individuellen Voraussetzungen der Arbeitssuchenden auf dem Weg in Arbeit.

Die Personalabteilung

Weiter ging es im Praktikumsverlauf mit der Personalabteilung. Zuerst durfte ich hier bei einer Besprechung der Personalberater*innen teilnehmen. Beim Brainstorming für eine neue Personalbeurteilungskampagne wurde, aufgrund meiner Anwesenheit, auf die englische Sprache gewechselt. Ich durfte mich mit meinen Ideen einbringen. Die Kollegen*innen waren sehr an den Unterschieden unseres Arbeitsablaufs interessiert und haben sich ein paar Anmerkungen in ihr Programm aufgeschrieben.

In der Personalabteilung wurden die Kollegen*innen auf das Erasmus+ Programm aufmerksam. Zu meiner Freude gab ihnen dies einen Anreiz, ebenfalls über die Teilnahme am Programm für ihre Trainees nachzudenken.

Ausbildung und dem Traineeprogramm widmen. Hierzu lernte ich die Gründerin des Traineeprogramms kennen. Sie erzählte vom Beginn des Programms und gab mir einen guten Einblick in den Ausbildungsplan eines Trainees. Das Traineeprogramm startete im Jahr 2016. Ein Trainee ist im Gegensatz zum deutschen Ausbildungssystem kein klassischer Auszubildender mehr. Oftmals ist es ein junger Mensch, der bereits einen Abschluss auf Bachelor- oder Masterniveau hat.

Um mehr Diversität in der Personalstruktur zu gewährleisten, werden auch Absolventen*innen mit Mittlerer Reife eingestellt. Die klassische Ausbildung, wie wir sie kennen, gibt es hier nicht.

Die Ausbildung eines Trainees dauert in der Regel zwei Jahre und jeder Trainee kann individuell entscheiden, welche Abteilung für seine berufliche Perspektive interessant ist. Für Trainees gilt eine vier-Tage-Arbeitswoche, der fünfte Tag ist immer ein Schultag, der ebenfalls im Stadhuis stattfindet. Hier werden den Trainees theoretische Ausbildungsinhalte der Gemeinde vermittelt. Es kann aber auch sein, dass gemeinsame Freizeitangebote von den Ausbilder*innen organisiert werden.

Loopbaanmiddag- Laufbahnnachmittag Nijmegen

Darüber hinaus durfte ich an einem „Loopbaanmiddag“- wörtlich übersetzt: Laufbahnnachmittag teilnehmen, welcher dazu dient, Ausbildungsmöglichkeiten und Vermittlungsperspektiven in der Provinz Gelderland kennen zu lernen.

Im Sinne der Netzwerkarbeit, stellten sich im Laufe des Nachmittags Gemeinden, Personalentwicklungsfirmen und Interessierte vor.

Auch die Vorstellung des Traineeprogramms sowie das Thema Digitalisierung standen dabei sehr im Fokus. Es wurde deutlich, wie wichtig es für eine Gemeinde ist, in sozialen Netzwerken bekannt zu sein. Im Netz holt man die jungen Menschen am besten ab -potenzielle Nachwuchskräfte werden auf die Arbeitsstellen der Gemeinde aufmerksam. Während der Veranstaltung gab es auch die Möglichkeit, professionelle Bewerbungsfotos zu machen. Anschließend wurden diese bearbeitet und per E-Mail an die Person versendet. Zudem nahmen an der Veranstaltung auch Unternehmen teil, die ihre zu besetzenden Stellen veröffentlichen.

Lab Safari - Ausflug nach Deutschland

Im Rahmen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit begleitete ich 50 Studenten*innen der Deutsch-Niederländischen Sprachwissenschaften und Mitarbeitende der ortsansässigen Unternehmen zum Tagesausflug nach Nordrhein-Westfalen. Jede/r Student*innen wurde einem/r Unternehmer*innen zugeordnet. Somit war das Kontaktknüpfen sehr einfach und die Gruppe wurde bewusst vermischt. Die Lab Safari diente möglichen Absolventen*innen dazu, zukünftige Arbeitgeber*innen aus der Region kennenzulernen. Der erste Tagespunkt war ein Besuch der Firma G Data für Internet-Sicherheit in Bochum. Hier wurde mir das erste Mal bewusst, wie viel schädliche Programme durch diese Firmen tatsächlich vernichtet werden. Wir lernten viel über die Arbeit von Internet-Sicherheitsdiensten und ihren wichtigen Beitrag zur Digitalisierung.

Weiter ging es mit einer Hafenrundfahrt durch den Duisburger Innenhafen. Außerdem stellten während des ganzen Tages die Studenten*innen und Unternehmer*innen ihre jeweiligen grenzüberschreitenden Projekte vor. Der Fokus lag primär auf deutsch-niederländischen Aspekten wie: das Arbeiten, Studieren oder Vernetzung von Unternehmen im jeweiligen Land. Der Tag endete mit einer Führung durch die Veltins Arena auf Schalke und traditionell mit einem „Borrel“ –ungefähr übersetzt: etwas trinken und sich unterhalten. Das „Borrelen“ wird zum Netzwerken und Kontaktknüpfen genutzt. An diesem Tag war auch der Business Club der niederländischen Provinz Gelderland anwesend. Dies war eine gute Gelegenheit für die Anwesenden, sich intensiver kennenzulernen.

Resümee

Das Praktikum war sehr aufregend und lehrreich. Durch das abwechslungsreiche Praktikum bekam ich einen 360-Grad-Rundumblick in die Arbeitswelt der Gemeente Nijmegen. Mein Eindruck wurde bestärkt, dass die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern sehr intensiv ist. Auch die EU-Praktika im Rahmen von Erasmus+ tragen dazu bei.

Für meine tägliche Arbeit habe ich viel mitgenommen. Insbesondere, wie Ausbildungsabschnitte für Trainees individuell gestaltet werden können. Dazu gehört auch, die Zusammenarbeit zwischen Ausbilder*innen und Trainees zu festgelegten Zeiten zu reflektieren, Unterstützung anzubieten und je nach (Lern)Bedürfnissen und Entwicklungsstand, Arbeitsaufgaben und Lernmethoden anzupassen.

Ich konnte erfahren, dass konzentriertes und produktives Arbeiten an jedem Ort stattfinden kann und nicht von der Anwesenheit in einem Büro abhängt.

Zudem habe ich meine Englischkenntnisse aufgefrischt und erste niederländische Wörter gelernt.

Abschließend möchte ich anmerken, dass ich von den Kollegen*innen in Nijmegen sehr herzlich empfangen wurde. Es herrschte eine ausgeprägte Willkommenskultur. Dementsprechend war es leicht, mich einzubringen und mich mit den Kollegen*innen auszutauschen. Ich wurde sofort als Teil des Teams aufgenommen und eingebunden.

Aber vor allem möchte ich meinen direkten Ansprechpartner Marc danken. Er war immer für mich da und war sehr offen für Anregungen oder Änderungen des Praktikumsablaufs. Aufgrund Marcs Engagements und den Einsatz aller Kollegen*innen, die involviert waren, wurde mein Praktikum in Nijmegen super gestaltet. Aufgrund meiner guten Erfahrungen kann ich nur jedem empfehlen, sich im Ausland „auszuprobieren“.

Erläuterungen und Hinweise

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