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EUROPA Förderung

Auszubildende und Ausbilder*innen berichten aus dem Praktikum

Wuppertal goes Europe – Arbeiten in Vilnius / Litauen

Herr P. ist Bauleiter im Team Projektmanagement und Vergabe des Ressorts Straßen und Verkehr und betreut die Ausbildung u.a. der angehenden Stadtbauoberinspektor*innen.

Er absolvierte sein zweiwöchiges Praktikum in der Stadtverwaltung Vilnius und in mehreren angeschlossenen städtischen Eigenbetrieben vom 03.06.2019 - 14.06.2019.

Blick aus dem Verwaltungsgebäude

Laba diena oder auch: Guten Tag aus der 20. Etage des Verwaltungsgebäudes der Stadtverwaltung Vilnius.

Die Stadtverwaltung von Vilnius, der Hauptstadt Litauens, beschäftigt rund 800 Mitarbeiter*innen und kooperiert zusätzlich mit mehr als 200 ausgelagerten Firmen. Die Stadt, die es zu verwalten gilt, erstreckt sich über eine Fläche so groß wie Paris, beherbergt rund 575.000 Einwohner und hat in Folge dessen mehr als 3.500 laufende Straßenkilometer. Des Weiteren gibt es Stadtplätze, Spielplätze, Parks, und sogar Strände die intensive Betreuung benötigen.

Betriebshof

Ich habe mein Praktikum hauptsächlich bei einer Tochterfirma namens GRINDA absolviert, die in Zusammenarbeit mit der Kernverwaltung verschiedenste Aufgaben in der Unterhaltung der oben genannten Infrastruktur wahrnimmt.

Mein Arbeitsplatz auf dem Betriebshof von GRINDA befand sich im Büro von E., dem PR-Manager der Firma. Die Aussicht aus unserem Büro war nicht ganz so imposant wie in der Kernverwaltung, E. hat sich jedoch über die kompletten 2 Wochen um mich gekümmert und seine umfangreichen Kontakte regelmäßig genutzt, um mir die bestmöglichen Eindrücke während meines Praktikums zu ermöglichen.

Ich konnte also im Verlauf meines Aufenthaltes mehrere interessante Eigenbetriebe und verschiedenste Abteilungen in der Kernverwaltung besuchen, um mir einen Eindruck von den ungewohnten Organisationsstrukturen und insbesondere der interdisziplinären Zusammenarbeit in dem Geflecht aus Gremien, Eigenbetrieben und Kernverwaltung zu verschaffen. Besonders der Umgang mit der Schnittstellenproblematik und die digitalen Lösungsansätze zur Bewältigung der Informationsfluten durfte ich, neben meiner Haupttätigkeit in der Bauüberwachung, kennenlernen.

Station 1 - GRINDA

GRINDA ist eine, durch die Stadt Vilnius „aufgekaufte“, Straßenbaufirma mit rund 500 Mitarbeiter*innen. Die Zusammenarbeit mit der Kernverwaltung Vilnius ist für 5 Jahre vertraglich geregelt hat und beinhaltet diverse Aufgabenfelder.

GRINDA ist unter anderem mit der Straßeninstandsetzung, dem Regenwassermanagement, der Straßenreinigung und technischen Hilfeleistungen beauftragt.  Verwaltet werden in diesem Zusammenhang rund 1.500 laufende Straßenkilometer im südlichen Stadtgebiet. Außerdem umfasst der Kontakt die Unterhaltung des städtischen Tierheims und die Betreuung der neun innerstädtischen Strände an den Green Lakes und der Neris.

TV-Interview am Balsys-See

Besonders mit den Stränden hatte E., bei den für Litauen eher untypischen Sommertemperaturen von über 35° C, einiges zu tun. Hier eines der vielen TV-Interviews vor dem neuen Rettungsturm der GRINDA-Rettungsschwimmer am Balsys-See.

Aufgaben der Rettungsschwimmer konnte ich leider mangels Tauglichkeit nicht übernehmen, so wurde ich mit einer Bestandsaufnahme der baulichen Anlagen an allen neun Stadtstränden beauftragt und konnte für E. das ein oder andere Interview vorbereiten.

Asphaltarbeiten für einen neuen Radweg

Die meiste Zeit bei GRINDA wurde ich jedoch in der „Bauleitung“ eingesetzt. Beim Ausbau des städtischen Radwegenetzes werden jährlich mehrere Kilometer Radwege neu angelegt und asphaltiert. Bei der Organisation, der örtlichen Bauüberwachung, der Dokumentation und in der Abrechnung konnte ich den örtlichen Kolleg*innen etwas Arbeit abnehmen. Bei der Vielzahl der laufenden Baustellen, war den Straßenbaumeistern jede Hilfe recht.

Neuer Basketballplatz

Eines der gelungensten Projekte während meines Aufenthaltes war eine neu entstandene Parkanlage in einem der älteren Wohnviertel. Der frisch asphaltierte Basketball-Court lockte bereits unmittelbar nach der Freigabe jede Menge basketballbegeisterte Bürger*innen an. Auf meine Frage, ob im Park denn auch ein Bolzplatz mit Fußballtoren wäre, bekam ich nur zu hören: „Basketball is our second religion!“

So habe ich in meiner Funktion als Bauleiter annähernd so viele Basketballplätze in Asphaltbauweise begleitet, wie asphaltierte Straßen und gepflasterte Gehwege zusammen.

Bau eines neuen Regenrückhaltebeckens

Der Klimawandel scheint auch vor den baltischen Staaten nicht Halt zu machen, neben den bereits erwähnten Temperaturrekorden, bereiten auch Trockenperioden und stärker werdende Starkregenereignisse den litauischen Ingenieuren Probleme, wie mir T., einer der jüngeren Bauleiter, erklärte. So entsteht in der Folge im Westen der Stadt eine komplett neue Infrastruktur zur Regenwasserbehandlung. In den letzten Jahren wurden Stadtteile und Straßenzüge bei Regenfällen immer häufiger überflutet. Bei einer der vielen Diskussion des Projektteams über die weitere Entwicklung der Niederschlagsereignisse haben wir nicht nur Erfahrungswerte ausgetauscht, sondern auch gegenseitig Kontakte vermittelt.

Besonders die Wuppertaler Starkregenkarte stieß auf großes Interesse. Aktuell laufen im Westen der Stadt die Arbeiten an der zukünftig größten Regenwasserbehandlungsanlage in Litauen. Dank T. habe ich eine Privatführung auf der Baustelle bekommen und konnte möglicherweise mit unseren Erfahrungswerten aus dem Unwetter vom Mai 2018 einige neue Lösungsansätze anstoßen.

Selfie der besonderen Art: Herr P. (li.) und der litauische Kollege R.

Zuletzt ist auch die Untersuchung der innerstädtischen Verkehrsströme von der städtischen Gesamtverkehrsplanung an GRINDA vergeben. Während meines Aufenthaltes lief unter anderem eine groß angelegte Verkehrsuntersuchung des westlichen Hauptknotenpunktes auf dem Innenstadtrings. Drohnenpilot R. und ich dokumentierten den Verkehrsfluss in den morgendlichen Spitzenzeiten über mehrere Stunden und zeichneten Videos aus diversen Perspektiven für das Vilnius City Traffic Operation Department auf. Mit der Übergabe der Datenträger war meine Arbeit bei GRINDA dann auch getan. Zum Abschied gab es ein paar ganz besondere Selfies.

Blick in die Zentrale des Verkehrsmanagements

Station 2 - SUSISIEKIMO PASLAUGOS

Im City Traffic Operation Department (CTOD) werden die Videos weiterverarbeitet und digitale Verkehrssimulationen aus ihnen erstellt. Mein Gastgeber R. (Head of Traffic Control Division) leitet die Abteilung der Gesamtverkehrsplanung in der Tochterfirma der Stadtverwaltung Vilnius, welche auch unter dem Namen City Traffic Operation Department bekannt ist. Auch das CTOD ist eine Art Tochterfirma des Stadtverwaltung Vilnius.

In R.´s Abteilung durfte ich unter anderem mehrere Stunden aktiv in der Verkehrsüberwachung tätig sein und zur morgendlichen Spitzenstunde mehrere Kreuzungen auf den Bildschirmen des Überwachungssystems beobachten. 

Verkehrsüberwachung

Die eingehenden Daten in der Verkehrsleitzentrale werden im Rahmen der „OPEN DATA“ permanent als Screenshots im Internet bereit gestellt, oder in kartengestützte Verkehrsinformationen für interessierte Bürger*innen umgesetzt.

E-Bus

Nebenbei fällt mir in der Verkehrsleitzentrale von Vilnius auf, dass Elektromobilität nicht erst seit gestern gelebt wird. Angesichts des stolzen Alters von 40 Jahren haben sich die meisten der circa 200 Trolleybusse gut gehalten.

Station 3 - VILNIAUS PLANAS

Der Eigenbetrieb VILNIUS PLANAS, bei dem ich dank E. kurzfristig ein paar Stunden verbringen durfte, ist verantwortlich für die zentrale Datenverarbeitung und die Bereitstellung von Grafiken und Karten auf dem Open-Data-Portal der Stadtverwaltung.

Hier werden also auch Daten aus dem CTOD weiterverarbeitet und in passende Darstellungsformen umgewandelt.

Des Weiteren werden hier zurzeit rund 200 kommunale Großprojekte aller Art betreut und mit aktuellen Informationen versorgt. Bei VILNIUS PLANAS werden Daten also nicht nur gesammelt und gespeichert, sondern auch weiterverarbeitet und jedem Interessierten mundgerecht zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus werden Anwendungen zur Verbesserung des Informationsaustausches und zur Optimierung von verwaltungsinternen Workflows entwickelt. Glaubt man den Aussagen meines Gastgebers und Geomatikers A., so hat die Verfügbarkeit glaubwürdiger und nachvollziehbarer Informationen nicht nur zur verbesserten Workflows innerhalb und außerhalb der Verwaltung geführt, sondern auch das Vertrauensverhältnis zwischen Bürger*innen, Gremien und Stadtverwaltung merklich verbessert. 

Station 4 – KERNVERWALTUNG, Abteilung Straßenbau

Von den zu betreuenden 3.500 Straßenkilometern sind circa 3.000 Kilometer in Asphaltbauweise und mehr als 500 km in Pflasterbauweise oder – besonders am Stadtrand – als „Schotterpisten“ hergestellt. Zum Vergleich, Wuppertal kommt auf rund 1000 Straßenkilometer, ebenfalls zum Großteil in Asphaltbauweise.

Technische Abnahme von Asphaltarbeiten - hier: Bohrkernentnahme

Verantwortlich für die Straßennetze in Vilnius ist ein Team aus 5 Ingenieuren. Für den abschließenden Teil meines Aufenthaltes war ich für R. tätig, Bezirksingenieur im Süden der Stadt und zugleich Teamleiter der 5-köpfigen Ingenieurgruppe in der Abteilung Straßenbau.

Nach meiner Tätigkeit bei der städtischen Tochter GRINDA als Auftragnehmer, konnte ich bei R. auf die andere Seite Tisches wechseln und meinen gewohnten Tätigkeiten als Auftraggeber und Straßenbaulastträger nachgehen. Die Tätigkeiten sind nahezu deckungsgleich mit denen, die ich auch in Wuppertal ausübe. So haben wir diverse Asphaltarbeiten begleitet, abgenommen, Mängelbeseitigungen veranlasst, Rechnungen geprüft und die Arbeitsergebnisse über die jeweils dazugehörigen Apps in die Open-Data-Datenbank eingepflegt.

Bei 34° C im Schatten sind die Diskussionen die R. und ich mit Baufirma und Labor zu führen hatten, noch etwas hitziger als sonst.

Neben dem Tagesgeschäft, konnte ich mit R. natürlich auch noch über die Ausbildung und Einarbeitung neuer Ingenieure austauschen.

In Litauen gibt es für Ingenieure und Architekten allerdings kein vergleichbares zentrales Ausbildungsprogramm, wie ich es aus Deutschland kenne. Das Stadtbauoberinspektorenamt für Tief- und Hochbau ist in den Organisationsstrukturen der litauischen Verwaltung nicht vorgesehen. Die nötigen Kenntnisse und der Umgang mit Recht und Gesetz müssen hier neben dem Berufsalltag und Baugeschehen selbständig erlernt werden.

Zum Schluss war es sehr lehrreich für mich, noch einmal in einer vergleichbaren Rolle tätig gewesen zu sein, wie die Stadtbauoberinspektoren bei der Stadt Wuppertal in ihrer 14-monatigen Verwaltungsausbildung.

Insbesondere die Vorteile eines Verwaltungsumlaufes und die erworbenen Kompetenzen der theoretischen Ausbildung wurden mir erneut bewusst und ich hoffe meine gewonnenen Erkenntnisse gewinnbringend in die Ausbildung neuer Ingenieure einfließen lassen zu können.

Fazit:

Eigeninitiative gewinnt! Am Ende habe ich tatsächlich jeden Bereich kennen gelernt, der mich interessiert hat, weil ich einfach danach gefragt habe.

Einen gewöhnlichen Arbeitstag hatte ich in Vilnius zwar nicht, die unterschiedlichen Einsatzbereiche erlaubten mir jedoch, mir ein Bild vom Großen und Ganzen zu machen. Insbesondere bei der Integration von Apps und Datenbanken in den Arbeitsalltag des kommunalen Infrastrukturmanagements konnte ich einiges mitnehmen und den digitalen Vorsprung mit allen Vor- und Nachteilen im Arbeitsalltag erleben.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

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