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Kulturbüro

Freitagnachmittag

Freitag ist der Tag an dem ich mich um die Post kümmere. An allen anderen Tagen bin ich im Homeoffice.

Jeden Tag kümmert sich jemand anderes aus dem Team um die Post. Die analoge Post, die Post in Papierform. Ich sitze im leeren Zimmer von Julia und Christine. Versehe die Post mit einem Eingangstempel. Vermisse die Kolleginnen. Ich vermisse auch mein altes Büro im Rathaus am Neumarkt. Da sitzt jetzt ein Bundeswehrsoldat, unter meinem Plakat von Else Lasker-Schüler. Auch er kümmert sich, kümmert sich um die Infizierten. Else schaut ihm zu. Das Büro von Frau Paust ist sehr ordentlich aufgeräumt. Beneidenswert. Auch die Schreibtische meiner Kolleginnen Petra und Annika sind sehr ordentlich aufgeräumt. Ihr Glas mit den Gummibärchen ist leer. Es ist seit Wochen leer. Ein Choreograf ruft an. Er möchte wissen, wie man ein neues Publikum findet. Ein Publikum, das noch nie bei einer Kulturveranstaltung war. Ein Publikum aus unterschiedlichen Ethnien, das sich dann bei seiner Veranstaltung kennen lernt und näher kommt. Und er sagt, er bräuchte eine Managerin, eine die Gelder akquirieren kann, die Anträge schreiben kann, mit der man inhaltlich diskutieren kann, die ihn auf seinem künstlerischen Weg begleitet, den Rücken frei hält und immer für ihn da sei. Ich sage, das was du suchst, ist eine Lebenspartnerin auf beruflicher Ebene. Er meint, ja genau, du hast mich verstanden. Ich zünde ein Räucherstäbchen an. Ich höre Schritte. Rufe durchs Haus. Keiner antwortet. Wahrscheinlich waren es Geräusche von nebenan, vom Stadtmarketing. Das Haus von 1820 ist sehr hellhörig. Mir fällt ein, dass ich letzen Freitag meinen Teller nicht gespült habe. Ich gehe in die Küche. Der Teller ist inzwischen gespült. Das Telefon von Max klingelt ununterbrochen. Ich gehe nach unten, hebe den Hörer ab. Keiner ist dran. Es klingelt wieder. Keiner antwortet. 17:30 Uhr. Ich verlasse das Büro. Nebenan im Stadtarchiv ist noch Licht an. Gehe zu Fuß nach Hause, auf den Lichtscheider Berg. Im Böhler Wald fragt mich ein Mann mit einem Kind, ob ich wüsste, wo wir sind. Ich schaue ihn etwas irritiert an und sage: in Wuppertal.

Urs Kaufmann

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Bildnachweise

  • Foto: Mark König
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