Inhalt anspringen

Wuppertal / Kolumne

Festung Europa

Beinahe täglich spielen sich menschliche Tragödien an Europas Außengrenzen ab. Meistens wird nicht darüber berichtet, denn nicht immer sind die Vorfälle so außergewöhnlich, dass sie Eingang in die Medien finden. Aber Ceuta, Melilla und vor allem Lampedusa sind zu Sinnbildern der verzweifelten Flucht vor der Hoffnungslosigkeit in krisengeschüttelten Gebieten der Welt geworden. Aber nach dem weltweit bejubelten Fall der Berliner Mauer wurde eine neue errichtet: zwischen arm und reich. Sie wird immer effektiver bewacht.

Dr. Moustapha Diallo / © privat

Wer diese Mauer überwindet, lernt die zynische Unterscheidung zwischen politischen und wirtschaftlichen Motiven kennen, als ob die Flucht vor politischer Verfolgung edler wäre als die vor der Not. Mit bürokratischer Konsequenz wird die Flucht vor dem Elend kriminalisiert. Zur Abschreckung wird die Methode der Entwürdigung angewendet. Bedenkenlos spricht man von „Flüchtlingsbekämpfung“, als handle es sich um Schädlinge. Diese Haltung ist umso widersprüchlicher, als man unaufhörlich vom Zeitalter der Globalisierung spricht.

Über die Gründe für die Sehnsucht nach Europa wird wenig erzählt: Mit unlauteren Handelsabkommen (EPA) betreiben die reichen Nationen ein Dumping, das ganze Wirtschaftsbereiche in Afrika und anderswo lahmlegt; über den IWF und die Weltbank werden Strukturanpassungsprogramme diktiert, die die Existenzgrundlage großer Teile der Bevölkerungen zerstören. Und ebenso gelassen fördert man den Export jener Waffen, vor denen die Menschen irgendwann fliehen müssen. Mit den Folgen dieser Politik will man aber nichts zu tun haben.

Diese Schieflage stellen immer mehr Betroffene in Frage, indem sie von ihren Erfahrungen berichten. Mit ihren Geschichten brechen sie nicht nur aus der Anonymität aus, sondern überwinden auch die Sprachlosigkeit. Indem sie Einblick in die Welt und das Leid der Flüchtlinge und der Tragödie ein Gesicht geben, erfüllen sie eine wichtige Funktion von Literatur. Sie leisten auch einen Beitrag zur Entwicklung eines neuen Bewusstseins und mahnen zu einem menschlichen Verständnis von Globalisierung: Einer Globalisierung, die nicht auf den Waren- und Kapitalverkehr beschränkt ist, sondern als gerechte Gestaltung der Weltgesellschaft verstanden wird.

Auf diese humanistische Herausforderung wies schon Walter Benjamin vor mehr als achtzig Jahren hin: „Menschen als Spezies stehen zwar seit Jahrtausenden am Ende ihrer Entwicklung; Menschheit als Spezies aber steht an deren Anfang.“ Die Sehnsucht nach Europa entspringt nur der Perspektivlosigkeit in den benachteiligten Gesellschaften. Und daran ist Europa nicht unbeteiligt.

Dr. M. Moustapha Diallo

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Stadt Wuppertal

Diese Website nutzt Cookies, um Ihnen die optimale Nutzung und die Sicherheit unseres Angebotes zu gewährleisten. Weitere Informationen finden Sie im Datenschutzhinweis.

Datenschutzerklärung DSGVO
Seite teilen