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Wuppertal / Kolumne

Gute Aussichten: Literaturzeitschriften heute

Dicht am Strom der literarischen Neuerscheinungen liegt der Seitenarm literarischer Zeitschriften. Damit sind Periodika gemeint, die sich nicht als Sekundärmedien oder Werbeblätter der Buchbranche verstehen, sondern in eigener Mission unterwegs sind. Der Blick in einschlägige Verzeichnisse verliert sich angesichts der Vielzahl an Titeln. Vorsichtige Schätzungen bewegen sich um die 100. Und dies in einer Zeit, in der nicht wenige fragen, wozu das Medium Literaturzeitschrift überhaupt noch taugt. Die maßgeblichen ästhetischen Debatten, so die Kritiker, fänden in den Feuilletons überregionaler Zeitungen statt; die begehrten Nachwuchsschreiber förderten die Wettbewerbe oder besser gleich die Literaturagenturen zutage; und als Versuchsgelände für junge Talente habe die Zeitschrift ohnehin ausgedient – dafür sei das Netz inzwischen besser geeignet. Ein Medium unter Legitimationsdruck. Zugleich war das Angebot an literarischen Zeitschriften nie grandioser als heute, nie waren sie in Inhalt und Form avancierter. Es kommt sogar ab und zu vor, dass sich eine neue Gruppe mit einer neuen Zeitschrift ins Delta der bereits bestehenden wagt – mit der festen Absicht, ihre Schreibweisen durchsickern zu lassen.

Sucht man den Überblick, muss man mit Traditionsblättern wie Akzente, Sinn und Form, Sprache im technischen Zeitalter oder Neue Rundschau beginnen. Jede dieser Zeitschriften kann auf mindestens 50 Jahre ununterbrochener Publikation sowie auf ein Autorenverzeichnis verweisen, das stellenweise wie eine Liste moderner Klassiker anmutet. Jede von ihnen steht zudem unter dem Schutz einer Institution, sei es ein Verlag oder eine Stiftung. Dass sich diese Zeitschriften vielfach eher der Traditionspflege widmen, als den jüngsten Bewegungen nachzugehen, ist vermutlich auch ihrer arrivierten Leserschaft geschuldet. Trotz erfreulicher Überschneidungen gilt: Die junge Szene hat ihre eigenen Organe. Doch auch diese existieren nicht im luftleeren Raum – literarische Zeitschriften brauchen nahe Resonanzräume, um über eine Handvoll Ausgaben hinweg zu bestehen.

Die BELLA triste etwa, 2001 in Hildesheim gegründet, ist eng mit dem dortigen Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus verbunden. Aus dessen Studierenden rekrutiert sich die vielköpfige Redaktion, die dreimal im Jahr ein neues Heft vorlegt. Text und Layout setzen auf Pop und Experiment zugleich, weshalb sich auch die ‚literarische Avantgarde‘ dort gut aufgehoben fühlt. Alle drei Jahre stemmen die Herausgeber der Bella zudem das Literaturfestival Prosanova, bei dem es auch um die Erprobung alternativer Lesungsformate jenseits der berüchtigten Wasserglaslesung geht.

Die hier Genannten (und einige mehr) verbindet, dass sie den leidigen Abgesängen trotzen und sich auf die Stärken ihres Mediums besinnen. Da das Netz die einstmals wesentliche Informationsfunktion inzwischen besser erfüllt als Gedrucktes, können sich literarische Zeitschriften heute ohnehin stärker denn je ihrer jeweils eigenen Programmatik hingeben. Die Vielfalt literarischer Formen ist ihr eigentliches Thema. In Zeitschriften darf wuchern, was im Buchmarkt längst der Monokultur des bürgerlichen Romans gewichen ist: Erzählungen, Gedichte, Essays, Prosaminiaturen, Stücke, Listen, Manifeste, Gespräche. Auf träge Veröffentlichungszyklen müssen sie dabei keine Rücksicht nehmen – was interessant erscheint, ist vielleicht schon in wenigen Wochen beim Leser. In einer Zeit, in der die Feuilletons der Gegenwartsliteratur – womöglich zu Unrecht – Gleichschaltung, vorauseilenden Gehorsam und eine ästhetische wie inhaltliche Anspruchslosigkeit attestieren, lohnt der Blick in Literaturzeitschriften mehr denn je.

Mathias Zeiske

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