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Wuppertal / Kolumne

Unterwegs nach Europa

Die Europäische Union (EU) wurde im Dezember 2012 mit einem der renommiertesten Preise unserer Gegenwart ausgezeichnet: dem Friedensnobelpreis. In der Begründung wird ausdrücklich auf die friedliche Entwicklung in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges verwiesen und dabei der entscheidende Beitrag der EU mit Blick auf Integration und Demokratisierung herausgestellt. Die Auszeichnung zeigt zugleich, dass Europa und die EU nicht statisch sondern prozesshaft verstanden werden: Europa und auch die EU sind auf dem Weg. Die Auszeichnung ist somit zugleich als Auftrag zu verstehen.

Dr. Katja Schettler / ©privat

In der medialen Öffentlichkeit herrscht seit Beginn der Finanzkrise in Griechenland vermehrt ein skeptischer Blick auf „Europa“ vor – Europa und EU werden dabei häufig als Synonyme verwandt. Die Kluft wird größer zwischen den reichen wohlständigen Ländern wie Deutschland und ärmeren Ländern in Ost- und Südeuropa. Die größtenteils polemisch geführte Debatte über die Regelung der Arbeitnehmerfreizügigkeit zu Beginn dieses Jahres gibt hiervon Zeugnis: Der Zuwanderer aus Bulgarien oder Rumänien ist der Fremde, der betrügt, der sich unrechtmäßig am Wohlstand anderer bereichert. An die Stelle des Gemeinsamen tritt das Partikulare, die Nation, die sich dezidiert abgrenzt von einem „europäischen Wir“. Brüssel als Hauptsitz der EU stiftet nicht Identität, sondern steht für Bürokratisierung und Zentralismus. Die zunehmende Staatsverschuldung in Südeuropa und die damit einhergehende Verschlechterung der finanziellen Lage in den Ländern stärkt diesen skeptischen Blick. Beginnt hier die Abkehr von der Idee eines vereinten Europas, das seinen Bürgern Frieden und Wohlstand sichert? Droht das Projekt Europa zu scheitern?

Die Wuppertaler Literatur Biennale 2014 hat das Motto „unterwegs nach Europa“ gewählt. Sie verschreibt sich damit einem Motto, das von höchster tagespolitischer Aktualität umgeben ist. Ihr Augenmerk liegt auf dem Projekt Europa. Diesem wohnt, anders als der Spezifizierung EU, eine Mehrfachcodierung inne. Und genau darin liegt das Potenzial: Literatur hat die außerordentliche Qualität, neue Denk- und Lebensräume zu wagen, in Geschichten und Figuren Grenzen zu überschreiten, Vertrautes zu verlassen, sich Neues anzuverwandeln und Erlebtes und Erzähltes zu erinnern. Literatur ist Bewegung – das Erzählen von Geschichten ist das Reisen durch Zeiten und Räume. Literatur bedeutet Überschreitung – das Entwerfen neuer möglicher Welten.

Das Projekt „Europa“ ist von Widersprüchlichkeit und Ambiguität gezeichnet: Das Zurücktreten des nationalen Denkens zugunsten eines europäischen steht für ein Europa des Kräfteausgleichs und der Friedenssicherung. Dies bedeutet keinesfalls die Aufhebung von Differenzen, vielmehr erweist sich das Differente als Gewinn sowohl für das Eigene als auch für das Gemeinsame. Pluralität in Bezug auf Sprache, Religion, Glaube, Nation und Kultur werden so genuin europäisch und entsprechend konstitutiv für die europäische Literatur gedacht.

Das Europäische muss dabei immer in Beziehung zu den Ländern anderer Kontinente gesehen werden. Zugewanderte aus dem nicht-europäischen Raum suchen aus unterschiedlichen Gründen in Europa eine neue Heimat. Literatur und Europa heißt die Überschreitung von regionalen, nationalen und kontinentalen Grenzen. Doch auch hier trifft man auf Widersprüchlichkeiten: Denn Europa bedeutet zugleich die „Festung Europa“ – also ein Lebensraum, der sich gegenüber Flüchtlingen aus Nicht-EU-Ländern zunehmend abschottet. Der befriedete Raum Europa wird so zu einem exklusiven Raum; Zuflucht- und Hilfesuchenden aus krisenerschütterten Regionen außerhalb der EU bekommen zu diesem nur schwerlich Zugang.

Europa ist somit (inter-)kultureller Kontinent, geographischer Subkontinent und politisch-wirtschaftlicher Staatenbund. Hinter Europa steht die „Idee Europa“, die wiederum mit Freiheit, Befriedung, Wohlstand, Demokratie und Pluralität, zum anderen mit Ab- und Ausgrenzung in Verbindung gesetzt wird. Pluralität meint hier nicht Beliebigkeit, sondern Reibung, Dialogizität und Gewinn. Und nicht zuletzt ist Europa Gedächtnis zweier tiefgreifender Erschütterungen des 20. Jahrhunderts: die Erinnerung des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

Die Wuppertaler Literatur Biennale 2014 mit dem Thema „unterwegs nach Europa“ ist notwendig mehrsprachig und möchte mit Autoren-Lesungen und Gesprächsforen die Vielfalt an Literaturen als Schatz europäischer Literatur abbilden. Dabei gilt es nicht, einem bestimmten Bild von Europa nachzugehen; das Besondere ist vielmehr die Offenheit der literarischen Antworten.

Die Literatur Biennale 2014 lädt zu einer imaginären Reise nach Europa ein und möchte mit dem Veranstaltungsprogramm seine Besucher zu lustvoll lesenden Mitreisenden machen — ganz im Sinne des großen europäischen Erzählers Umberto Eco, für den das Lesen die gesamte Physis des Menschen umfasst: „Das Auge liest, und der ganze Körper macht mit. Lesen heißt auch, eine richtige Position zu finden, es bezieht den Hals, die Wirbelsäule, die Gesäßmuskeln mit ein.“

Dr. Katja Schettler (Katholisches Bildungswerk Wuppertal/Solingen/Remscheid)

Umberto Ecco, Eine Liebeserklärung, in: Kulturreport. Fortschritt Europa (2010), S. 10-17; hier S. 11.

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Bildnachweise

  • Stadt Wuppertal

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