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Wuppertal / Kolumne

Wie die Schlafwandler - Vor 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg

Was kann die Literaturbiennale 2014 zum 100sten Jahr des Beginns des 1. Weltkrieges noch Neues bieten? Die Medien sind gefüllt mit Schicksalen, alten und neuen Analysen, Bildern von Fronten und Kampfhandlungen, Rückblicken und Erwägungen zur Kriegsschuld. Weitgehend Unbekanntes kommt auch zu Tage: Warum waren selbst Persönlichkeiten wie Martin Buber, Franz Marc, Thomas Mann oder Max Weber ergriffen vom allgemeinen Taumel der Begeisterung? Waren es auch die Soldaten an der Front? Ist das alles für uns noch begreifbar?

Hermann Schulz / © Fritz Kohmann

Die Verluste, das Leiden und der Tod (beider Kriege) prägen bis heute fast jede Familie, auch wenn die Gefallenen und Ermordeten kaum noch jemand persönlich gekannt hat. Woran erinnern wir uns in den Veranstaltungen der 2. Literaturbiennale? An die Frage, wie es zu diesem Krieg kam? Ob beim Ende des 1. Weltkrieges und den Verträgen von Versailles bereits die Grundlagen für den 2. Weltkrieg gelegt wurden? Dazu gibt es vielfache, wenn auch keine endgültigen Antworten, so im gerade erschienenen Werk des australischen Historikers Christopher Clark „Die Schlafwandler“; es beschäftigt sich nur in wenigen Zeilen mit der Frage der Kriegsschuld, denn alle, so seine Erkenntnis, die rüsteten und drohten, waren schuldig. Die Bedeutung des Buches, das akribisch die Dokumente der Vorkriegszeit aller beteiligten Nationen, von Serbien, Österreich-Ungarn bis Frankreich und dem Deutschen Reich auswertet, ist die Frage: wie es zu diesem Krieg kommen konnte. Manche sehen vielleicht in dem Werk eine Entlastung der Deutschen, die nicht nur als die Verlierer, sondern auch allgemein als die Schuldigen galten und gelten. Für aufmerksame Leser des Werkes von Clark ist die Frage einer Alleinschuld obsolet.

Das gilt überraschend auch für zahlreiche literarische Werke, die seit den 20er Jahren bis heute in Frankreich, England oder Belgien erschienen sind. Dort sind dieser Krieg und die Folgen in zahlreichen Jugendbüchern, Romanen und Sachbüchern, anders als bei uns, bis heute lebendig. In Deutschland fühlten sich die Überlebenden um den Sieg betrogen, die Propaganda tat ein Übriges! Die Verträge von Versailles setzten einen Stachel in die Herzen der Nation. Die als schmachvoll empfundene „Niederlage“, mit so viel Blut bezahlt: Alles vergeblich? Und dann kam Hitler, der darauf bauen konnte.

Der plötzlichen Flut des Gedenkens werden wir Literatur gegenüber stellen, die meist vergessen oder verschollen war („Weltenbrand“ am 28. Mai). In der Veranstaltung „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ (27. Mai um 10 Uhr ELS-Schule und um 17 Uhr Citykirche) wird die Journalistin Alexandra Rak von ihrem Projekt berichten, Autoren von heute Geschichten zum Thema abzufordern; ein spannendes Unternehmen, veröffentlicht im Buch des S. Fischer Verlages mit gleichem Titel. Eine Autorin (Natalie Savina) und ein Autor (Hermann Schulz) werden ihre Geschichte lesen und Dokumente zeigen. Da wird auch immer die Frage auftauchen, nach welcher teuflischen Logik dieser Krieg, den führende Militärs auch in Deutschland schon 1914 als verloren ansahen, vier blutige Jahre dauern konnte.

Gründe genug, dass wir uns mit hellsichtigen alten und neuen literarischen Texten aus Vergangenheit und Gegenwart dem Thema stellen.

Hermann Schulz

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  • Stadt Wuppertal

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