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Wuppertal / Literaturpreis 2014

Die Helle der See vor Messina - Anja Kampmann

Der vollständige Text wird in der Literaturzeitschrift KARUSSEL abgedruckt.

... Durch die Ritzen der Badtür drang der Geruch von Pfirsichreiniger herüber. Es war ein wortloses Dunkel, in dem wir etwas unaufgeregt schwitzten. Am Ende fasste sie mich an, und ich lag still, bis sie eingeschlafen war. Ich kam seit gut zwei Jahren zu ihr, sie verlangte nichts dafür, nur ab und zu ein Geschenk, als sei ich ihr doch etwas schuldig. Sie war nach der Wende aus einem kleinen Ort in Thüringen aufgebrochen und auf Malta hängengeblieben, der unterste Rand von Europa, sagte sie, auf dem Leute wie du und ich anstranden wie erstickte Tiere nach einer Ölpest. Alle Wege stehen uns offen, um zurückzukehren, ringsum sichert die Küstenwache die Grenzlinien und in die tiefsten Stellen sinken die Träume von Karrieren in Fußballvereinen oder ganz normalen Berufen. Was dort sinkt und verloren geht ist das, was uns fehlt.

... Die Enge der Zechensiedlung, die zerfressene Lunge meines Vaters. Auch die pastosen Himmel auf den Postkarten schienen keinen Platz mehr für mich zu lassen. Ich würde anheuern im Europoort von Rotterdam. Erst am Mittag, auf der Fähre nach Messina, vor dem unwirklichen, von Möwen durchzogenen Blau, die Beine über den Wassern, bekam ich eine Vorstellung davon, was es für ihn bedeutet hatte, jeden Tag in dieselbe Küche zurückkehren zu können, auf der Eichenbank zu sitzen im Warmen, die Brechbohnen aus dem Garten von Anthrazitstaub gewaschen, das Husten der Abende, die Geräusche der Gardinenstangen um halb zehn Uhr Abends. Dort, an dem engen Tisch hinter dem Schrank, saß noch immer der Junge, der am Tag bis an die Ränder der Siedlung gezogen war, und schwieg zu seinen Rechenaufgaben.

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