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Wuppertal / Kolumne

Saat der Buchstaben

Die arabische Literatur der Gegenwart

Der Taxifahrer war empört. Die USA, fand er, benähmen sich Ägypten gegenüber unerträglich arrogant. Man sollte den Spieß bei nächstbester Gelegenheit einfach einmal umdrehen. Zum Beispiel, wenn demnächst mal wieder ein weißer einen schwarzen Amerikaner töten würde. Dann, meinte der Taxifahrer, sollten die Ägypter öffentlich aufschreien. Schließlich sei das Opfer ein Afrikaner, habe zumindest afrikanische Wurzeln – und sei darum im weitesten Sinne ein Landsmann der Ägypter. Deshalb müssten diese darauf pochen, die Rechte der Schwarzen in den USA zu verteidigen, notfalls vor internationalen Gerichten.

Chalid Al-Chamissi / © Markus Kirchgessner

Es ist eine skurrile Situation, die der ägyptische Autor Chalid Al-Chamissi in seinem Erfolgsband „Im Taxi“ entwirft. Skurril, weil sie die Verhältnisse umdreht und eine ungewohnte Perspektive eröffnet: Die USA erscheinen aus Sicht des Taxifahrers, mit dem der Autor sich unterhält, als zweifelhafter Rechtsstaat und mit ihren Atom- und sonstigen Massenvernichtungswaffen zudem als Gefahr für die Weltöffentlichkeit. Zeit für Ägypten also, die USA zur Vernichtung ihres tödlichen Arsenals aufzufordern – und ihnen, falls sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, mit Abbruch der Beziehungen und notfalls sogar mit Krieg zu drohen. Denn so, wie es derzeit läuft, kann und darf es mit Amerika nicht weitergehen.

Eine ironische Umkehrung der Perspektive, ein neuer, ungewohnter Blick auf die Verhältnisse: Das ist das wohl typischste Kennzeichen der jüngeren arabischen Literatur – einer Literatur, die nicht nur westliche Leser überrascht, sondern auch jene, die in dem weiten, von Marokko bis zum Jemen sich spannenden Bogen zu Hause sind.

„Versucht die Türen aufzubrechen“, rief der syrische Dichter Nizar Qabbani (1923 – 1998) im Jahr 1968 seinen Lesern zu. „Wascht eure Gedanken wie Ihr eure Kleider wascht/Versucht Bücher zu lesen,/Bücher zu schreiben/Buchstaben zu säen wie Granatäpfel und Trauben“. „Hawâmish ´ala daftar al naksa“, „Randbemerkungen zum Heft des Desasters“, heißt jenes berühmt gewordene Gedicht, das Qabbani unmittelbar nach der Niederlage einiger arabischer Staaten gegen Israel geschrieben hatte. Nach diesem Krieg war für die Araber nichts mehr wie zuvor. Sie verloren ihr Selbstvertrauen, ahnten, dass nicht nur ihr militärisches, sondern auch ihr politisches und kulturelles Arsenal von gestern war. Und so schrieb Qabbani Zeilen, die auch aus dem Jahr 2011 stammen könnten, jenen heißen Winterwochen, in denen der „arabische Frühling“ ausbrach. Darin beschwört er eine „wütende Generation“, eine Generation, „die Horizonte aufreißt/die Geschichte von den Wurzeln an aufreißt/und das Denken in seinen Tiefen öffnet/wir wollen eine kommende Jugend/die Fehler nicht vergibt ... und nicht erlaubt,/die sich nicht beugt/und die Heuchelei nicht kennt“.

Samar Yazbek / © Manaf Azzam

Nach über 40 Jahren ist nun eine Generation von Schriftstellern angetreten, die diesen Aufruf viel leichter umsetzen kann als ihre Vorgänger. Al Jazeera, Mobiltelefone, Twitter und Facebook haben den jungen Arabern die Welt geöffnet. Informationen lassen sich nicht mehr verstecken, die Ideologien früherer Jahre, vom Panarabismus bis zum Islamismus, haben durch liberale Vorstellungen scharfe Konkurrenz bekommen. Der marokkanische Schriftsteller Abdellah Taia beschreibt in „Das Jahr des Königs“ seine Jugend in den 80er Jahren unter König Hassan II – eine Zeit, in der er auch seine Homosexualität entdeckte. Der algerische Dichter Habib Tengour lässt in seinem Band „Seelenperlmutt“ in bestechendem Scharfsinn die Stereotypen einknicken, mit denen Orient und Okzident einander wahrnehmen; der ägyptische Autor Alaa al-Aswani beschreibt die ökonomischen Nöte seiner Landsleute, ihr Leiden an der allgegenwärtigen Korruption; der syrische Autor Nihad Siris berichtet aus Syrien, das seit gut vierzig Jahren unter der Diktatur der Assad-Familie leidet. Woher nehmen die Menschen ihre Kraft und ihren Lebensmut? Siris hat eine bestechend einfache Antwort: „Lachen und Sex wurden unsere Waffen, sie hielten uns am Leben. Früher war schreiben für mich der wichtigste Beweggrund gewesen, weiterzumachen. Doch nachdem das Schweigen über mich verhängt wurde, fanden wir heraus, dass auch Sex eine Art Reden, ja ein Aufschrei gegen das Verstummen sein kann.“ Und doch, irgendwann genügten Sex und Lachen nicht mehr, brach ein Aufstand los, den das Regime in Damaskus mit aller Härte niederzuschlagen versuchte. So dass die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek in ihrem Essay „Schrei nach Freiheit“ vor allem einer Frage nachgeht: „Wie wird der Mensch zu einer Tötungsmaschine?“ Viele arabische Gegenwartsautoren gehen dieser Frage nach; mehr aber noch stellen sie sich die Frage, was sich tun lässt, um ein Leben in Würde zu führen. „Nur Spielen rettet vor dem Tod“, schreibt die libanesische Autorin Alawiyya Sobh und umreißt damit prägnant die Aufgabe der Literatur: eine Welt jenseits der Wirklichkeit zu erfinden. Eine Welt aber auch, die eines Tages Wirklichkeit werden soll. Arabische Autoren schreiben um der Zukunft willen.

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