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Wuppertal / Kolumne

„Alle reden von Freiheit – wir auch!“

Friedrich Engels, Armin T. Wegner und Else Lasker-Schüler

Freiheit ist aus historischer Perspektive ohne die Ideen der Aufklärung und die Französische Revolution nicht zu begreifen. „Liberté, Egalité, Fraternité!“ – Die revolutionären Postulate von 1789 meinten die Aufhebung ständischer Privilegien und die ökonomische, politische und soziale Gleichheit der neu entstandenen Schicht des Bürgertums. Im 19. Jahrhundert formte sich daraus ein bürgerlich-liberales Freiheitsverständnis, das die Emanzipation von staatlichen Zwängen und religiöser Bevormundung, aber ebenso die kapitalistische Freiheit zur Ausbeutung umfasste. Die Unfähigkeit und den Unwillen der Bürger, ihren Wohlstand und die erkämpften Rechte mit der neuen Klasse der Arbeiter zu teilen, hat wohl niemand besser erkannt als der in Barmen geborene Fabrikantensohn Friedrich Engels (1820–1895).

Friedrich Engels / © Historisches Zentrum Wuppertal

Friedrich Engels

Begeistert von humanistischen Ideen, geriet er schon als junger Mann in Opposition zu seinem Vater und prangerte in den 1839 veröffentlichten „Briefen aus dem Wuppertal“ scharfzüngig das Elend des Industrieproletariats an, das durch Alkohol und den protestantischen Pietismus in Unfreiheit und Abhängigkeit gehalten wurde: Die Weber sitzen vom Morgen bis in die Nacht gebückt und lassen sich vom heissen Ofen das Rückenmark ausdörren. Was von diesen Leuten nicht dem Mystizismus in die Hände gerät, verfällt dem Branntweintrinken. 1848 schrieb er mit Karl Marx das „Kommunistische Manifest“. Es erklärte den besitzenden Bürger zum „Bourgeois“ und – in der Zukunft – das Proletariat zum Sieger der Geschichte. Engels und Marx entwarfen in ihrer folgenreichen Schrift mit revolutionärer Rhetorik ein Gesellschaftsmodell, das eine scharfsichtige Analyse des entfesselten Kapitalismus unserer Zeit darstellt, in der politischen Realität allerdings selbst wieder Unfreiheit produzierte.

Armin T. Wegner / © Historisches Zentrum Wuppertal

Armin T. Wegner

Armin T(heophil) Wegner (1886–1978), geboren in Elberfeld, entstammte einem gegen Ende des 19. Jahrhunderts fest etablierten Bürger-Milieu. Es war zwar nicht primär durch Besitz und Religion, aber von der Mentalität eines aufstiegsorientierten, strengen und autoritätsgläubigen preußischen Beamtentums geprägt. Wie schon für Friedrich Engels, wurden auch für Wegner Bildung und Lernen der Schlüssel für den Erwerb einer geistigen Freiheit, mit der sich der promovierte Jurist vom anarchistisch angehauchten expressionistischen Schriftsteller zu einem pazifistischen und moralisch integren Menschenrechtsaktivisten entwickeln konnte. Schon 1914, im allgemeinen Taumel nationaler Euphorie und Kriegsbegeisterung, verfasste Wegner einen Aufruf gegen den Krieg. Er blieb wirkungslos. Wegner meldete sich freiwillig als Krankenpfleger zum Sanitätsdienst und nahm 1915 am Feldzug in der Türkei teil. Als Sanitätsoffizier wurde er dort Augenzeuge der Vertreibung und Ermordung der im damaligen Osmanischen Reich nach Freiheit und Unabhängigkeit strebenden Armenier. Dieses Erlebnis veränderte und beherrschte sein weiteres Leben. Er informierte darüber die Öffentlichkeit, intervenierte bei der deutschen Regierung und schrieb einen „Offenen Brief“ an den US-Präsidenten Wilson. Anfang der 1920er Jahre begann er einen nur als Fragment überlieferten Roman über den Völkermord: „Die Austreibung“. Geschildert wird darin auch die Vorbereitung eines als Freiheitsakt beschworenen Attentats auf einen „jungtürkischen“ Politiker: Deshalb müssen wir die Kräfte aller dazu erwecken, die den Namen eines Osmanen tragen, ganz gleich, ob sie Türken, Griechen, Armenier oder Juden heissen – alle die in gleicher Weise zu den schuldlosen Opfern eines wahnsinnigen Herrschers geworden sind! – Freiheit und Gleichheit! Sie sollen leben!

Else Lasker-Schüler / © Stadtbibliothek Wuppertal

Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler (1869–1945) war, so ihre Biografin, eine „Spielerin am Abgrund“. Ihr dichterisches Werk und vielleicht mehr noch ihr Leben kann man als höchst eigenwillige Variationen bürgerlicher Freiheit betrachten. Die in Elberfeld Geborene kam aus einem gut situierten und wohlhabenden jüdischen Elternhaus, dem man trotz aller formalrechtlichen Gleichstellung und angestrebter Assimilation die vollgültige Integration in die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft verwehrte. Das hat auch die junge Dichterin geprägt. 1903 befreite sie sich aus ihrer Ehe mit dem Arzt Berthold Lasker, zog nach Berlin und heiratete erneut – den Ober-Avantgardisten Herwarth Walden, mit dem sie und andere die expressionistische „Sturm“-Bewegung gründete. Else Lasker-Schüler pflegte und kultivierte ihr Image als Außenseiterin und umgab sich mit einer Aura des Auserwähltseins. Ihre öffentlichen Lesungen waren performanceartige Auftritte bei Kerzenlicht und mit pseudo-arabischem Sprechgesang, vor allem, wenn sie als Prinz von Theben, ihrem dichterischen Alter Ego, firmierte. Literatur und Selbstinszenierung sind bei Lasker-Schüler untrennbare Teile ihrer gelebten künstlerischen Autonomie. Damit irritierte und spaltete sie das Publikum – auch in Elberfeld, wo sie 1912 zu einer Lesung in der Stadthalle (im heutigen Mendelssohn-Saal) eingeladen war. Der „General-Anzeiger“ schrieb am Tag danach: Und nun las sie; […] Grelle Verzückungslaute durchschnitten hier und da diesen eintönigen Fluß ihrer Rede, und oft mündete er in einem schrillen Trompetenstoß, der ein Gedicht jäh und unerwartet abschloss. Das Publikum war starr vor Staunen, bis es sich der Wirklichkeit erinnerte und kopfschüttelnd, lachend und schwatzend dasaß oder – verschwand.

Michael Okroy

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