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Wuppertal / Kolumne

„ Wenn die Fahnen flackern, rutscht der Verstand in die Trompete“

Eine Expedition in den Sprachkosmos der Herta Müller

Herta Müller / © Annette Pohnert - Carl Hanser Verlag

„Ihr Werk, dessen Kraft sich aus dem Schrecken speist, ist zugleich reich an Schönheit und für den Leser ein großes Glück“, schreibt Volker Weidermann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Werk Herta Müllers. Der Schrecken beginnt für die Schriftstellerin spätestens 1967, als Nicolae Ceauşescu Staatspräsident Rumäniens wird und unter seiner Führung das Land zu einer der grausigsten Diktaturen unter den Vasallenstaaten Moskaus mutiert. Herta Müller ist da gerade 14 Jahre alt. Der Spitzeldienst der Machthaber, firmierend unter dem euphemistischen Titel Securitate, verbreitet Angst und Schrecken. Der Ceauşescu-Klan beutet das eigene Volk aus; viele Rumänen leben in bitterer Armut. Herta Müllers Großvater hatte seine Erfahrungen am Ende des II. Weltkrieges in einem Satz zusammengefasst: „Wenn die Fahnen flackern, rutscht der Verstand in die Trompete.“ Ein Satz, der sich nun unter dem Ceauşescu-Regime auf fatale Weise zu wiederholen scheint und sich tief in das Bewusstsein Herta Müllers einbrennt. Die Trompete zu blasen, hat sie sich stets geweigert.

Das erste Mal verweigert sie sich 1979, als die Securitate sie zu Spitzeldiensten zwingen will. Herta Müller verliert daraufhin ihren Beruf als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Sie empfindet die Lage in dem totalitären Regime als bedrohlich. Aber „auf die Angst vor dem Tode“ reagierte sie „mit einem Durst nach Leben“, sagt sie 2009 in ihrer Stockholmer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises. Und Todesangst, so Herta Müller weiter, erzeuge Lebenshunger. Daher werde die Freiheit umso größer, „je mehr Wörter wir uns nehmen können“. Das Schreiben, die kartografische Vermessung der Innenwelten von Bewusst- und Unterbewusstsein werden zu Orten des inneren Widerstands, zu jenen Räumen, an denen die eigene Würde und Freiheit in den Zeiten der Diktatur bewahrt werden können: Literatur als (Über-)Lebensmittel.

Doch ihre Gedichte und Romane sind nicht nur Ausdruck eines Kampfes um Freiheit und Würde, sie sind vor allem Sprachkunstwerke. In ihrem Gedichtband „Im Haarknoten wohnt eine Dame“ sind die Personen und Dinge des alltäglichen Lebens, was sie sind: Der Friseur ist ein Friseur, das Akkordeon ein Akkordeon und das Messer ein Messer. Im Sinnraum des Gedichtes aber werden die Dinge zu Chiffren, zu mehrdeutigen Zeichen, die ihre Bedeutungen erst im Kontext erfahren:

Wenn der Friseur Akkordeon spielt

Liegt noch das Messer auf dem Tisch

und jedes Lied nimmt sich ein Glück

woher es kann. […]

Der lyrische Kosmos der Herta Müller ist reich bevölkert von solchen Dingsymbolen, die wohl der Lebenswelt der Dichterin als Mädchen und junger Frau entspringen und die für sie eine ganz persönliche magische Bedeutung haben. Doch die Gedichte Herta Müllers sind nicht hermetisch; der Leser kann durch den ganz eigenen, unverwechselbaren Rhythmus und Duktus der Verse eintauchen in die Fülle der Sprachbilder und sich selbst (s)einen eigenen oder auch kollektiven Reim darauf machen: Wie bei den vier Zeilen oben, in denen das Lied – trotz der lauernden Bedrohung durch das Messer – sich sein Glück holt – „woher es kann“.

Damit ist zugleich aber auch das poetische Programm, die verstörende und betörende sprachliche Schönheit der Dichtungen Herta Müllers, in einer ersten vorsichtigen Annäherung beschrieben. In ihrem jüngsten Roman Atemschaukel schildert Herta Müller das Schicksal des fiktiven siebzehnjährigen Siebenbürger Sachsen Leopold Auberg, der im Januar 1945 in ein ukrainisches Arbeitslager deportiert wird. „Es ist ein erschütternder Roman, [...] ein verstörendes Meisterwerk, mutig und sprachschöpferisch, ein Versuch, aus dem Inneren der Hölle zu sprechen, einer ganz eigenen, bildstarken Sprache, die dort Worte finden muss, wo die herkömmlichen versagen, das Grauen nicht zu fassen vermögen“, schreibt Karl-Markus Gauss in der Süddeutschen Zeitung.

Dabei sind Sprache und Konstruktion des Romans nicht zuletzt ein Ergebnis der genauen Recherchen Herta Müllers. Ab 2001 zeichnete sie die Erinnerungen von Betroffenen auf. Unter anderem begleitete sie den Lyriker Oskar Pastior (1927 – 2006) auf einer Reise in das Lager, in dem der Schriftsteller fünf Jahre lang als Zwangsarbeiter der UdSSR lebte.

Die Schrecken des Lagerlebens werden in einer Sprache geschildert, die wirklichkeitsnah und -gesättigt ist und sich zugleich wie ein hauchfeines lyrisches Gewebe über die Erinnerungen des Ich-Erzählers legt. Herta Müller gelingt das Kunststück der Verdichtung von Realistik und ihrer poetischen Transformation, in der die Dinge sind, was sie sind, und sie dennoch ihre eigene Magie für den Ich-Erzähler entfalten, eine Magie, in der die Kraft zum Überleben steckt. Ein Erzähl- und vielleicht auch ein Lebensmodell, das für den Leser – wie Weidermann sagt – „ein großes Glück“ ist.

Heiner Bontrup

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Bildnachweise

  • Stadt Wuppertal

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