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Wuppertal / Essays

Ich wurde hier geboren zwischen Torf und Grog

MODERNE DORFGESCHICHTEN, MODERNE PROVINZLITERATUR
von Dr. Christoph Jürgensen

Dorfgeschichte und Provinzliteratur stehen in keinem guten Ruf. Mit ihnen verbinden sich Assoziationen von Enge, im gleichermaßen räumlichen und ideologischen Sinn, von Rückständigkeit und Konservativismus – eben von Provinzialität in allen ihren Facetten. Und das mag mit einigem Recht so sein. Denn zwar wollten einst vereinzelt Autoren wie Jean Paul die Idee eines aufklärerischen Universalismus gerade auf dem Land verwirklicht wissen, weshalb er zum Beispiel programmatisch formulierte: „Lasse sich doch kein Dichter in einer Hauptstadt gebären und erziehen, sondern womöglich in einem Dorfe“. Aber typisch für die Literaturgeschichte ist eher Friedrich Hebbels Klage aus dem Jahr 1859 über „die absurde Bauernverhimmelung unserer Tage“, womit er wohl Autoren wie Berthold Auerbach im Blick gehabt haben wird. Auerbach hatte das Genre der Dorfgeschichte ab Mitte der 1840er Jahre mit seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ auf eine nie wieder erreichte Höhe der Popularität geführt, mit Geschichten, die sich als kompensatorische Reaktion auf den entfremdenden und verunsichernden Prozess der zivilisatorischen Moderne verstehen lassen. Aber vom Höhenkamm fielen die Dorfgeschichten Auerbachs im Besonderen wie das Schreiben über das geographisch randständige Leben im Allgemeinen rasch wieder herunter. Und spätestens mit der literarischen Moderne bildete sich die literarische Ästhetik und moderne Individualität in und an den Metropolen aus – das Dorf oder die Provinz diente der Hochliteratur nur noch zur Abgrenzung, als Sinnbild von Regionen, denen es zu entfliehen gilt, wenn ein intensives Leben gelingen soll.

Geschichten von bzw. über das Leben irgendwo ganz weit draußen stehen also in keinem guten Ruf? Besser müsste es wohl heißen, sie standen: Denn das Dorf bzw. die Provinz erleben derzeit eine erstaunlich hohe Konjunktur, und dies gerade auch bei solchen Autoren, die avancierte Erzählprogramme verfolgen und nicht im Verdacht eines Hangs zur Idyllisierung stehen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Andreas Maier etwa hat nach der bezeichnend „Onkel J: Heimatkunde“ betitelten Kolumnensammlung die ersten drei Bände eines auf elf Teile angelegten, biographisch gesättigten Romanzyklus über die Wetterau vorgelegt, der am Beispiel der Provinz die alte Bundesrepublik auserzählen wird, wenn man das Versprechen der ersten Bände glauben kann; von Jan Brandt wurden wir derweilen in seinem über 900 Seiten starken Debüt „Gegen die Welt“ in ein vordergründig an das ostfriesische Leer gemahnendes ‚Jerichow‘ geführt, in dem in einer Form des ‚manischen Realismus‘ (so Brandt selbst über seine Poetik) alle realistischen Gewissheiten über Ort, Zeit und Kausalität nach und nach effektvoll unterminiert werden; Moritz von Uslar ging als ‚Reporter‘ für einige Monate auf eine „Deutschboden“-Erkundung, in eine Provinzstadt in der Oberhavel vor den Toren Berlins, um statt der grassierenden ironischen Hipness das wirklich wahre Leben im ‚wilden‘ Brandenburg kennenzulernen – eine Reise gleichsam ins unbekannte Land, das Deutschland heißt und ist. Und mehr noch, sogar in der äußerst Großstadt-affinen Popmusik ist diese neuen Land-‚Liebe‘ angekommen: Thees Uhlmann etwa sang kürzlich unter dem die Längen- und Breitengrade zitierenden Titel „Lat: 53.7 Lon: 9.11667“ über seine Heimat Hemmoor: „Ich wurde hier geboren, zwischen Torf und Grog / Zwischen Eigenheim und Minirock“.

Ansichtssache ist sicher, ob die realen Dörfer und Provinzen gegenwärtig nun voller Leben oder eher trostlos sind, die imaginären Dörfer oder Provinzszenarien zumindest präsentieren sich offenkundig äußerst lebendig. Die meisten Menschen stammen eben nicht aus Berlin oder Hamburg, sondern aus Orten wie Leer, Delmenhorstoder Hemmoor. Und daher finden Selbstverständigungsprozesse zwar natürlich weiterhin in den urbanen Brennpunkten statt – bzw. im Schreiben über sie –, aber eben nicht nur. Die ‚Utopie Heimat‘, der sich die diesjährige Wuppertaler Literatur Biennale in all ihren Facetten widmet, freut sich daher auf die Auftritte von zwei der profiliertesten Vertreter dieser ‚Dorfliteratur 2.0‘: und zwar von Katharina Hacker, die in ihrem Odenwald-Roman „Eine Dorfgeschichte“ kleine und große deutsche Geschichte ineinander spiegelt, und von Norbert Scheuer, der mit „Kall, Eifel“ einen der großen poetischen Orte entworfen hat, wirklich und literarisch in einem. Aber auch viele andere Lesungen und Veranstaltungen werden sicher immer wieder vom Dorf oder von der Provinz handeln, wenn es um die Frage geht, wo unser Ort in der Welt ist.

Dr. Christoph Jürgensen

Literaturwissenschaftler, lehrt an der Uni Wuppertal

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