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Wuppertal / Essays

Deutschland Geborgenheit

MIT SYRISCHEN FLÜCHTLINGEN IN DER SCHREIBWERKSTATT
von Torsten Krug

Der große Saal des Barmer Bahnhofs ist voller Stimmen. Kinder huschen vorbei und genießen den ungewöhnlichen Ort zum Spielen, andere von ihnen, die ebenfalls mit ihren Eltern gekommen sind, sitzen konzentriert über Bildern, die sie unter der Aufsicht einer Bühnenbildnerin und eines Schauspielers malen. Auf einem von ihnen werde ich später die Wellenkämme eines Meeres erkennen, aus denen gespreizte Hände heraus ragen.

Um mich sitzen fünf junge Männer zwischen zwanzig und Mitte dreißig sowie Helîm Yûsiv, syrisch-kurdischer Schriftsteller und seit 2000 als politischer Flüchtling in Deutschland, der für mich aus dem Arabischen und Kurdischen übersetzt. Alle Männer sind perfekt gekleidet, gut aussehend, wir sehen uns in die Augen. Mohamed, der vor vier Wochen schon hier war, ist wiedergekommen und möchte am liebsten nur deutsch mit mir sprechen. Ich bin völlig baff, was er in diesen paar Wochen gelernt hat und sage ihm das. Dann beginnen wir mit der Arbeit.

Seit Oktober 2015 sind syrische Flüchtlinge einmal im Monat der Einladung der Wuppertaler Bühnen und der Initiative „In unserer Mitte“ gefolgt, um mit den Autoren Christiane Gibiec, Dieter Jandt, Dorothea Müller, Sibyl Quinke, Hermann Schulz und mir zu arbeiten. In dieser Schreibwerkstatt bekamen sie Gelegenheit, ihre Geschichten von ihrer Heimat, ihrer Flucht und ihrem Aufenthalt in Deutschland zu erzählen und aufzuzeichnen. Entstanden ist über die Monate ein Panorama bewegender Zeugnisse im Sinne einer „oral history“, von denen man sich im Rahmen der Biennale am 29. Mai 2016 im Theater am Engelsgarten ein Bild machen kann.

Jeder von uns Autoren hat unterschiedliche Ansätze verfolgt. Was uns verbindet, ist sicherlich der tiefe Eindruck, den die Abende bei jedem von uns hinterlassen haben. Ziel des Projektes, initiiert von Susanne Abbrederis, Helge Lindh und Hermann Schulz, war auch, die Isolation der hier angesiedelten Flüchtlinge aus Syrien aufzubrechen und ihnen zu helfen, in ihrer neuen Umgebung Fuß zu fassen, Orientierung oder gar Heimat zu finden.

Ein junger Mann geht herum, auf dem Display seines Handys steht mein Name getippt. Er ist Cellist, letzte Woche hatte ich seine Mail- Adresse bekommen und mit ihm korrespondiert. Wir begrüßen einander und unterhalten uns in gebrochenem Englisch. Später am Abend kommt er noch einmal zu mir. Er wirkt jetzt aufgeregt. Auf den Bildschirm seines Handys holt er mit schnellen Bewegungen ein Video: ein Kameraflug über eine vollkommen zerstörte Stadt, die staubhellen Überreste der Häuserfassaden ragen wie hohle Zähne in den Himmel. Ich kenne die Aufnahmen. In den letzten Tagen hatte dieser Drohnenflug über eine ausgebombte und verlassen wirkende syrische Stadt im Netz kursiert und mich tief bewegt.

„I know this“, sage ich zu ihm. „Berlin, 1945“, antwortet er trocken und wischt weiter. Ach so ... Ich folge dem zitternden Kamerablick durch die Ruine eines Hauses, auch hier scheint alles hell vom Staub. „What is this?“, fragt er mich, seine Stimme wird lauter. Ich sehe nichts als Steine, Staub. „This is my house!“, sagt er. Später erfahre ich: er und seine Frau, eine Architektin, hatten es selbst entworfen, erst wenige Monate zuvor war es fertig geworden. „Here, you see?“, fragt er mich. Die Handykamera hält auf die Überreste eines hölzernen Instrumentencorpus. „This is my Cello!“ Ich nicke nur, möchte ihm meine Hand auf die Schulter legen, tue es nicht. „Thank you“, sagt er mit einem traurigen Lächeln, nickt ebenfalls und verschwindet wieder in der Menge.

Ich muss an einen „Spruch“ von Bertolt Brecht denken: „Das ist nun alles und’s ist nicht genug. // Doch sagt es euch vielleicht, ich bin noch da. // Dem gleich ich, der den Backstein mit sich trug // Der Welt zu zeigen, wie sein Haus aussah.“ Fast alle, mit denen ich spreche, fühlen sich in Deutschland in Sicherheit. Zumindest die monate-, manchmal jahrelange Angst hat ein Ende. Einmal sagt einer auf Deutsch sogar „Deutschland Geborgenheit“. Das erstaunt mich. Doch viele belastet die Gefahr und das Leid, denen ihre zurückgebliebenen Familienmitglieder ausgesetzt sind.

Am Ende eines Treffens lerne ich einen Apotheker kennen. Er habe hunderte von Fotos gespeichert und archiviert, aus seiner alten Heimat, von seiner Flucht. Ob uns das interessiere, fragt er. Natürlich, sage ich, und stelle mir einen „Salon Heimat“ oder ein „Café Exil“ vor, einen Ort mitten in Wuppertal, an dem einmal im Monat Flüchtlinge ihre Geschichten erzählen, live, von Dolmetschern übersetzt, mit Fotos, Handy-Videos, Musik und Gedichten. Danach reden wir, weinen oder tanzen. Und essen. Und auch ich könnte ihnen etwas von meiner Geschichte und diesem Land hier erzählen. Vielleicht kann diese Utopie schon bald Wirklichkeit werden.

Der Apotheker und ich tauschen unsere Kontaktdaten aus. Dann sagt er etwas, das mich an den viel zitierten Anfang von Tolstois „Anna Karenina“ (mit den glücklichen und unglücklichen Familien) erinnert und das mich beim Heimlaufen noch lange beschäftigt: „Unsere Geschichten von unserer Flucht ähneln einander alle. Davor hatte jeder von uns ein Leben auf seine Weise.“

Torsten Krug

Theaterregisseur, Autor und Musiker, lebt in Wuppertal.

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