"Heimat"

"Heimat" ist wohl für jeden Menschen ein allzu selbstverständlicher Begriff, der keiner weiteren Erklärung bedarf. Für die meisten von uns bezeichnet er den Ort, an dem man geboren und herangewachsen ist, wo man wie die Eltern und Großeltern leben und mit seiner Familie, seinen Freunden und Kollegen alt werden mochte.

Manche sind irgendwann an den Ort ihrer Wunsche gezogen, auf die sonnenreiche Urlaubsinsel oder in die quirlige Metropole. Und andere hat das Schicksal - sei es durch Krieg oder wirtschaftliche Not - aus ihrer angestammten Heimat vertrieben, in eine Fremde, in der eine andere Sprache gesprochen wird und in der die Sitten und Gebrauche der Menschen so ganz anders sind als zu Hause - in der Heimat.

Aber da sind auch nicht wenige, denen die Heimat schon früh zur Fremde geworden ist, die darunter leiden, von ihren Landsleuten als Außenseiter oder Nestbeschmutzer geschmäht zu werden. Weil sie nicht bereit sind, diese ihre sogenannte Heimat als idealisierten Ort kritiklos hinzunehmen und immer wieder den Finger in die Wunde offenbarer oder verdeckter Missstände legen.

Nicht wenige dieser couragierten und doch so häufig missverstandenen Menschen sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Unerwiderte Heimatliebe druckt sich bei ihnen in einem besonderen Verhältnis zur Sprache aus, in der sie schreiben. Schreibend üben sie Kritik an den Zustanden, die sie kennen, weil sie in ihnen leben. Schreibend entwerfen sie aber auch eine Art zweite, utopische Heimat. Indem sie die Dinge zur Sprache bringen, geben sie ihnen einen Wert, der über das Offensichtliche des Alltags hinausgeht.

Und im besten Fall taucht dann in ihren Texten diese andere, durch Sprache erschaffene neue Welt klar und deutlich vor den Augen des Lesers auf, lüftet ihre Geheimnisse und beginnt zu leuchten. Heimat ist also immer konkreter Ort und Nicht-Ort zugleich - lebendige Erinnerung an einen Erfahrungsraum, in dem man einmal gelebt hat, und ersehnte Utopie einer als paradiesisch vorgestellten Welt, die man aus der eigenen Kindheit zu kennen glaubt.

"Das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh." sagt Bernhard Schlink. Das Wort "Heimat" fuhrt also etwas Melancholisches mit sich. Denn "die Heimat" scheint erst Sinn zu machen durch den Gegenbegriff: "das Exil".

Aus "Utopie Heimat" von Gerold Theobalt

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