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Wuppertal / Literaturpreis 2014

An unseren und an anderen Ufern - Konrad H. Roenne

Der vollständige Gewinnertext wird in der Literaturzeitschrift KARUSSEL abgedruckt.

... Noch bevor es zu dämmern anfing, waren sie in
den weißen Kleinbus gestiegen, in dem während der ganzen Fahrt die
Heizung lief; er und seine Schwester hatten sich auf den Fußboden
setzen müssen, es war ja kein Platz für sie mehr frei. Und erst, als sie
schon eine ganze Weile gefahren waren und in ihm die Aufregung
über die Müdigkeit gesiegt hatte, sagte der Vater plötzlich, dass sie,
seine Schwester und er, nicht mitkommen könnten, zumindest nicht
gleich, denn die Grenzer würden ganz besonders auf Kinder in den
Autos achten, und das dürften sie jetzt, da sie doch so weit gekommen
seien, nicht riskieren; man werde sie daher am Fluss abholen; alles sei
bereits in die Wege geleitet, sie müssten nur einige Zeit warten, ein
paar Stunden vielleicht.

Der Mann, der neben dem Fahrer saß, drehte sich daraufhin um,
nickte und sagte: Richtig! Sein Name war Ramsan, er sei der Mann,
der ihnen helfen werde, hatte der Vater gesagt, als sie vor ein paar
Wochen hier angekommen waren. Ramsan zwinkerte den beiden zu
und wandte sich wieder nach vorn, um in jener fremden Sprache mit
dem Fahrer zu sprechen.

Seine Schwester schien das alles wenig zu stören; sie schaute
gebannt auf das Baby, den kleinen Bruder, der, gerade mal ein halbes
Jahr alt, geboren, kurz bevor sie zu Hause aufgebrochen waren, in den
Armen der Mutter schlief, friedlich und mit dem wohlbekannten
seligen Lächeln auf den Lippen, das ab und zu unterbrochen wurde,
wenn der Wagen über ein Schlagloch rumpelte oder der Fahrer
besonders laut fluchte, jedoch jedes Mal wiederkehrte, genauso jäh
und schnell, wie es kurz zuvor verschwunden war.

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