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Wuppertal / Literaturpreis 2014

Vergessen - Bastian Kresser

Der vollständige Text wird in der Literaturzeitschrift KARUSSEL abgedruckt.

... Er sitzt im Schneidersitz auf der Couch. Ein einundachtzigjähriger Mann, der an manchen Tagen wie siebzig, an anderen wie neunzig aussieht. Dass er immer noch die Beweglichkeit besitzt, mit überkreuzten Beinen zu sitzen, bringt mich zum Lächeln. Er bemerkt es und spiegelt mein Lächeln. „Hallo Opa“, sage ich. Antwort bekomme ich meist keine. Dieses Mal schon. „Hallo Bastian“, sagt er. Sein Erkennen freut mich. „Bist du auf reisen?“, frage ich. Großvater nickt und streicht sich mit den Handflächen über seine weißen Bartstoppeln. Er zieht die Augenbrauen nach oben und formt seinen Mund zu einem überraschten „O“. Ihn jeden Tag zu rasieren, war meinen Eltern zu mühsam und ihm selbst eine Rasierklinge in die Hand zu drücken, wäre mehr als fahrlässig. So trägt er nun einen jugendlichen Dreitagebart, den er immer wieder aufs neue entdeckt. „Ich bin unterwegs nach Europa“, sagt er leise. Unterwegs IN Europa, denke ich mir, unterbreche ihn aber nicht. Ich höre seine Stimme gerne. Sie ist ein tiefer Bass. Ich müsste hundertzwanzig werden, damit meine Stimme so tief würde.

... Sevilla: Ein Over-the-shoulder shot. Großvater, laut seiner Erzählung gerade mal zwanzig, Kurzhaarschnitt, eine frische Narbe auf seinem Hinterkopf, der Hintergrund ist unscharf. Doch ich erkenne einen Matador, das Tuch in seiner rechten Hand, den Körper unnatürlich zur Seite gebeugt. Das sei die Maestranza-Stierkampfarena in Sevilla, hatte mir Großvater erklärt. Ich wunderte mich über die Präzision seiner Worte. Er erzählte, als wären alle seine Gehirnzellen vollkommen intakt, als gäbe es keine Krankheit in seinem Leben, die ihn langsam aber sicher seiner Erinnerungen beraubt. Er las zu der Zeit viel von Hemmingway, erzählte er mir. Er wollte seinen Hang zum Extremen verstehen, wollte dem Tod am Nachmittag ins Auge blicken. Nie wieder brachte er die verstörenden Bilder aus seinem Kopf. Das lächerlich jubelnde und erregte Publikum, die auf Pferden sitzenden Picadores, mit ihren Lanzen und den runden Hüten und ganz besonders die katastrophalen, dilletanisch wirkenden Matadore in ihren bunten Kostümen, die ihre scharfen Schwerter immer wieder in den Rücken der blutüberströmten, einst stolzen Tiere rammten, nicht fähig, einen gezielten Todesstoß zu vollführen.

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