Förderpreise: "Als das Wasser kam" von Helene Bukowski

Unser Vater ist vom Meer gekommen. Mehr Bündel als ein Kind, läuft er solange am Fluss entlang, bis er die Gegend erreicht, in der er sich ab jetzt zuhause fühlen soll. Kein Wind, kein Sand, nur zugezogene Gardinen begrüßen ihn. Auf dem Kopfsteinpflaster stellt er sich ab, im Schatten der Quittenbäume, die hier überall wachsen. Er steht solange da, bis die Leute aus der Gegend ihn bemerken. Damit er nicht weiter auf der Straße steht, einigen sie sich, ihm im letzten Haus den Platz am Fenster zu überlassen. Sie falten ihn zusammen, transportieren ihn bis zum Ende der Straße und setzen ihn im Haus dicht vor die Scheibe. Manchmal kommt jemand von ihnen und bringt ihm Quittengelee, aber er lässt die Gläser unberührt. Seine Haut verliert an Farbe und wenn die Leute aus der Gegend an ihm vorbei gehen, denken sie an abgeschliffenes Treibholz. Seine Lider sind immer schwerer als sein Blick, er träumt von Walen und steht nur auf, um in die Küche zu gehen, wo er sich Wasser aus der Leitung in ein Glas einschenkt. Bevor er es in einem Zug trinkt, löst er drei Löffel grobes Meersalz darin auf. Danach schaut er für ein paar Sekunden aus dem Küchenfenster auf den Fluss, der hinten im Garten an der Grundstücksgrenze verläuft, dann kehrt er an seinen Platz auf der Fensterbank zurück, zieht die Knie an, den Blick nicht fokussiert, eher trüb, wie das Wasser in einer Regentonne, während sich sein flaches Atmen auf dem Glas abzeichnet.

Auch unsere Mutter kommt vom Meer. Fünfzehn Jahre später als der Vater. Sie trägt Ohrringe aus Perlmutt und transportiert einen Badeanzug und einigeKonserven in einer Plastiktüte, als sie die Gegend erreicht. Sie läuft nicht auf dem Kopfsteinpflaster, läuft stattdessen Slalom um die Quittenbäume, die ihr bedrohlich vorkommen. In ihren Schuhen ist noch der Sand vom Meer und jede Taube hält sie für eine Möwe. Sie läuft durch Vorgärten, klettert über Zäune und klopft an Fenster. Die Wenigsten trauen sich mit ihr zu sprechen, die die es doch tun, verstehen sie nicht. Sie mustern ihre salzverkrusteten Schuhe und wie die schwere Plastiktüte gegen ihre Beine schlägt, dann schließen sie die Fenster.
Schließlich steht die Mutter in der Nähe des letzten Hauses. Der Vater sieht sie sofort. Sie isst im Stehen aus den Konserven außerhalb der Schatten der Quittenbäume. Zum ersten Mal fokussiert der Vater wieder seinen Blick und beobachtet, wie die Mutter in den Vorgarten geht, im Laufen die leeren Konserven fallen lässt und dann beginnt, neben dem Zaun ein Loch zu graben, in dem sie den schimmernden Badeanzug begräbt, der sich noch immer in der Plastiktüte befindet. Danach steht sie auf, geht zur Bushaltestelle und richtet sich dort häuslich ein. Mehrere Tage liegt sie auf allen Sitzen, die Augen nicht geschlossen, ihr Blick geht im Kreis. Manchmal kommen Gruppen von Teenagern aus der Gegend, die sonst hier rauchen und leere Bierdosen mit den Schuhen zerdrücken, aber die Mutter ist im Weg.
In der Gegend einigt man sich schließlich darauf, dass die Bushaltestelle nicht besetzbar ist. Die Mutter soll verschwinden, sie passt nicht hier her. Die Leute aus der Gegend lassen ihre Hunde aus den Zwingern. Die Hunde rotten sich vor der Bushaltestelle zusammen, sie knurren und blecken die Zähne, aber die Mutter lockt sie mit den Händen. Bald lassen sie sich von ihr kraulen und weichen nicht mehr von ihrer Seite.
Als klar ist, dass selbst die Hunde sie nicht vertreiben können, wissen die Leute aus der Gegend, dass unsere Mutter bleiben wird und sie einigen sich, ihr das letzte Haus zu überlassen. Unsere Mutter gibt dafür die Hunde frei. Nur mühsam lassen sie sich von ihren Fersen lösen.
Unsere Mutter zieht also in das letzte Haus, zieht zu unserem Vater, den man nicht hat verlagern können. Er ist inzwischen wie festgewachsen auf der Fensterbank und jeder Versuch ihn Hochzuheben hat nicht funktioniert. Erst als sich die Mutter schon mehrere Tage im Haus befindet, beginnt er sich langsam vom Holz und von der Scheibe zu lösen. Auch unsere Mutter denkt an abgeschliffenes Treibholz, als sie ihn sieht. Sie berührt seinen Ellenbogen und denkt auch daran, das Holz immer oben schwimmt. Gemeinsam trinken sie im Stehen in der Küche ein Glas salziges Wasser. Sie stellen die leeren Gläser auf das Wachstischtuch und einigen sich darauf, im selben Bett zu schlafen. Am nächsten Tag heben sie hinten im Garten eine Grube aus, kleben aus Plastiktüten eine Plane, legen sie hinein, und holen mit Eimern Wasser vom Fluss, mit dem sie die Grube füllen. In den künstlichen Teich kippen sie alles Salz das sie haben. Sie gewöhnen sich an, mehrmals am Tag zum Salzwasserteich zu gehen und die nackten Füße hineinzuhalten. Dabei fühlen sie sich stark und denken an Dünen. Als sie wissen, wo der Supermarkt ist, gehen sie jeden Samstag die fünf Kilometer zu Fuß. Dort angekommen nehmen sie immer einen der Einkaufswagen, in dem sie beim Gehen durch die Regalreihen gefrorenen Hering und grobes Meer Salz stapeln. Zurück im Garten werfen sie den Hering in den Teich und hoffen darauf, dass die Fische schwimmen lernen. Doch die Heringe gehen unter wie Steine.

Als wir geboren werden, schüttet der Vater den Teich zu und pflanzt stattdessen Quittenbäume. Die Mutter beobachtet ihn vom Fenster, die Hände an ihren Ohrringen aus Perlmutt, während wir hinter ihr auf der Matratze liegen. Als die Leute aus der Gegend die neu gepflanzten Quittenbäume bemerken, beginnen sie unsere Mutter und unseren Vater zu grüßen, wenn sie sie auf der Straße treffen.
Der Vater lernt, wie man Quittengelee kocht, aber die Mutter geht mit uns auf dem Arm nachts durch das Dorf und zeigt uns, wie man mit den Hunden spricht.
Die Sommer in der Gegend sind immer heiß. Der Vater schaute sich von den anderen Leuten in der Gegend ab, alle Türen und Fenster offen zu lassen und im Garten auf einer Liege im Schatten der Quittenbäume zu schlafen.
Als wir alt genug sind und nicht mehr getragen werden müssen, treffen wir uns mit den anderen Kindern aus der Gegend. Wir sprechen wie die Mutter und müssen uns anstrengen, damit die Kinder uns verstehen. Irgendwann flüstern sie bloß noch und gehen nicht auf unser Bitte ein, wieder lauter und deutlicher zu sprechen. Sie lachen über unsere Zöpfe, die der Vater wie Fischgräten flechtet und verstecken sich vor uns, wenn wir sie suchen. Als wir dem Vater davon erzählen, schneidet er uns hinter zugezogenen Vorhängen unser Haar so kurz wie das Fell der Hunde und gibt uns Bücher aus der Gegend.
Als wir das nächste Mal die Kinder suchen, tauchen sie trotzdem nicht auf und wir gewöhnen uns daran, mit den Hunden zu spielen, die auf alles hören, was wir sagen. Als wir in die Schule kommen, sitzen wir immer in der letzten Reihe und sind kaum von der Tapete zu unterscheiden. In den Pausen hocken wir zu zweit, weit von den anderen entfernt, zwischen den Mülltonnen und essen die Quitten, die der Vater uns jeden Morgen in Butterpapier mitgibt.
Jedes Wochenende laufen wir die zehn Kilometer zum nächsten Zoogeschäft und stehen stundenlang vor dem Aquarium, das Geräusch der Pumpe in den Ohren. Zurück im Haus beobachten wir die Eltern, wie sie im fensterlosen Bad Salzwasser trinken und löffeln selbst Quittengelee.
Statt den Vorgarten mit Blumen zu bestücken, kauft die Mutter Sand im Zoogeschäft und schüttet ihn zwischen Zaun und Haus und neben die Eingangstreppe. Die Leute aus der Gegend tun so, als gingen sie spazieren und verrenken sich fast die Köpfe, um es zu sehen. Eine Woche später schreiben sie uns einen langen Brief. Die Mutter liest ihn in der Küche, der Vater versteht kein Wort. Man bittet die Mutter, den Sand zu entfernen, den Zaun zu streichen und die Straße zu kehren. Die Häuser in der Gegend sind nicht dazu da, sich voneinander zu unterscheiden. Die Mutter faltet den Brief, geht ohne ein Wort zu sagen ins Schlafzimmer und legt sich mit trüben Blick quer auf die Matratze. Eine Weile setzt sich der Vater neben sie, sie sprechen miteinander, als würden sie sich am Meer befinden, zwischen Dünen liegen und Salzwasser schlucken. Dann steht der Vater auf, geht in den Vorgarten und streicht den Zaun. Er kehrt auch die Straße, nur den Sand lässt er liegen. Während die Mutter weiter still auf der Matratze liegt, kocht er Quittengelee. Die Gläser stapelt er in den Fenstern, so dass jeder es sieht. Wenn er den Leute aus der Gegend auf der Straße begegnet, grüßt er sie, auch wenn sie nie in seine Richtung schauen.
Wir wissen, dass es der Sand ist, der stört. Heimlich versuchen wir ihn abzutragen, aber die Mutter und der Vater bemerken es und bringen ihn zurück. Danach zeigt uns die Mutter, wie man mit geradem Kreuz geht und den Blick nie auf den Boden fallen lässt. Wir versuchen ihren Stolz zu übernehmen, ihn anzuziehen wie ein Kostüm, aber wir fühlen uns verkleidet.
Die Feindseligkeit verdichtet sich und ist kaum zu unterscheiden, von der immer noch anhaltenden drückenden Hitze des Sommers, die jede Bewegung anstrengend macht. Die Mutter trinkt nun ihr Salzwasser im Garten.

Wir rauchen Zigaretten und stehen in der Bushaltestelle, als der Vater über Nacht verschwindet. Seine Liege steht wie immer im Garten, aber sie bleibt leer, genau wie die Küche, in der noch die abgekochten Gläser gestapelt sind. Die Mutter geht mit den Hunden durch die Gegend, geht kreuz und quer, verteilt Sand und Salz zwischen den Quittenbäumen, aber der Vater bleibt verschwunden.
Ein paar Frauen aus der Gegend tragen Treibholz als Ketten und unsere Mutter lässt die Hunde in unserem Garten und wir gewöhnen uns an ihr schweres Atmen, dass wir bis in unser Zimmer hören können. Sie begleiten uns überall hin und warten vor jedem Eingang, um auch auf dem Rückweg nicht von unserer Seite zu weichen. Wir hören auf zu sprechen und nur der Mutter hören wir zu. Sie trägt jetzt einen Pelz und Fischgrätenzöpfe.
Eines Abends finden wir sie mit aufgestützten Ellenbogen am Fenster, an der Stelle, wo früher der Vater immer saß. Die Hunde bellen in dieser Nacht kein einziges Mal. Zum Schlafen kommen sie in unser Zimmer und legen sich dicht an dicht um unsere Betten. Wir träumen nicht und wachen erst auf, als bereits Mittags ist.

Das Haus und der Garten werden unsere Festung. Wir verbrennen den Zaun und pflanzen eine Hecke, die so hoch wächst, dass keiner aus der Gegend einen Blick hinüber werfen kann, während die Mutter weiter unbeweglich am Fenster sitzt. Wir lassen uns das Haar wieder wachsen, tragen es zu Zöpfen und sagen kein Wort.
Manchmal sitzen wir mit den Hunden in den Quittenbäumen.

In der Nacht bevor die Flut kommt, können wir nicht schlafen. Wir gehen im Haus auf und ab. Die Hunde sitzen in der Küche, scharren die Krallen auf den Fliesen, winseln aber nicht. Der Regen ist so fein, dass keiner ihn bemerkt. Die Mutter hat die Augen geschlossen

Als wir am nächsten Tag aufstehen, hören wir zuerst den Fluss. Wir gehen in den Garten dicht an der Hecke entlang, den Hunden auf den Fersen, bis zur Grundstücksgrenze. Das Wasser ist bereits über das Ufer getreten. Auf der Straße nehmen die Leute aus der Gegend Sand von einem Laster. Wir beobachten, wie sie ihn in Säcke füllen und in einer Reihe weitergeben, um sie dann vor den Häusern zu stapeln. Dabei gehen sie über die sorgfältig angelegten Blumenbeete, gehen über sie hinweg und wir sind ganz still, weil wir uns daran erinnern, wie sie sonst schreien, wenn man nicht direkt vom Gartentor zur Tür über die Steinplatten geht. Als sie uns sehen winken sie uns. Vorsichtig stellten wir uns zu ihnen. Ein paar reichen uns die mit Sand gefüllten Säcke und wir machen es ihnen nach, legen sie vor die Tür unseres Hauses.
Zurück in der Küche stellen wir das Radio an. In den Nachrichten sprechen sie vom steigenden Fluss und Überschwemmungen. Wir nehmen unsere Matratzen und bringen sie in den ersten Stock. Die Mutter lässt sich nicht bewegen. Erst als wir sie hochheben und zu der Matratze tragen, zwinkert sie leicht.
In der Nacht wachen wir davon auf, dass die Mutter die Treppe nach unten geht. Wir beobachten sie durch das Fenster. Sie gräbt den Badeanzug aus. Der Boden ist schlammig. Als sie zurück nach oben kommt, tun wir, als würden wir schlafen.

Als wir am nächsten Tag aufwachen, steht das Wasser bereits mehrere Zentimeter in der Küche und wir sitzen auf der Treppe, während das Wasser immer weiter steigt. Am Abend sind wir bis auf die oberste Stufe zurück gewichen. Vom Fenster aus sehen wir in die andern Häuser. Die Leute aus der Gegend harren aus mit blassen Gesichtern.

Am nächsten Tag steht uns das Wasser auch im ersten Stock bis zu den Knöcheln. Wir ziehen unsere Schuhe aus. Die Matratze ist bereits vollgesogen. Wir nehmen bloß unsere Decken, nehmen die Mutter und folgen den Hunden aufs Dach. Auch die anderen Leute aus der Gegend sind bis ganz nach oben geflüchtet.
Durch die Dachluke sehen wir die schwimmende Möbel. Die Mutter zieht ihren Badeanzug an und legt sich flach auf die raue Dachpappe, die Hunde schläfrig an ihrer Seite.
Wir sehen das Boot als erstes, von den anderen Häusern winken die Leute. Das Boot kommt näher, es sind fremde Gesichter. Wir drehen uns nach der Mutter um, aber sie liegt unbeweglich. Das Boot steuert jedes Dach an, man reicht den Leuten die Hände, sie klettern hinein. Reichen Kinder und Rucksäcke über die Reling. Wir sind das letzte Haus. Die Hunde sind ganz still, wir zerbeißen uns die Lippen. Das Boot schrammt dicht am Dach vorbei und kommt zum Halt. Man wartet darauf, dass wir klettern. Wir gehen zur Mutter. Sie hat die Augen geschlossen. Wir greifen nach ihren Händen, die sie uns gleich wieder entzieht. Wir wollen sie zusammen falten, zum Boot tragen und hinüber reichen, aber sie ist wie festgewachsen. Die Hunde knurren in unsere Richtung. Vom Boot kommen ungeduldige Rufe. Für einen kurzen Moment öffnet die Mutter ihre Augen. Wir erwidern ihren Blick. Sie richtet sich auf und zwinkert uns zu. Wir hören auf an ihr zu ziehen, erheben uns und gehen langsam zum Boot, während die Mutter in unserem Rücken sitzen bleibt. Wir klettern über die Reling und krallen unsere Hände in das Holz. Von den Häusern der Gegend sind nur noch die Dächer zu sehen. Die Gesichter der anderen Leute sehen aus wie abgewaschen. Eine Weile noch können wir die Mutter erkennen. Ihr Badeanzüge reflektiert das Licht, dann ist sie verschwunden.

 
Ein mal kehren wir zum Dorf zurück. Mit dem Schlauchboot fahren wir den uns gezeigten Weg. Vom Land ist nur noch sichtbar, was sich früher auf Hügeln befand. Das Wetter ist gut. Wir tragen Sonnenbrillen, Flip Flops und Badeanzüge. Als wir die Stelle erreichen, an der früher die Häuser standen, finden wir nur Wasser. Dort wo das Land ansteigt, sich aus dem Wasser zieht, hatte man Sand aufgeschüttet. Wir steigen aus dem Boot, waten im flachen Wasser und ziehen das Schlauchboot auf den künstlichen Strand. Von der Straße, den Häusern und Quittenbäumen ist nichts zu sehen. Wir setzen uns auf die mitgebrachten Handtücher, ziehen die Flip Flops aus und starren auf das Wasser, dass undurchsichtig bleibt.
Schließlich stehen wir auf, gehen vorsichtig bis zur Uferkante, gehen in das Wasser, solange bis es zu tief ist, um darin stehen zu können. Wir beginnen in regelmäßigen Zügen bis zur Mitte des Sees zu schwimmen, bis an jene Stelle wo sich früher die Bushaltestelle befunden haben muss. Erst dort bemerken wir, dass das Wasser salzig schmeckt.