»Utopie Heimat«

»Heimat« ist wohl für jeden Menschen ein selbstverständlicher Begriff. Für die meisten von uns bezeichnet er den Ort, an dem man geboren und herangewachsen ist, wo man wie die Eltern und Großeltern leben und mit seiner Familie, seinen Freunden und Kollegen alt werden möchte. Andere sind irgendwann an den Ort ihrer Wünsche gezogen, auf die sonnenreiche Urlaubsinsel oder in die quirlige Metropole. Und wieder andere hat das Schicksal - sei es durch Krieg oder wirtschaftliche Not - aus ihrer angestammten Heimat vertrieben, in eine Fremde, in der eine andere Sprache gesprochen wird und in der die Sitten und Gebräuche der Menschen so ganz anders sind als zu Hause - in der Heimat.
Aber da sind auch nicht wenige, denen die Heimat schon früh zur Fremde geworden ist, die darunter leiden, von ihren Landsleuten als Außenseiter oder Nestbeschmutzer geschmäht zu werden. Weil sie nicht bereit sind, ihre sogenannte Heimat als idealisierten Ort kritiklos hinzunehmen und immer wieder den Finger in die Wunde offenbarer oder verdeckter Missstände legen. Nicht wenige dieser couragierten und doch häufig missverstandenen Menschen sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Unerwiderte Heimatliebe drückt sich bei ihnen in einem besonderen Verhältnis zur Sprache aus, in der sie schreiben. Schreibend üben sie Kritik an den Zuständen, die sie kennen, weil sie in ihnen leben. Schreibend entwerfen sie aber auch eine Art zweite, eine utopische Heimat. Indem sie die Dinge zur Sprache bringen, geben sie ihnen einen Wert, der über das Offensichtliche des Alltags hinausgeht. Und im besten Fall taucht dann in ihren Texten diese andere, durch Sprache erschaffene neue Welt klar und deutlich vor den Augen der Leserinnen und Leser auf, lüftet ihre Geheimnisse und beginnt zu leuchten …

                                       Aus dem Vorwort zur Wuppertaler Literatur Biennale 2016

Logo Kulturstiftung NRW
+
Kulturstiftung NRW

Kontakt

+49 202 563 6545
+49 202 563 2957
Ruth Eising (Pressearbeit)
+491601564308
+4922825987582