Hauptpreis "GESTERN DIE WELT GESTERN" VON Stefan Etgeton

es stand also leer, das haus, und hatten auch gar nicht vorgehabt da noch mal hin zu fahren, weil es auch genauso gut hätte sofort abgerissen werden können, weil jedes zweite haus leer stand damals in der straße dort und genauso in ganz doel, und mittlerweile stehen wahrscheinlich restlos alle häuser leer in doel, wenn es sie überhaupt noch gibt, wenn es doel überhaupt noch gibt, denn es war zwar ein feines häuschen mit einem kleinen garten hintenraus und sogar noch einem schuppen für geräte, und warmwasser gab es natürlich, und direkt am deich gelegen war all das, aber die vielfältige problemlage von doel war eigentlich folgende: doel ist der geburtsort meiner großeltern und in der liefkenshoekstraat hatten die in den 60ern ein haus gebaut, in dem sie bis zum ende auch noch gewohnt hatten, aber dann starb opa, dann starb oma 2 monate später, und seitdem vermoderte alles zusehends und meinen eltern war's egal und wenn man aus dem küchenfenster sah, konnte man auf das mächtige akw blicken, oder bei leichtem nebel konnte man zumindest noch die roten hindernisfeuer oben am kühlturmrand sehen, und, godverdomme, das akw war ein echtes pannenkraftwerk und über die jahre verabschiedeten sich fast alles menschen aus doel, aber gar nicht so sehr, weil sie kein bock auf plutoniumunfälle mehr hatten, und das hätte ich sogar verstehen können, und ob sie den meiler irgendwann dann auch endgültig runtergefahren haben, weiß ich gar nicht, aber das änderte auch nichts mehr, denn eigentlich ging es um den hafen, der nämlich erweitert werden sollte: der hafen von antwerpen brauchte ein neues containerdock und dafür musste halt doel weg und es liefen zwangsenteignungsprozesse oder der hafenbetreiber kaufte die häuser auf und tristesse machte sich breit, und opa hatte mal gemeint, dass es ein gefühl des nichtgewolltseins, der drohenden beraubung und der ungewisseheit sei, aber er starb dann einfach, und wer von den anderen bewohnern was nettes in antwerpen fand, wohnte dann einfach lieber in antwerpen oder wohnte ein dorf weiter in kieldrecht, wohnte überall (nur nicht in doel), aber mein bruder und ich, wir wollten dann doch nochmal hin nach doel und vielleicht ein letztes mal schauen, und zu jener zeit, 2007 war das, waren meine großeltern schon rund 2 jahre tot gewesen, aber es gab ja immer noch das haus, und vielleicht gibt es ja was spannendes dort, oder irgendwas passiert oder nichts passiert, oder weiß der geier, so dachten wir und wollten halt nochmal hin, weil es auch sommer war und weil wir nichts zu tun hatten, und ich mag belgien auch, selbst wenn meine eltern schon seit ende der 80er in südhessen wohnten mit ihrer tierarztpraxis, für die sie blühten, und mich da in südhessen auch geboren hatten und meinen bruder hatten sie mitgebracht und ebenda wuchs ich dann auch auf, in zwingenberg um genau zu sein, aber alles nur, um ein paar jahre später mit dem fachiabi in der tasche nach bochum zu ziehen, und in einem august oder irgendeinem monat im spätsommer 2007 hatte ich also semesterferien und saß mit meinem bruder spezi trinkend auf der terrasse meiner eltern, aber südhessen ist auch lahm und zwingenberg ist besonders lahm und von allen städten südhessens vielleicht die lahmste, und bruderherz war eine ganze nacht oben auf dem speicher und fand dort dann bilder, die unser großelternhaus in doel zeigten und uns zeigten als kinder mit witzigen klamotten.
auf den fotos war ein feines haus zu sehen und war backsteinrot- und backsteingelb und zweistöckig mit winzigem dach und vorne an der küche ein erker und alles eingeklemmt zwischen weiteren häusern und war dann plötzlich alles wieder sehr präsent in meiner erinnerung und vertraut, und es war dann eigentlich beschlossene sache, und luden am nächsten morgen den nötigsten kram und ein bisschen werkzeug in den alten drecksvolvo und fragten josie und luden sie nachmittags dann auch ein und pesten so auf der autobahn und der fantastisch goldenen sonne entgegen und rechtslinks nur huschende bäume und schlieren von lärmschutzwänden und im kasettendeck lief bob dylan und wir sangen mit und arno, so heißt mein bruder nämlich, spielte munharmonika, und josie war übrigens die perle von arno und wir sangen und hatten durch freiheit und fahrtwind aufgewirbelte haare und erst gegen abend kurbelten wir die fenster wieder hoch, aber da waren wir auch schon durch lüttich durch und an hasselt vorbei und beinahe in doel und in der brutstätte meiner eigensten existenz und dicht beim grab meiner großeltern, und fragte mich, ob sie die wohl umbetten werden irgendwann, wenn erstmal das neue containerdock kommt - und was wohl mit lenie passierte?
lenie, die immer abhing früher mit uns als wir zu besuch waren, was wohl mit ihr passierte?, daran dachte ich als wir über entwässerungsgräben und felder hinwegpreschend unserem ziel und der nacht näher kamen und haben letztlich an einer tanke noch einen kasten malzbier gekauft und toastbrot und käse, und bogen dann auf den antwerpener ring ein, um gar nicht so sehr durch die stadt zu kurven und dann sind wir auch schnell von der autobahn runter und bogen schlußendlich in den engelsesteenweg ein und am horizont ist dann schon das kleine und verdammte doel zu erkennen mit seinen 3 winzigen straßenlaternen und 2 kilometer weiter links ragt auch noch die kerncentrale doel aus der landschaft und wirft lange schatten über das land und angekommen in doel tuckerten wir noch kurz am deich entlang und über das klapprige kopfsteinpflaster aufder liefkenshoekstraat und zum haus nummer 4 mussten wir und parkten und der bürgersteig war schon sehr grün bewachsen und die hausfront zugesprayt und hebelten das brett vor der haustür mit dem stemmeisen weg und gingen hinein und roch alles ein wenig beißend und dann war's seltsam und ruhig und hab das licht angeknipst und alles war dreckig, aber vertraut, und hab arno umarmt und ganz fest gedrückt und fand es komisch zurückzukehren, aber war auch schön, und haben die küche notdürftig bisschen entstaubt mit lappen und die bretter vor einigen fenstern weggebrochen und gelüftet und die entspannende sommernacht hereingeholt und saßen am tisch und zischi erste flasche auf und josie fragt so: "ward ihr gern hier?" und ich so: "was denkst du denn? ja! klaro waren wir gern hier, war immer geilo, waren immer oma und opa hier und geile leute, geile zeit: abhängen, umherwirbeln, sonne und süßgkeiten oder schnee und orangen, war immer was los, oooh, mädel, was waren wir glücklich, und naive geschöpfe auf umfassender erkundungstour und im abenteuermodus und die wilden waren wir und haben unsere räder geritten hier durch die straßen oder manchmal waren wir mit opa und der guten lenie und mit dem bus nach antwerpen rein, um fritten zu essen und durch die fußgängerzone zu belgen und kaugummis am automaten zu ziehen, ja, war gut, godverdomme, das war alles so gut, oder?", sagte ich und bruder antwortete und stotterte da faserig und ungenau und selig und einzigartig und glücklich vor sich hin: "alles war das beste und jene sommer und auch die winter waren das beste, weil es einzigartige sommer und winter waren und wir rollten und schrien oder saßen und schauten oma beim schälen der kartoffeln zu und überhaupt dieses gefühl hier zu sein im kleinsten dorf und direkt ein großer fluss und alle tanker und kähne kamen da lang mit hunderttausenden von containern oder öl - können wir dir morgen mal zeigen, da staunst du - und wir standen also am ufer und haben einfach nur gewunken und gezittert, wenn einer von diesen giganten sein kolossales horn geblasen hat, uuh, das war fast das größte und kuchen nachmittags und eistee und schaukeln."
josie grinste dann und sie grinste sehr schön und hat nach einem messer gekramt und nach tellern und hat erstmal lange das wasser laufen lassen, weil es anfangs bräunlich schimmerte, und hat wieder zu uns hergesehen, wie wir da jeder schon das zweite malzbier aufmachten und prost sagten und haare aus dem gesicht warfen, und ich stand auch auf und strich mit den händen über die schmockige tapete und betrachtete meine schwarzen fingerkuppen, und dann hatte josie das messer abgewaschen und teller abgewaschen und ketchup-käse-toasts gemacht und auf den tisch gestellt und gefragt, wer lenie ist, und sich dann auch noch ein bier aufgehebelt und umhergeblickt und sagte: "auf euch!" und ging rüber und knutschte arno und ich war auch froh, und um das mit lenie dann auch noch mal kurz aufzuklären, sagte ich: "lenie, ja, lenie war halt hier ausm dorf und so unser alter und war immer dabei, wenn wir ausrasteten und glimmend über die felder zogen und uns den pelz verbrannten oder zusauten und nach den sternen griffen und polternd alles erforschend durch doel zogen, und war später dann das erste mädel, das ich jemals küsste, und das war eine unendlichkeit, bis ich sie im winter wiedertreffen konnte und schneeumhüllt vor ihrer tür stand und gewärmt vom gelben laternenlicht stand ich dort und klingelte und ein geschenk unter dem arm an heiligabend und gunther, ihr vater, hat mich reingeholt und sich gefreut, mich zu treffen, und wollte mir einen schnaps geben, aber ich wollte keinen schnaps, weil ich nur lenie sehen wollte und ihren zopf und das beste lächeln sehen und die größten zähne, und den folgesommer das gleiche wieder und intensiver und kamen uns wirklich irgendwie näher und alle meinten, dass wir bestimmt mal heiraten oder sonst was, und dann war es aber auch schon vorbei und hatte sie fast verdrängt und einen sommer später kam ich dann schon überhaupt nicht mehr nach doel, weil ich nämlich 1000 dinge im kopf hatte, aber die dinge hatten wirklich nichts zu tun mit belgien, lenie, meinen großeltern oder doel, sondern mit mir, und ich empfand dann auch generell alles, was mit diesem ort zu tun hatte, als ballast, und all das lag nicht an lenie direkt, sondern kam, weil meine kindheit und unschuld aufgebraucht waren und ich damals nichts mehr brauchte von diesem ort, auch wenn der ort niemals nur ein ort war. das hier ist meine jugendheimat und meine sommerheimat gewesen, zumindest solange bis mir sogar meine elternheimat in zwingenberg zu viel war und dann wollte ich ja gar keine heimat mehr und nicht mal mehr eine lenieheimat, dann brauchte ich keinen schutz mehr und brauchte nicht mehr doel und brauchte niemanden!", sagte ich und musste erstmal atmen und sah dann zum fenster raus und es war nun tiefste nacht und die luft wurde langsam kälter, aber ich stützte mich auf und grübelte und sagte dann: "sie, also lenie, hat solange den unterschied gemacht, bis sie später dann gar nichts mehr machte, weil sie plötzlich für mich verschwunden war, weil ich für sie verschwunden war, aber trotzdem ist nun alles wieder lebendig, weil wir nun und jetzt mit dem volvo wieder zurückgekommen sind, und in der modrigen küche zu stehen und malzbiere in der hand zu halten und daran zu denken und die vergangenheit herbeizufühlen, zeigt mir eigentlich nur auf, dass es niemals ein doel ohne lenie gegeben hat, und dass es immer ein doel durch lenie gegeben hat und sie ein guter mensch ist, und obwohl das 10 oder wasweißich wie viele jahre her ist, fühlt es sich doch seltsam vertraut an, und ob sie noch hier wohnt? wenn man bedenkt, dass lenie mir eigentlich immer nur in doel und in doel jedes mal begegnete, könnte es schon gut sein, aber ich glaube es fast nicht, weil ja fast niemand mehr hier ist, aber das wäre eine angenehme verrücktheit und entzückend, sie zu sehen und zu berühren und ihre existenz nochmals zu erfahren, und ich geh einfach mal gucken morgen und wahrscheinlich ist sie nicht da, aber dann weiß ich's sicher!" und dann war's erstmal kurz ruhig, weil ich da gerade echt ein stück seele aus mir hervorgekramt hatte und ganz durcheinander hatte ich mich gebracht, aber josie sagte aus dem nichts dann: "aber dann geh doch besser jetzt, dann weißt du's schneller, oder?" und keine ahnung warum ich da selbst nicht drauf gekommen war, aber sprang auf und rannte raus und am deich lang und zweite links in die camermanstraat und dann haus 3 und sehe schon, dass da nichts ist, und alles dunkel und auch verrammelt und außen in großen spraydosenlettern: doel moet blijven! - bloß, dass das mit dem bleiben wohl nicht auf lenie zutraf, da wohnte keiner mehr und meine spontan entstandene ekstase schwang in sekundenschnelle um in eine ermattung und ich ging zurück und kurz auf den deich und schrie es raus in die verdammte weite: DANN HALT NICHT, WAR JA NUR N ANGEBOT, DU SCHEISSWELT! und da war ich echt richtig sauer und bin dann wieder in die küche und alle lachten und ich dann auch, obwohl ich gar nicht wollte, und war anständig verwirrt und wieder geerdet mit der erkenntnis, dass sich alles ändert manchmal, und das ist ja im prinzip auch gut so. wir haben jeder dann eine ecke im wohnzimmer entstaubt und uns hingehauen, weil wir doch alle müde waren.
am nächsten morgen lief ich zum kleinen kaufladen und kam bei tantetje mullers haus vorbei und klopfte ans fenster und sah rein und konnte kaum was erkennen, aber die tür war nicht abgeschlossen, also ging ich rein, und wie ich so reinging rief ich: "tantetje muller, botho is hier, botho van dijck!" und dann trat ich in die stube und sah einen uralten menschen, wie er langsam im sessel versank und nur noch leise zu sprechen wusste, und ich hab dann mit ihr geplaudert und versprochen, dass ich ihr ein pfund kaffee vom kaufladen mitbringe, und sie war echt ein wenig verwirrt, aber wusste noch, dass sie oft auf mich und arno aufgepasst hatte, oder hatte brote geschmiert, und war wie eine oma für uns und war auch die beste freundin meiner eigentlichen oma. ich glaube, irritiert hat mich aber sofort der vogelkäfig, zwei zebrafinken hingen drin, wie auch früher immer schon vögel im wohnzimmerkäfig gesessen hatten, tantetje muller liebte die viecher, aber heute sangen sie nicht, kein ton, einfach still saßen sie auf ihren stäbchen und schauten mich an.
gut, und dann bin ich wieder los zum kaufladen und auf dem rückweg eben noch den kaffee vorbei gebracht bei tantetje muller, dieser gutherzigen, faltigen frau, und wieder zurück, um frühstück zu machen, aber dann war arno verschwunden, und josie sammelte im garten blumen, und ich ging dann erstmal auf den dachboden und suchte die pritschen, auf denen wir früher immer geschlafen hatten, und fand sie und hievte eine runter und plötzlich kam dann wieder arno reingestürmt und schrie so rum: "de hemel was so nabij, ich konnte ihn quasi fühlen, den himmel, konnte ihn greifen: ich bin an einem hoftor hoch auf den fenstersims und dann hab ich mich an der regenrinne aufs dach gehievt und bin die ganze havenstraat entlang auf den dächern der häuser gelaufen, ich war über allem, konnte antwerpen sehen mit den kirchtürmen, das akw war noch größer, die felder noch platter, die grachten hatten von dort oben besehen plötzlich eine struktur und der verdammte himmel, ich konnte ihn fühlen, glaubst du das?", fragte er und stand verschwitzt und fassungslos in der türschwelle und schaute glückselig durch den raum und seinen stolz und seine freude konnte man sehen und bebte und war gierig und josie kam die treppe runter mit einem stapel handtüchern und er hat die verdutzte gegriffen mit seinen feuchten händen und geknutscht hat er sie und vielleicht, um zu beweisen, dass es das gute war, das ihn antrieb und gerade jetzt durchströmte, und haben dann alle erstmal was gegessen und kaffee gebrüht und war so wunderbar dort in der küche zu sein, weil alles so energetisch und befreiend und leuchtend begann und ich begriff, dass dieser aufenthalt hier in doel anders sein würde als alle vorangegangenen, weil lenie weg war, und dann dröhnte aber eine sirene durchs dorf und ich trat auf die straße und sah den krankenwagen einbiegen und sah, wie er die liefkenshoekstraat entlangschoß und direkt vor tantetje mullers haus stoppte, und dann ging mir plötzlich die pumpe und ich sprintete hin und fragte die sanitäter, was los sei, aber die waren ziemlich brüsk, aber notierten zumindest meine handynummer, als ich denen klarmachte, dass tantetje schon lange keine verwandten mehr hatte in doel, und schoben sie mit tropf im arm auf einer liege zum wagen und ich schaute mich drinnen nochmals um, während der rtw abfuhr, und griff den käfig und nahm die beiden piepmatze mit, die ja nicht piepen wollten, und trottete zurück und erzählte es arno und dessen blick wanderte über die braunen bodenfliesen bis er dann laut auflachte, und ich wollte ihn schlagen, aber er sagte: "ach, nur wegen der vögel lach ich, warum denn die vögel?" "damit sie nicht sterben, ich fütter sie bis tantetje zurückkommt, verstehst du, damit sie nicht sterben!", antwortete ich und arno schüttelte den kopf: "das's also das erste, was dir in den sinn kam?" "ja, ganz offensichtlich, oder, scheißegal doch, was mir in den sinn kam, oder?", sagte ich ein wenig gehitzt bevor josie dann letztlich dazwischen ging und meinte: "ist doch gut, ist doch alles gut!" und dann saßen wir dort oder machten so apathisch diesdas bis mein handy vibirierte und das krankenhaus mir erklärte, dass tantetje tot ist, und hab ich sofort aufgelegt und war ich vielleicht sauer, mensch, das war nicht gut, oder eigentlich war ich gar nicht mal so sauer, eigentlich war ich eher enttäuscht.
wir haben dann noch tantetje mullers verwandten in antwerpen benachrichtigt und haben alles eingeladen und die fenster notdürftig wieder vernagelt und die tür zugesperrt und fuhren noch in der selben nacht und mit bob dylan-kassette und schweigend zurück nach zwingenberg und danach bin ich tatsächlich nie wieder in doel gewesen, aber die vögel hatte ich mitgenommen und auch weiter mit nach bochum genommen in meine studibutze und weiter in meine erste eigene wohnung in hagen und in das reihenhaus mit meiner späteren frau und unserem ersten sohn luke und die lebten noch recht lange, die zebrafinken, vielleicht noch 5 bzw. 6 ½ jahre.