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Ober­bürgermeister

Rede des Oberbürgermeisters zum Gedenken an den deutschen Widerstand des 20. Juli 1944 am 20. Juli 2019 im Deweerth’schen Garten

Gedenken an den deutschen Widerstand im Deweerth’schen Garten

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Wuppertalerinnen und Wuppertaler,

herzlichen Dank an Thomas Voigt für die musikalische Einstimmung auf die Veranstaltung. Ich begrüße Sie alle zur heutigen Veranstaltung zum Gedenken an den 20. Juli 1944. Ganz besonders begrüße ich Herrn Dr. Werner Kleine und freue mich, dass er anschließend zu uns sprechen wird.

Ich danke der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die gemeinsam mit der Stadt Wuppertal zu dieser Feierstunde eingeladen hat, für ihre Unterstützung.

Sehr geehrte Damen und Herren, 

Der 20. Juli steht für den Widerstand gegen den Diktator Adolf Hitler und das nationalsozialistische Regime. Heute jährt sich dieser symbolträchtige Tag zum 75. Mal. Mit einer Bombe versuchte eine Gruppe deutscher Offiziere um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg Hitler zu töten. Nach dem gescheiterten Attentat nahm die Gestapo Tausende von tatsächlichen oder vermeintlichen Mitverschwörern und Regimegegnern fest. Sie wurden vom „Volksgerichtshof“ abgeurteilt. Viele von ihnen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet und ganze Familien in Sippenhaft genommen oder ausgelöscht. 

Wenn auch das eigentliche Ziel, nämlich Hitler zu töten und sein menschenverachtendes Unrechtsregime damit zu beseitigen, verfehlt wurde, so ging von dem Attentat doch eine deutliche Signalwirkung in die Welt und in die Zukunft aus: Ein Zeichen gegen den Massenmord an Juden und vielen anderen Verfolgten, gegen die Gräuel in den Konzentrationslagern, gegen Terror und Denunzierung - und gegen das NS-Unrechtsregime schlechthin! Wenn von Stauffenberg und seine Mitstreiter wohl auch die bekanntesten im Widerstand aktiven Personen waren, so hatte der Widerstand doch viele Gesichter und Formen.

Es hat sie gegeben, ob in der Gruppe - wir alle kennen die Weiße Rose um die Geschwister Scholl oder den Goerdeler-Kreis - oder auch allein und oft unbekannt. Menschen, die sich gegen den Terror gestellt haben, sich für Verfolgte eingesetzt, sie versteckt oder ihnen auf andere Weise geholfen haben.

Es hat sie gegeben, die Menschen, die sich nicht mit einem Leben in der nationalsozialistischen Diktatur arrangieren wollten und sich nicht mit Unfreiheit und brutalem Terror abgefunden haben.

Es hat sie gegeben, die Menschen, die sich Anstand, Mitgefühl und Mitmenschlichkeit bewahrt haben. Die für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit ein- und aufgestanden sind.

Diese Menschen sind ihrem Glauben, ihrer politischen Haltung oder auch ihrem Gewissen gefolgt. Ich erinnere an die Bekennende Kirche, an Martin Gauger oder sozialdemokratische, kommunistische und gewerkschaftliche Widerstandskämpfer auch hier in Wuppertal!

Und sie waren bereit, sich in einem Unterdrückungsstaat für ihre Überzeugung einzusetzen, sich und damit auch ihre Familien, Angehörigen und Freunde in Gefahr zu bringen.

Und sie waren bereit, für ihre Überzeugungen mit dem Leben einzustehen. Diese Menschen haben Verantwortung übernommen. Daher gedenken wir am 20. Juli aller Menschen, die sich gegen das nationalsozialistische Gewaltregime gestellt haben und wir gedenken aller Opfer dieses Unrechtsregimes.

Ich verneige mich in Demut vor diesen Menschen!

Heute leben wir in einem demokratischen Rechtsstaat, in dem die Grundrechte eines jeden Menschen unveräußerlich sind. Deshalb können wir in diesem Jahr mit Stolz „70 Jahre“ Grundgesetz feiern! Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten haben Männer und Frauen im Parlamentarischen Rat die Lehren aus der dunkelsten Zeit Deutschlands gezogen und unser Grundgesetz erarbeitet.

Artikel 1 des Grundgesetzes lautet: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Dort steht nicht: Die Würde des Deutschen ist unantastbar. Sondern: Die Würde des Menschen. Egal, welcher Herkunft, Religion, Hautfarbe, Sprache, politischer Überzeugung oder sexueller Orientierung.

Aber Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Humanität und Toleranz sind keine selbstverständlichen Gewissheiten, sondern setzen das dauerhafte Engagement jedes oder jeder Einzelnen von uns voraus. Jede und jeder von uns muss täglich für die unveräußerlichen Grundrechte eintreten. Das sind wir auch den Widerstandskämpfern und Opfern schuldig, denen wir heute gedenken. Denn heute ist es doch ungleich leichter, Farbe zu bekennen und für die Menschenrechte und Demokratie einzutreten. 

Denn es werden mehr und mehr Menschen, die unsere Grundrechte in Frage stellen und diese aushöhlen und bekämpfen. Der 20. Juli erinnert uns daran, dass wir fest zu unseren Werten und Überzeugungen stehen müssen. Das bedeutet auch, dass wir nicht tatenlos zusehen dürfen, wenn anderen Menschen Unrecht geschieht oder Unrecht zu Recht wird.

Wir sind mehr und müssen das deutlich machen - in Worten und Taten. Zivilcourage und Geradlinigkeit, Null-Toleranz gegen Intoleranz, Respekt gegenüber anderen. Gerade im Hinblick auf zunehmend offene fremdenfeindliche und antisemitische Einstellungen, Äußerungen und Straftaten. Gerade in einer Zeit, in der rechtspopulistische Kräfte in Deutschland und in Europa starken Zulauf erfahren, müssen wir alle zusammen unsere demokratischen Werte verteidigen und für diese auch einstehen.Und das ist höchste Zeit ist, macht der Mord an dem Regierungspräsidenten Walter Lübcke deutlich. Ich bin immer noch fassungslos angesichts dieser Gewalt! 

Klaus von Dohnanyi sagte: „Widerstand kommt immer zu spät“. Denn Wir haben immer die Wahl: zwischen handeln und nicht-handeln, zwischen hinsehen und wegsehen, zwischen reden und schweigen, zwischen aufstehen und sitzen bleiben. Gleichgültigkeit, Verharmlosung und Wegsehen. Auch das hat das NS-Regime stark gemacht.

Ganz aktuell hat der Rat der Stadt Wuppertal sich in seiner Resolution vom 8. Juli unserer aus den Gräueln des nationalsozialistischen Regimes gewachsenen Verantwortung bekannt und eindeutig und unmissverständlich Position bezogen gegen jede Form offener oder versteckter antisemitischer und hetzerischer Handlungen, welche sich in Wort oder Tat gegenüber unseren jüdischen Mitbürgern, deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen äußert. Wir stehen an der Seite der jüdischen Kultusgemeinde. Wer jüdische Mitbürger und deren Einrichtungen angereift, greift uns alle an!

Wir alle spüren, dass sich die Fliehkräfte in unserer Gesellschaft verstärken. Die Grenzen dessen, was sagbar ist, verschieben sich in eine Richtung, die niemand mehr für möglich gehalten hat. In geschmack- und respektloser Weise wird gehetzt, verleumdet und gedroht, anstatt sich sachlich mit den Argumenten des Gegenübers auseinanderzusetzen. Das gefährdet unsere Demokratie und unser friedliches Zusammenleben.

Deshalb lassen Sie uns alle gemeinsam auf- und einstehen gegen Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Gewalt. Wuppertal ist und bleibt eine weltoffene, tolerante Stadt, in der Hass, Gewalt und Intoleranz keinen Platz haben. 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

Ich danke Ihnen und gebe jetzt das Wort weiter an Dr. Werner Kleine, der zum Thema „Erinnerung und Gewissen – warum Verantwortung nicht delegierbar ist“, sprechen wird.

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Bildnachweise

  • Stadt Wuppertal

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