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Oberbürgermeister

Rede zum 20. Juli

OB Andreas Mucke erinnerte am 20. Juli 2020 im Deweerth’schen Garten an die Widerstandskämpfer/innen während der Zeit des Nationalsozialismus

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Wuppertalerinnen und Wuppertaler,

ich begrüße Sie alle zur heutigen Veranstaltung zum Gedenken an den 20. Juli 1944.

Ich freue mich, dass heute auch Dr. Ulrike Schrader und Dana Thiele, von der Begegnungsstätte Alte Synagoge, über die Frage „Warum es nicht genügt, ein Mensch zu sein“ sprechen werden.

Ich danke der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die gemeinsam mit der Stadt Wuppertal zu dieser Feierstunde eingeladen hat, für ihre Unterstützung.

Am 20. Juli 1944 versuchten Offiziere um Claus Schenk Graf von Stauffenberg Adolf Hitler durch einen Sprengstoffanschlag zu beseitigen. Der Staatsstreich scheiterte. Hitler überlebte leicht verletzt.

Die Attentäter mussten dafür mit ihrem Leben bezahlen. Mit brutaler Härte übte das NS-Regime Vergeltung und schlug den Widerstand nieder. 

Schon vor diesem Tag hatte es Versuche gegeben, sich dem NS-Regime auch todesmutig zu widersetzen. 

Die Bekennende Kirche mit Dietrich Bonhoeffer, Die weiße Rose und der Kreisauer Kreis gehörten dazu. Aber auch Einzelpersonen wie Georg Elser lehnten sich gegen das Regime auf. 

Widerstand leisteten auch die stillen Helden, die Zwangsarbeitern heimlich Nahrungsmittel zusteckten, Juden zur Flucht verhalfen oder sie versteckten.

Sie hatten einen unterschiedlichen religiösen, politischen oder ethischen Hintergrund. Doch sie alle einte das, was ihr Gewissen war.

Heute identifizieren wir uns mit den Menschen, die während dieser Zeit Widerstand leisteten. Sie sind Vorbilder für uns. Damals waren es aber nur wenige, die Zivilcourage zeigten. Das NS-Regime wurde von der großen Mehrheit der Deutschen getragen. „Der Führer“ hätte keinen totalitären Staat aufbauen, keinen Völkermord begehen und keinen Weltkrieg entfachen können, wenn es nicht diejenigen gegeben hätte, die seine Befehle „ausgeführt“ hätten. Wenn es nicht diejenigen gegeben hätten, die gehorcht haben.

Sehr geehrte Damen und Herren, 

in diesem Jahr jährt sich der 8. Mai – der Tag der bedingungslosen Kapitulation - zum 75. Male. Das war - wie der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag (1985) formulierte – der „Tag der Befreiung“ von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Befreit wurden diejenigen, die in Konzentrationslagern gefangen waren, ins Exil fliehen, sich über Jahre verstecken oder unter der deutschen Besatzung leiden mussten. 

An dem Tag wurden auch wir Deutschen von außen durch die Alliierten befreit. Bis zur inneren Befreiung sollte es noch dauern. Damit verbunden war ein langer und schwieriger Prozess der Aufarbeitung, Verständigung und Aussöhnung, der eigentlich nie abgeschlossen wird sein können. 

Als von Weizsäcker 1985 vom „Tag der Befreiung“ sprach, gab es viel Zuspruch, aber auch viel Kritik. Viele sahen den 8. Mai als Tag der Niederlage. 

Sie wollten nichts von der persönlichen Verantwortung, von der eigenen und der Vergangenheit der Väter wissen. Sie wollten sich am liebsten frei von der eigenen Schuld machen. Dabei versteckten sie sich hinter der Aussage, doch nur ein Rädchen im Getriebe gewesen zu sein.

Sie hätten nur ihren Dienst verrichtet und es hätte wegen des Befehlsnotstandes keine Alternative zum Gehorchen gegeben. Und sie hätte auch nichts gewusst, von dem was in den Konzentrationslagern passierte. 

Das ist schlichtweg falsch, wie uns Widerstandskämpfer/innen bewiesen haben! Denn sie wählten damals einen anderen Weg: Sie widersetzen sich.

Damit will ich zu der Frage kommen, die Hannah Arendt einst stellte: Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur? 

Wir stehen an einem Ort, an dem über die Vergangenheit geurteilt wird. Darüber was damals richtig und falsch war, was Recht und Unrecht war. 

Für mich geht es heute nicht alleine um das Erinnern, sondern um Erkenntnis. Wir urteilen über Vergangenes, um danach unser Handeln in der Gegenwart und für die Zukunft auszurichten. 

Genau deshalb versuchen die Rechtspopulisten unsere Geschichte umzudeuten, Verantwortung zu leugnen und so ihre menschenfeindliche Politik zu rechtfertigen.

Es ist wichtig, dass die NS-Verbrechen weiterhin aufgeklärt und die Verbrecher - wie in diesen Tagen in Hamburg - der Prozess gemacht wird. Im Gerichtssaal wird das Handeln des Einzelnen beurteilt und nach seiner persönlichen Verantwortung gefragt. Und es ist auch ein Signal: Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren niemals. 

Sehr geehrte Damen und Herren

Verfolgung, Krieg und Massenmord vorausgegangen war 1933 die Gleichschaltung. Nicht nur der staatlichen Institutionen. Die Menschen waren gleichgeschaltet. Sie hörten auf selber zu denken und darüber zu urteilen, was Recht und was Unrecht war. Es gab keinen Austausch mehr über unterschiedliche Standpunkte. Keiner schaute mehr auf den anderen. Man uniformierte sich. 

Wie verhält man sich, wenn die Mehrheit oder das soziale Umfeld die Frage nach Recht und Unrecht schon entschieden hat?

Wir sind auch dafür verantwortlich, was in unserem Name oder im Namen unserer Gemeinschaft verübt wird, auch wenn der Einzelnen darauf keinen Einfluss hatte.

Der Einzelne darf nicht zum Rädchen im Getriebe werden. Zur persönlichen Verantwortung gehört es, selbst zu denken. Immer auch das eigene Handeln aus der Sicht des Gegenübers zu prüfen. 

Was ist aber der Maßstab, nach dem wir urteilen, was Recht und Unrecht ist? 

Es ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und unser Grundgesetz. Darin vor allem der Artikel 1, in dem es heißt „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Es heißt eben nicht, „Die Würde des Deutschen ist unantastbar“. Jeder Mensch ist gleich wertvoll und hat das Recht, Rechte zu haben. Wir haben aus unserer Vergangenheit gelernt. 

Und das Grundgesetz verbrieft in Artikel 20 das Recht zum Widerstand gegen diejenigen, die die Menschenwürde und die Ordnung, die Sie garantiert, beseitigen wollen.

Damit ist es nicht nur ein Recht, sich zu widersetzen. Ich finde sogar, dass es dann eine Pflicht ist, ungehorsam zu sein. 

Das bedeutet für mich, zu widersprechen und einzuschreiten, wenn andere rassistisch angegriffen und ungerecht behandelt werden. Nicht zu schweigen und sich nicht einzureihen, wenn zum Beispiel im Verein, im Bus oder auf der Arbeit über Migranten geschimpft wird. Worte können nämlich wieder zu Taten werden und es liegt an uns, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Dazu will ich alle Wuppertaler/innen ermutigen. Es liegt an uns!

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