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Ober­bürgermeister

Rede von Oberbürgermeister Andreas Mucke auf der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019 in der City Kirche Elberfeld

- Es gilt das gesprochene Wort -

Verehrte Gäste, meine Damen und Herren,

bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus im letzten Jahr habe ich Ihnen einen Mann vorgestellt, der hier vorne links in der ersten Reihe saß – Herbert Cohnen.

Viele von Ihnen werden es wissen: Herbert Cohnen ist leider vor gut 5 Monaten verstorben. Er war einer der letzten noch lebenden jüdischen Zeitzeugen in Wuppertal. Bis zu seinem Tod besuchte er trotz seines hohen Alters regelmäßig Schulen, um seine bewegende Lebensgeschichte zu erzählen und häufig war er auch zu Gast bei Veranstaltungen in der Begegnungsstätte Alte Synagoge. Er war über viele Jahre Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Wuppertal und war Mitglied und Ehrenvorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Wuppertal e.V. Wir werden Herbert Cohnen ein ehrendes Andenken bewahren. Seine Stimme wird uns fehlen. Der Mensch Herbert Cohnen wird uns fehlen.

"Bis heute sind wir fassungslos angesichts der unvorstellbaren Grausamkeiten und furchtbaren Verbrechen, die Menschen an ihren Mitmenschen verübt haben."

Reichspogromnacht 9./10. November 1938

Vor mehr als 80 Jahren brannten im Deutschen Reich die Synagogen. Auch in Wuppertal wurden die beiden großen Synagogen in Barmen und Elberfeld in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von fanatischen Nationalsozialisten in Brand gesetzt.

Mit einer städtischen Gedenkveranstaltung, die aus Anlass des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht stattgefunden hat, haben wir an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte erinnert: Wir haben an die vielen Schicksale der Menschen jüdischen Glaubens erinnert, die Beschimpfungen, Plünderungen und Ausgrenzungen schutzlos über sich ergehen lassen mussten. Wir haben erinnert an die, die festgesetzt, in Konzentrationslager verschleppt, misshandelt, erschlagen oder erschossen wurden.

Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Und heute erinnern wir uns an den 27. Januar 1945. Vor 74 Jahren wurden die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit.

Bis heute sind wir fassungslos angesichts der unvorstellbaren Grausamkeiten und furchtbaren Verbrechen, die Menschen an ihren Mitmenschen verübt haben:

- Die systematisch organisierte Vernichtung von sechs Millionen Juden, sowie Roma, Polen, Russen und zahllosen Menschen anderer Nationalitäten, Religionen und Anschauungen in den von den Nationalsozialisten errichteten Konzentrationslagern.

- Die Erniedrigungen, Qualen, die physischen und psychischen Leiden eines jeden einzelnen Opfers, die es ertragen musste.

Dies alles führt uns schmerzhaft vor Augen, dass die NS-Vernichtungsideologie und -maschinerie für die Opfer die vollkommene Entrechtung und die vollkommene Entwertung menschlichen Lebens bedeutete.

Und niemand wurde verschont – nicht einmal die Schwächsten unter den Schwachen – ob Alte, Kranke oder Kinder – sie alle wurden zu Opfern des barbarischen NS-Regimes – gedeckt durch eine breite Mehrheit der Bevölkerung, die schweigend oder aktiv die Diktatur ermöglicht hat.

Aktuell wurde gerade die Serie „Holocaust“ im WDR-Fernsehen wiederholt. Als der Mehrteiler über das Schicksal der jüdischen Familie Weiss 1979 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, konfrontierte er Millionen Fernsehzuschauer erstmalig mit der eigenen Vergangenheit und erschütterte ein ganzes Land.

"Wir müssen daraus Lehren und Konsequenzen für unser Handeln ziehen."

Meine Damen und Herren,

der ehemalige SS-Unterscharführer Gottfried Weise, den die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Wuppertal am 28. Januar 1988 wegen fünffachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilte, hat nach Überzeugung der Kammer mehrere Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz eigenhändig durch gezielte Schüsse mit seiner Dienstpistole ermordet. Darunter einen Jungen im Alter von 10 Jahren.

Dieser Prozess wird heute Thema dieser Gedenkstunde sein. Es ist von immenser Wichtigkeit, sich wieder und wieder auseinanderzusetzen mit den furchtbaren Verbrechen schier unvorstellbaren Ausmaßes, die während der Zeit des Nationalsozialismus begangen wurden.

Erinnern heißt auch Auseinandersetzen!

Doch das Erinnern allein reicht nicht. Wir müssen daraus Lehren und Konsequenzen für unser Handeln ziehen.

Wir müssen durch unser Handeln dafür Sorge tragen, dass es in unserer Gesellschaft keinen Platz für Antisemitismus und Rassismus, für Hass und Hetze, für Diskriminierung und Ausgrenzung gibt.

Artikel 1 des Grundgesetzes sagt es deutlich: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Immer und überall!                                           

Wir müssen uns alle - jede und jeder Einzelne - dafür einsetzen, dass Toleranz, Vielfalt und Menschenrechte für alle gleichermaßen gelten und damit muss auch Widerstand gegen Antisemitismus und Rassismus selbstverständlich und keine Ausnahme sein.

Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus standen damals am Anfang. Die Folgen sind uns hier sehr bewusst: nämlich Krieg und Vernichtung.

"Wir müssen unsere Stimme für Freiheit, Menschenrechte, Demokratie und gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Extremismus erheben."

Heute beobachten wir, dass Ausgrenzung, Hass und Fremdenfeindlichkeit wieder vermehrt Einzug in unsere Gesellschaft halten und dabei schleichend auch bei immer mehr Menschen gesellschaftsfähig werden.

Mit der Verrohung der Sprache – meine Damen und Herren – fängt es an. Diesen Anfängen müssen wir – jede und jeder Einzelne – entgegentreten.

Denn was mit der Verrohung der Sprache anfängt – das lehrt uns eben die Geschichte – hört bei Gewalttaten gegen Andersdenkende und Minderheiten auf. Deshalb fängt verantwortungsvolles Handeln bei jedem Einzelnen an.

Wir müssen uns klar positionieren und unsere Stimme für Freiheit, Menschenrechte, Demokratie und gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Extremismus erheben.

Wir stehen in der Pflicht, uns gemeinsam für unsere freiheitlich demokratische Grundordnung einzusetzen, sie zu schützen und zu festigen. Wir stehen in der Verantwortung, insbesondere den nachfolgenden Generationen gegenüber, die wir durch entsprechende Bildungsarbeit und durch Konfrontation stark und resistent machen müssen gegen rechtes Gedankengut.

Eine schwierige Aufgabe in einer schwierigen Zeit, doch ich bin zuversichtlich, dass die demokratischen Strukturen, die demokratischen Parteien und die vielen engagierten Menschen bei uns stark genug sind, diese Herausforderungen anzunehmen und zu bestehen.

Demokratie ist keine Zuschauerveranstaltung – Demokratie lebt vom Mitmachen!

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