Inhalt anspringen

Oberbürgermeister

Rede zum Holocaust-Gedenktag 2020

Rede des Oberbürgermeisters auf der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus am 26. Januar 2020 in der CityKirche Elberfeld.

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Ich begrüße Sie herzlich hier in der CityKirche Elberfeld zu dieser wichtigen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus, die heute „das letzte Konzert des Jüdischen Kulturbundes“ in Wuppertal zum Inhalt hat.

Ich freue mich, dass auch zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens hier sind und begrüße stellvertretend für alle:

den Bundestagsabgeordneten Helge Lindh,

die Landtagsabgeordneten Dietmar Bell, Andreas Bialas und Josef Neumann

Frau Bürgermeisterin Ursula Schulz


Am Nachmittag des 27. Januar 1945, vor 75 Jahren, betraten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort bot sich Ihnen ein Bild des Grauens: Sie fanden die Leichen von 600 Gefangenen, die nur Stunden zuvor getötet worden waren. Sie fanden 7.650 kranke und ausgehungerte Gefangene.

Die deutschen Bewacher waren nicht mehr da, denn die hatten sich mit Tausenden Gefangenen, die noch gehen konnten, auf den Marsch in den Westen gemacht – auf den „Todesmarsch“. Das Eigentum der Opfer konnten sie nicht mehr mitnehmen, so fanden die sowjetischen Soldaten 350.000 Männeranzüge, 837.000 Frauenkleider und große Mengen an Kinder- und Babykleidung. Sie fanden zehntausende Paar Schuhe und 7,7 Tonnen menschliches Haar in Papiertüten, fertig für den Transport verpackt. Es sollte Filz für die Wehrmacht daraus hergestellt werden.

Erst eine Woche zuvor, in der Nacht zum 20. Januar 1945, hatte Gauleiter Erich Koch, der übrigens in Elberfeld geboren wurde, der ostpreußischen Bevölkerung gestattet, vor der anrückenden Roten Armee zu fliehen. In großer Hast und bei mehrstelligen Minusgraden verpackten die Menschen ihre Kinder und Habseligkeiten, um mit Pferdetrecks Richtung Westen zu flüchten.

Viele zogen über das zugefrorene Haff, das unter der Last der Wagen manchmal einbrach. Wer versank, kam um. Das war der Fanatismus der nationalsozialistischen Führung mit seinen Durchhalteparolen, mit der zynischen Vorstellung eines „Bollwerks des Nationalsozialismus“ an der östlichen Grenze.

Die deutsche Bevölkerung wurde zur Geisel einer verbrecherischen und schließlich auch selbstmörderischen Ideologie. Aber erst im Mai 1945 kapitulierte das nationalsozialistische Deutschland, und der Krieg war offiziell zu Ende.

Überall herrschte Chaos, überall suchten die Menschen nach Angehörigen, nach ihrem Hab und Gut, nach ihren Wohnungen. Der Wuppertaler Herbert Cohnen, der im Sommer 2018 leider gestorben ist, hat uns noch berichtet, welche Strapazen er und sein Vater auf sich nehmen mussten, um vom zerstörten Berlin wieder nach Hause, nach Wuppertal zu kommen. Und welch ein Wunder es war, dass ihr Haus noch stand – in der Friedrich-Ebert-Straße 73.

Das gerade begonnene Jahr 2020 steht ganz im Zeichen dieses Kriegsendes vor 75 Jahren – dem wollen wir zum einen mit einem ökumenischen Gottesdienst am 8. Mai und zum anderen mit einer offiziellen Veranstaltung im Rathaus Anfang Juni gedenken.

Dass dieses Kriegsende nicht das Ende des nationalsozialistischen Gedankenguts war, das wissen wir heute. Dass es auch danach noch Rassismus und vor allem Judenhass gab, darüber konnten bis vor kurzem viele Zeitzeugen aus eigener Erfahrung berichten.

Die Nazi-Ideologie war mit dem 8. Mai nicht einfach gelöscht! Lange hat es gedauert, bis die deutsche Gesellschaft sich über das Ausmaß der Verbrechen und die Wirkung des rassistischen Judenhasses klar geworden ist.

Und dass es bis heute eine immerwährende latente judenfeindliche Einstellung bei rund 25% der Bevölkerung gibt, ist auch eine bekannte Tatsache. Umso bedrohlicher ist es, wenn heute eine Partei in vielen Parlamenten sitzt, die eine solche rassistische und antisemitische Einstellung toleriert, sie manchmal unterstützt oder sogar selbst proklamiert!

Hier gilt es wachsam zu sein und alles zu tun, den Rechtspopulisten durch historisches Faktenwissen und gute Argumente den Boden zu entziehen. Und es gilt auch, alles daran zu setzen, die Erinnerung dauerhaft wach zu halten.

Wie zum Beispiel – ganz aktuell – mit der „Anne Frank Ausstellung“, die noch bis zum 30. Januar in der ehemaligen Kunsthalle im Haus der Jugend Barmen zu sehen sein wird.

Das Tagebuch des jüdischen Mädchens ist Symbol für den Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten und intimes Dokument der Lebens- und Gedankenwelt einer jungen Schriftstellerin.

Die Ausstellung mit dem Titel „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ erzählt von ihrem Leben und stellt neben der Perspektive der Verfolgten und ihrer Helfer auch die von Mitläufern und Tätern dar.

Besonders die junge Generation müssen wir sensibilisieren und ermutigen, sich gegen rassistische und antisemitische Hetze in unserer Gesellschaft einzusetzen.

Deshalb freue ich mich, wenn Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte am Gymnasiums am Kothen heute aktiv sind: In Zusammenarbeit mit der Begegnungsstätte Alte Synagoge haben sie sich mit dem „Jüdischen Kulturbund“ beschäftigt.

Das ist ein Aspekt der NS-Geschichte, der eher unbekannt ist. Der Jüdische Kulturbund war eine Organisation, in der die Menschen sich gemeinsam ihren Problemen gestellt und sich gegenseitig unterstützt haben.

Denn es war eben nicht so, dass die Juden sich haben „wie die Lämmer zur Schlachtbank führen lassen“, wie oft behauptet wird.

Auch in der Bedrängnis der nationalsozialistischen Judenverfolgung haben sie versucht, eine Alternative für sich zu finden, den Alltag aufrecht zu erhalten, weiterhin ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen, solange es eben möglich war.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • ©Stadt Wuppertal
Seite teilen