Die Verknüpfung von in-situ und ex-situ Artenschutz – wie der Zoo zum Schutz von Tieren und ihren natürlichen Lebensräumen beiträgt
Zoologische Gärten leisten vielfältige Beiträge für den Natur- und Artenschutz. Diese Beiträge können in zwei Kategorien eingeordnet werden: die in-situ und die ex-situ Schutzmaßnahmen.
Der in-situ Natur- und Artenschutz beinhaltet Maßnahmen, die in den natürlichen Lebensräumen der Tier- und Pflanzenarten wirken. Diese Maßnahmen werden klassisch von Naturschutzorganisationen koordiniert und beinhalten beispielsweise das Schaffen von Naturschutzgebieten, die Wiederherstellung vom Lebensräumen (Habitaten) oder den Kampf gegen die Wilderei.
Der ex-situ Natur- und Artenschutz findet außerhalb des natürlichen Lebensraums der Tier- und Pflanzenarten statt, also beispielsweise in Universitäten sowie zoologischen und botanischen Gärten.
Die Verknüpfung dieser beiden Ansätze entfaltet das volle Potential des Natur- und Artenschutzes. Beispiele wie Zoos ex-situ zum Natur- und Artenschutz beitragen sind folgende:
Eine Erfolgsgeschichte: die Moorea-Baumschnecke
Die Moorea-Baumschnecke, einst auf der polynesischen Insel Moorea heimisch, galt als in der Wildnis ausgestorben. Im vergangenen Jahr konnte der Grüne Zoo Wuppertal 603 nachgezüchtete Moorea-Baumschnecken für ein wissenschaftlich begleitetes Wiederansiedlungsprojekt zur Verfügung stellen. Gemeinsam mit anderen internationalen Zoos konnten über 6.000 endemische und mit speziellen Farbstoffen gekennzeichnete Schnecken verschiedener Arten und Unterarten in ein geschütztes und raubschneckenfreies Gebiet ausgewildert werden.
Es wurden nun zum ersten Mal seit 40 Jahren erwachsene, nicht gekennzeichnete Schnecken auf der Insel gefunden. Dies zeigt, dass sich die angesiedelten Schnecken erfolgreich fortpflanzen konnten. Somit konnte die Art nun auf der IUCN Roten Liste in ihrem Bedrohungsstatus herabgestuft werden, sodass sie nun nicht mehr als ausgestorben, sondern nur noch als vom Aussterben bedroht gelistet wird. Dieser Durchbruch wäre ohne die ex-situ-Arbeit von Zoos und die Auswilderung von in Zoos gezüchteten Tieren nicht möglich gewesen.
Tiermedizin und Technik: Wissen, dass Leben schafft
Zoos sind heutzutage keine Schauplätze von exotischen Tieren mehr, sondern viel mehr Forschungs- und Bildungszentren. Im Grünen Zoo Wuppertal wird beispielsweise Wissen zu assistierter Reproduktion gesammelt, welches dann ex-situ und in-situ zum Schutz von bedrohten Tierarten angewendet werden kann. Der Tierarzt und Forschungskurator des Grünen Zoos Dr. Dominik Fischer konnte so beispielsweise zum Schutz des Kākāpōs auf Neuseeland, des Westlichen Erdsittichs in Australien, der Harpyie in Brasilien und des Philippinenadlers auf den Philippinen beitragen.
Letztgenannter Philippinenadler ist stark bedroht und laut IUCN gibt es nur noch 180 bis 500 adulte Individuen auf den Philippinen. Zusammen mit der Philippine Eagle Foundation konnte er durch künstliche Besamung erfolgreich zum Wachstum der Adlerpopulation beitragen. Das hierfür notwendige Equipment wurde durch den Zoo-Verein Wuppertal finanziert.
Außerdem konnte Dr. Fischer durch seine Erfahrungen, welche er in Zoos und der Justus-Liebig-Universität Gießen gesammelt hat, bei der Versorgung und Rehabilitation verletzter Adler eine wertvolle Unterstützung leisten. Assistierte Reproduktion kann entscheidend sein, um kleine Restpopulationen genetisch vielfältig zu erhalten. Die im Zoo und der Universität gewonnenen Erfahrungen lassen sich somit direkt im in-situ-Artenschutz anwenden.
Populationsmanagement: Drei Stellschrauben für den Erhalt von Populationen
Ein leider oft weniger beachteter Aspekt des Artenschutzes ist das Populationsmanagement – also die gezielte Steuerung von Tierpopulationen. Hierbei greifen stets drei Faktoren als Stellschrauben ineinander: Geburten, Tod und Migration. Diese Prozesse kann man sowohl in der Natur, als auch im Zoo beobachten.
Der Grüne Zoo Wuppertal hilft im in-situ-Artenschutz die Geburtenraten seltener Arten, beispielsweise durch die assistierte Reproduktion, zu erhöhen. Außerdem wird die Migration durch in-situ Projekte unterstützt, bei denen Lebensräume über Korridore miteinander vernetzt werden, sodass Populationen entlang dieser Korridore wandern und zueinander finden können. Gleichzeitig gehört es aber auch zu einem verantwortungsvollen und fachlich fundierten Natur- und Artenschutz, dass auch im Freiland die Mortalität (also der Tod) als Stellschraube genutzt wird, wenn dies erforderlich ist. Dazu gehört beispielsweise, dass Tiere gezielt entnommen werden, um Ökosysteme zu stabilisieren oder um einem Mensch-Tier-Konflikt entgegenzuwirken.
Ein Afrikanischer Elefant konsumiert täglich ca. 150 Kilogramm Futter und 190 Liter Wasser. Das Territorium einer Elefantenfamilie ist in der Natur je nach Verfügbarkeit von Futter und Wasser zwischen 11 und 500 Quadratmeter groß. Somit ist klar, dass eine zu große Population von Elefanten in manchen Gebieten Afrikas nicht nur das Ökosystem empfindlich stört, sondern dass es durch deren räumliche Ausbreitung auch immer häufiger zu Konflikten mit Menschen kommt, wenn Elefanten landwirtschaftliche Nutzflächen oder Siedlungen zerstören. Alleine in Kenia sind zwischen 2010 und 2017 nahezu 200 Menschen durch Elefanten getötet worden. Durch die starke Ausbreitung des Menschen weltweit und seinen irreversiblen Einfluss auf die Natur müssen Tierpopulationen auch durch den Menschen gemanagt und kontrolliert werden.
Auch, wenn es sich hierbei um eine emotional diskutierte Praxis handelt, ist es Aufgabe der Zoos hierüber zu informieren, um so indirekt dem in-situ-Artenschutz beizutragen und im Sinne des Natur- und Artenschutzes wohl überlegt an den drei Stellschrauben zu drehen. Wertvolle Erfahrungen aus dem ex-situ Populationsmanagement in zoologischen Einrichtungen kommen dabei den in-situ-Artenschutzprojekten zu Gute.
In-situ-Arten- und Naturschutz sind teuer – Zoos können helfen
Nicht zu vernachlässigen ist der finanzielle Aufwand, welcher eine Naturschutzorganisation für ihre Maßnahmen im Natur- und Artenschutz aufbringen muss. Durch Eintritte, Spenden und Fördergelder sammeln Zoos und Zoo-Vereine erhebliche Summen, die direkt in in-situ-Schutzprojekte fließen. Alleine durch den Naturschutzeuro konnte der Grüne Zoo Wuppertal somit in 2024 über 83.000 € in den in-situ-Naturschutz geben, die zu den fünfstelligen Fördersummen des Zoo-Vereins Wuppertal addiert werden konnten. Die Besucherinnen und Besucher unterstützen also mit ihren Besuchen im Zoo indirekt auch den Schutz von Tieren und Pflanzen in weit entfernten Ländern oder direkt vor der Haustür.
Fazit: Gemeinsam für eine artenreiche Zukunft
Wie auch im One-Plan-Approach der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) beschrieben: Arten- und Naturschutz funktioniert nur gemeinsam – in-situ und ex-situ müssen Hand in Hand für ein gemeinsames Ziel kämpfen. Der Grüne Zoo Wuppertal zeigt beispielhaft, wie dies in der Praxis gelingen kann: durch Aufbau einer Reservepopulation, Forschung, Sammeln von tiermedizinischem Wissen, Bildung, finanzielle Unterstützung und noch vielen weiteren nicht erwähnten Punkten sind Zoos heute wichtige Zentren des Natur- und Artenschutzes.
Text: Antonia Colán Bräunig & Dr. Dominik Fischer
Das Foto zeigt eine Moorea-Baumschnecke.