Ungefähr Mitte des 20. Jahrhunderts begann eine stille Revolution in zoologischen Einrichtungen weltweit: statt Tiere nur zur Schau zu stellen, begannen immer mehr Zoos den Zweck der Haltung von Tieren zu hinterfragen. Natur- und Artenschutz, Umweltbildung und Wissenschaft wurden immer relevanter neben dem ursprünglichen Alleinzweck der Erholung und Freizeitgestaltung der Zoobesuchenden. Dies wurde auch durch erfolgreiche Auswilderungen und gezielte Wiederansiedlungsmaßnahmen von seltenen und teils ausgestorbenen Tierarten aus Zoos deutlich, die ebenfalls ungefähr Mitte des 20. Jahrhunderts erstmals durchgeführt wurden.
Viele Auswilderungsprojekte sind mittlerweile dank der vielfältigen Medien und Berichterstattung sehr populär und in der Bevölkerung bekannt. Zahlreiche Tierarten konnten durch Zoos vor dem Aussterben bewahrt werden. Der Kalifornische Kondor, bekannt als größter Greifvogel weltweit, wurde mithilfe von Zuchtprogrammen und Wiederansiedlungen im westlichen Nordamerika wieder heimisch. Auch Großsäugetierarten wie der europäische Wisent und das Przewalski-Pferd, ursprünglich in der Natur ausgestorben, profitieren von solchen Schutzbemühungen und den Auswilderungen. Auch direkt vor unserer Haustür sorgen Wiederansiedlungsprojekte mit der Hilfe von Zoos für das Überleben einiger Tierarten wie dem Europäischen Hamster, dem Europäischen Biber, dem Wanderfalken, dem Uhu, der Zwerggans, der Europäischen Sumpfschildkröte und vielen mehr. Dies sind nur einige Beispiele, welche zeigen, dass Zoos heute wichtiger und vielschichtiger sind als die einstigen Menagerien von damals. Moderne Zoos sind Archen, in denen Reservepopulationen gehalten werden, die für gezielte Auswilderungsprojekte genutzt werden können.
Die Auswilderung von Individuen ist allerdings keinesfalls trivial. Sie bedarf stehts einer sehr guten, langfristigen und jahrelangen Planung. Das Vorhaben startet bereits bei der Suche eines passenden Habitats, das sich für eine Wiederansiedlung eignet. Die Natur muss so gut erhalten sein, dass das Überleben für die Tiere langfristig möglich ist und dort stabile Populationen entstehen können. Außerdem müssen alle Interessengruppen aus allen Schichten der Bevölkerung vom Nutzen eines solchen Vorhabens überzeugt werden, weshalb Umweltbildung und transparente Informationen entscheidend sind. Außerdem gilt es die oftmals sehr hohen Kosten nachhaltig und langfristig zu decken. Nichtsdestotrotz schrecken Naturschützende und Naturschützer nicht vor der Herausforderung zurück, um den meist durch den Menschen oder durch ihn hervorgerufene Veränderungen bedrohten Tieren eine erneute Chance in ihrem angestammten Lebensraum zu bieten.
Das Engagement von Zoos in diesen Projekten ist groß und vielseitig. Neben dem Bereitstellen von Tieren helfen Zoos den Auswilderungsprojekten durch eine aktive finanzielle Förderung. Mitarbeitende des Zoos leisten wichtige Beiträge durch Forschung und das Monitoring der Tierarten, sodass Auswilderungen wissenschaftlich fundiert und nachhaltig gestaltet werden. Der Grüne Zoo Wuppertal engagiert sich in der Vergangenheit bereits intensiv bei der Auswilderung von Waldrappen, Feuersalamandern, Moorenten, Europäischen Sumpfschildkröten, Gelbbauchunken, Moorea-Baumschnecken, Habichtskäuzen, Wanderfalken, Mönchs- und Bartgeier und unterstützte viele Erhaltungsprojekte des Europäischen Zooverbandes (EAZA) fachlich, personell und finanziell.
Das Projekt zur Auswilderung des Waldrapps gehört zu den besonderen Erfolgen des Wuppertaler Zoos. Der Waldrapp, ein stark gefährdeter Zugvogel, verschwand in Europa fast vollständig. Das „Ibis Ermitan“-Projekt, das der Zoo aktiv unterstützt, verfolgt das Ziel, stabile Populationen in ihren historischen Lebensräumen in Südeuropa wieder aufzubauen. Hierfür werden junge Waldrappen in Zoos gezüchtet und mithilfe von Flugtrainings an den Vogelzug und das Leben in der Natur gewöhnt. Nach der Freilassung monitort das Projekt freigelassene Individuen mithilfe von GPS-Transmittern, um ihre Flugrouten und Überlebensstrategien zu überwachen. Für dieses wichtige Projekt spendete der Wuppertaler Zoo vor kurzem erst 3.300 EUR. Das Geld dient dem Erwerb der GPS-Tracker, die für die Nachverfolgung der Vögel unverzichtbar sind. Sollte es das EAZA Ex-situ Programm (EEP) als sinnvoll erachten, wird der Wuppertaler Zoo mit Freunde außerdem von den alljährlich nachgezüchteten Tieren Individuen für die Wiederansiedlung bereitstellen.
Neben dem Waldrapp engagiert sich der Wuppertaler Zoo auch bei der Wiederansiedlung zweier durch den Menschen beinahe ausgerotteter Vogelarten: des riesigen Bartgeiers, einem Knochen- und Aasfressenden Greifvogel im Alpenraum und des Habichtskauzes, einer Eulenart die Mitte der 1920er Jahre in Deutschland freilebend vorkam. Der Forschungskurator des Grünen Zoos Dr. Dominik Fischer unterstützt dieses Projekt vor Ort und durch seine Expertise als Tierarzt und wissenschaftlicher Berater. Durch diese Arbeit trägt der Grüne Zoo dazu bei, dass Bartgeier und Habichtskauz heute wieder Deutschland ihre angestammten Lebensräume besiedeln können.
Für die Zukunft plant der Wuppertaler Zoo außerdem eine aktive Rolle bei der Wiederansiedlung des Karpatenluchses in Nordrhein-Westfalen einzunehmen. Bereits seit einigen Monaten laufen die Planungen für dieses wichtige Vorhaben, bei dem alle relevanten Interessensgruppen eng und interdisziplinär zusammenarbeiten. Der Wuppertaler Zoo übernimmt dabei wichtige Aufgaben in der Zucht und der Bereitstellung der Tiere sowie in deren Vorbereitung auf die Natur. Unter der Leitung der Initiative Luchs NRW engagieren sich zahlreiche motivierte Naturschützerinnen und Naturschützer im Rahmen des ganzheitlichen One-Plan-Approach der Welt-Zoo-Vereinigung WAZA, um das gemeinsame Ziel zu verfolgen, den Karpatenluchs bald wieder durch unsere heimischen Wälder streifen zu sehen.
Moderne, wissenschaftlich geleitete Zoos wie der Grüne Zoo Wuppertaler sind unverzichtbare Partner im Artenschutz. Ihre Arbeit geht weit über die reine Haltung und Pflege der Zootiere hinaus. Sie schaffen Chancen für bedrohte Tierarten, dauerhaft in die Natur zurückzukehren – für eine Zukunft, in der Wildnis und Biodiversität wieder wachsen können.
Text: Dr. Dominik Fischer & Antonia Colán Bräunig