Zucht ohne Tiertransport – Wie künstliche Besamung für den Erhalt von Populationen sorgen kann
Von Antonia Colán Bräunig, Laura Platner und Dominik Fischer
Vor zwei Wochen wurde im Grünen Zoo Wuppertal die Löwenkatze „Amera“ künstlich besamt. Dieser Schritt wurde zuvor intensiv geplant und durch die Kooperation vieler Expertinnen und Experten ermöglicht. Ziel der künstlichen Besamung war unter anderem, dass in der Löwengruppe des Grünen Zoos sozialen Strukturen geschaffen werden, die denen in der Natur möglichst ähnlich sind. Außerdem werden bei solch einem Unterfangen wichtige Erfahrungen im Bereich der assistierten Reproduktion gesammelt, welche in Zukunft für die genetisch gesunde Zoopopulation der Afrikanischen Löwen entscheidend sein könnten.
Afrikanische Löwen leben in komplexen Familienverbänden. Die Weibchen bleiben in der Regel ihr Leben lang in ihrem Geburtsrudel und sind eng miteinander verwandt. Männchen hingegen verlassen das Rudel, sobald sie geschlechtsreif werden und schließen sich später oft mit anderen Männchen, beispielsweise ihren Brüdern, zu kleinen lockeren Katergruppen zusammen. Gemeinsam versuchen sie dann, ein fremdes Rudel zu übernehmen. Genau diese Dynamik sollte auch in zoologischen Einrichtungen nachempfunden werden. Das langfristige Ziel ist es deshalb im Grünen Zoo ein Rudel aus miteinander verwandten Löwinnen und einem oder mehreren unverwandten fortpflanzungsfähigen Männchen zu halten. In der Natur sind diese Männchen meist nur für einige Jahre Teil eines Rudels und werden später von anderen, stärkeren Katern abgelöst, während die Weibchen den Kern der Gruppe bilden.
Derzeit ist diese Konstellation in der Löwengruppe des Grünen Zoos noch nicht gegeben, da in Wuppertal zwei alte Löwenkater gehalten werden, die aus genetischen Gründen nicht mit den Löwenkatzen züchten sollen. Die Katzen gehören nämlich zur nordafrikanischen Unterart Panthera leo leo, während die Kater der südlichen Unterart Pantera leo melanochaita angehören. Beide Unterarten werden von der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) als eigenständige und erhaltenswerte Subspezies geführt, sodass diese in modernen und wissenschaftlich geführten Zoos nicht vermischt werden dürfen. Seit gut einem Jahr werden die beiden Unterarten sogar in separaten Zuchtbüchern, den sogenannten EAZA-Ex-situ-Programmen (kurz EEP), gemanagt, wobei das EEP der nördlich-afrikanischen Löwen im Grünen Zoo geführt wird.
Die künstliche Besamung eröffnet vielfältige Optionen für das Zuchtmanagement. Für die Löwin „Amera“ wurde Sperma eines genetisch passenden, nordafrikanischen Katers in einem belgischen Zoo . Bei erfolgreicher Befruchtung könnten auf diese Weise genetisch passende Nachkommen gezeugt werden, ohne dass die Tiere hierfür transportiert werden mussten. Sollten nun nach 100 -115 Tagen Tragzeit weibliche Jungtiere geboren werden, können sie langfristig den Kern eines neuen, stabilen Rudels im Grünen Zoo bilden. In einem späteren Schritt wäre es dann möglich, ein unverwandtes Männchen derselben Unterart in die Gruppe zu integrieren.
Die Umsetzung des sorgfältig ausgeklügelten Planes hat gut funktioniert. Das für die Löwen zuständige Tierpflegeteam meldete die Rolligkeit, also die Paarungs- und Empfängnisbereitschaft von "Amera" direkt an die zuständige Tierärztin und die zuständige Kuratorin. Diese nahmen umgehend Kontakt zu einer externen Spezialistin für Reproduktion bei Zoo- und Wildtieren sowie zum Team des belgischen Zoos auf und stimmten das weitere Vorgehen genau ab.
Es arbeiteten schließlich zwei Teams zusammen: Im Zoo in Belgien legte das Tierärzteteam den Kater in Narkose, gewann das Ejakulat und bereitete es so vor, kühlte es und verpackte es so, dass es für einige Stunden haltbar und transportfähig wurde. Um Zeit zu sparen, fuhr der Tierarzt des belgischen Zoos der Tierärztin des Grünen Zoos entgegen, um am Samstagabend etwa auf halber Strecke das wertvollen Paket zu übergeben. Am gleichen Tag hatte in Wuppertal die Löwin schon ein Medikament verabreicht bekommen, dass den Eisprung auslösen sollte. Dieser erfolgt bei Katzen nämlich nicht selbstständig, sondern wird normalerweise erst durch den Deckakt ausgelöst.
Sonntagmorgen kam dann eine externe Spezialistin zur Durchführung der Besamung hinzu. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren wurde das Narkosemittel per Blasrohrpfeil verabreicht. In der Narkose wurde dann zunächst eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt, um die Empfängnisbereitschaft zu bestätigen. Die Freude war groß: Es wurden gleich mehrere sprungreife Follikel (flüssigkeitsgefüllte Bläschen am Eierstock, die eine Eizelle enthalten) gefunden, einer war gerade gesprungen, das heißt, er hat die enthaltene Eizelle freigegeben.
Anschließend wurde das Ejakulat per Sonde über die Scheide direkt am Muttermund eingegeben. Der Hinterleib der Katze wurde anschließend für eine Viertelstunde erhöht gelagert und durch knetende Handbewegungen in Nacken wurde der bei einer Katzenpaarung typische Nackenbiss des Katers nachgestellt.
Obwohl die Voraussetzungen gut sind, heißt es jetzt: Daumen drücken, denn eine Garantie für Jungtiere gibt es natürlich nicht.
Die Anwendung dieser Techniken sind wieder ein schönes Beispiel, dass im Zoo wichtige Erkenntnisse für den Artenschutz gewonnen werden. In der modernen Zoo- und Artenschutzarbeit spielt die sogenannte assistierte Reproduktion einschließlich der Gefrierkonservierung (Kryokonservierung) eine immer wichtigere Rolle. Dabei werden Spermien, Eizellen oder anderes genetisches Material unter extrem niedrigen Temperaturen, meist in flüssigem Stickstoff, eingefroren und dadurch langfristig haltbar gemacht. Ziel ist es, wertvolles genetisches Material für die Zukunft zu sichern. Dies bietet wichtige Optionen, falls zukünftig passende Partnertiere fehlen, die genetische Vielfalt der Population zu sinken droht oder andere Zuchtkombinationen sinnvoll erscheinen. In diesen Fällen kann das konservierte Material aufgetaut und für die künstliche Besamung bzw. eine Eizellbefruchtung eingesetzt werden. Solche Verfahren klingen sehr technisch, sind aber wichtige Komponenten der assistierten Reproduktion und ein zentraler Baustein moderner Erhaltungszucht. Dies trägt zu dem Ziel der Zoos bei auch in Zukunft genetisch gesunde Tierpopulationen aufzubauen und zu erhalten.