Zoos züchten Tiere zum Arterhalt; denn eine bedrohte Tierart, die zwar gehalten, aber nicht gezüchtet wird, stirbt auch aus.
Im günstigsten Fall funktioniert die Zucht ohne größere Herausforderungen: Männchen und Weibchen lassen sich problemlos zusammenführen, das Verletzungsrisiko ist gering und die Tiere zeigen sich bei der Partnerwahl wenig wählerisch. Doch häufig ist die Realität komplexer. Nicht selten sind Monate oder sogar Jahre intensiver Vorbereitung, Beobachtung und Koordination nötig, bis ein Jungtier geboren wird oder schlüpft.
Ein recht prominentes Beispiel für den hohen Aufwand, der im Zusammenhang mit Zucht betrieben wird, ist die Anlage „Aralandia“ im Grünen Zoo Wuppertal. Hintergrund bei der Planung dieser Anlage ist, dass die Zucht von Hyazintharas in menschlicher Obhut über Jahre hinweg nur schleppend verlief. Die Paare wurden von der Zuchtbuchkoordination des EEPs (= EAZA (Öffnet in einem neuen Tab) Ex-situ-Programm) bestimmt, sodass es genetisch möglichst optimale Voraussetzungen für gesunden Nachwuchs zum Arterhalt bestanden. Im Laufe der Jahre zeigte sich allerdings wenig Erfolg bei diesen vom EEP vermittelten Paaren und es schlüpften zu wenig Küken. Es keimte der Verdacht, dass die Aras doch ganz eigene Kriterien haben, nach denen sie entscheiden, ob sie sich mit einem Partner paaren. In Wuppertal wurde mit der neuen Anlage daher eine „Partnerbörse“ für die Vögel geschaffen: Ein ganzer Schwarm Single-Aras lebt in der großen Voliere und jedes Tier kann sich dort nach einem passenden Partner oder eine passende Partnerin umschauen. Beobachtet das Team des Zoos, dass zwei Aras viel Zeit miteinander verbringen und sich oft in der Nähe des anderen aufhalten, bekommen die beiden hinter den Kulissen eine Voliere nur für sich. Dort können sie Ihre Paarbindung festigen, bevor sie gemeinsam in einen Zoo vermittelt werden, in dem sie dann züchten sollen. Im natürlichen Lebensraum ziehen sich Hyazinthara-Paare aus dem Schwarm zurück, sobald sie eine feste Bindung eingegangen sind. Dieses Verhalten wird im Zoo also nachempfunden.
Auch die Zucht von Wildkatzen jeder Größe kann regelrecht eine Wissenschaft für sich sein: Bei der Zusammenführung der Tiere, nicht nur bei Großkatzen, besteht stets das Risiko, dass sich die Tiere schwer verletzen oder töten, insbesondere, wenn eines oder beide Tiere wenig Erfahrung im Umgang mit den Artgenossen haben. Um dieses Risiko zu minimieren, findet die Zusammenführung meist dann statt, wenn die Katze rollig, also empfängnisbereit, ist. Besonders, wenn noch unbekannt ist, wie gut das Paar harmoniert, ist eine Beobachtung durch die Tierpflegenden unerlässlich und zeitintensiv. Auch im vermeintlich unkomplizierten Fall, wenn beide Geschlechter einer Tierart im gleichen Zoo gehalten und verpaart werden sollen, sind Erfahrung und Fingerspitzengefühl entscheidend.
Eine Rolligkeit ist aber nicht immer leicht zu erkennen und bedarf teilweise eines ganz besonderen Monitorings. So wurde im Grünen Zoo Wuppertal zum Beispiel eine weibliche Asiatische Goldkatze zeitweise nachts per Videoübertragung von Mitarbeitenden des Zoos von zu Hause aus überwacht, um auf keinen Fall den Zeitpunkt zu verpassen, wann sie nach dem Kater ruft. Für die Löwinnen werden Tabellen geführt, um zu überwachen, wie regelmäßig der Zyklus ist und den Zeitpunkt der nächsten Empfängnisbereitschaft möglichst genau vorhersagen zu können.
Befinden sich Männchen und Weibchen nicht im selben Zoo, besteht bei vielen Tierarten die Möglichkeit der künstlichen Besamung. Soll eine solche durchgeführt werden, setzt mit der Meldung der Empfängnisbereitschaft des Weibchens eine eng getaktete Kommunikationskette ein: Eine externe Reproduktionsspezialistin wird informiert und ebenso der Zoo, in dem das Männchen gehalten wird. Für den Bereich der assistierten Reproduktion bei Vögeln und Reptilien entsendet der Grüne Zoo seinerseits Spezialisten, da der Wuppertaler Zoo hier mit seinen Kooperationspartnern aus der Universität Gießen weltweit führend ist.
Jedes der Tiere verbleibt in seinem jeweiligen Zoo, nur der Samen wird transportiert. Dennoch müssen bei Säugetieren oft beide Tiere in Narkose gelegt werden: Zunächst das Männchen, um das Ejakulat zu gewinnen, welches fachgerecht verpackt und schnellstmöglich transportiert wird. Am Zielort wird dann das Weibchen ebenfalls in Narkose gelegt und der Samen wird mittels einer Sonde eingebracht. Bei Katzen wird zusätzlich ein Hormon injiziert, das den Eisprung auslöst – ein Prozess, der im natürlichen Ablauf durch den Deckakt angeregt würde.
Was für die Zucht einer Katzenart bereits aufwändig ist, erreicht bei Afrikanischen Elefanten eine völlig andere Dimension. Im Grünen Zoo lebt derzeit kein Zuchtbulle, gleichzeitig haben wir aber mehrere Elefantenkühe im fortpflanzungsfähigen Alter. Es ist wichtig, dass besonders die jungen Kühe früh gedeckt werden, da mit zunehmendem Alter das Risiko für Erkrankungen der Fortpflanzungsorgane steigt und die Wahrscheinlichkeit einer Trächtigkeit sinkt.
Bei Elefantenkühen funktioniert das mit dem Zyklus ein wenig anders als bei anderen Säugetieren: Etwa drei Wochen vor dem Eisprung kommt es bereits zu einem ersten Höhepunkt im Spiegel des Luteinisierenden Hormons (LH‑Peak), das sie für den Bullen gut riechen lässt, wie es bei allen anderen Säugetierarten erst zum Zeitpunkt des Eisprunges der Fall ist. Da sich das Männchen im natürlichen Lebensraum nicht immer bei der Gruppe aufhält und teilweise weite Strecken zurücklegen muss, um die paarungsbereite Kuh zu finden, ist es recht praktisch, dass er frühzeitig „informiert“ wird.
Für das Zooteam ist dieser frühe Hormonanstieg ebenfalls hilfreich, da sich der Zeitraum des erwartenden Eisprungs eingrenzen lässt. Mit Tests aus der Kleintiermedizin wird der Hormonspiegel im Blut überwacht. Bereits beim ersten LH-Anstieg werden alle Beteiligten informiert, in welchem Zeitraum der zweite Anstieg und somit der Eisprung zu erwarten ist. Der Abstand zwischen erstem und zweitem LH-Peak ist bei jeder Kuh individuell. Es heißt also: Rechtzeitig wieder anfangen zu testen, bevor man ihn verpasst.
Sobald sich der zweite LH-Anstieg zeigt, läuft ein ähnliches Prozedere wie bei den Katzen an, allerdings ist hier das benötigte Equipment natürlich viel größer und immer spezialangefertigt. Einige Elefantenbullen, sind darauf trainiert, Ejakulat freiwillig abzugeben, sodass keine Sedierung nötig ist. Auch die Elefantenkuh bekommt keine Vollnarkose, weil diese aufgrund der körperlichen Voraussetzungen bei Elefanten mit hohen Risiken verbunden ist, sondern eine medikamentöse Beruhigung (Sedierung), während der sie stehen bleibt.
Entsteht aus der künstlichen Besamung oder dem Deckakt eine Trächtigkeit, die schließlich zur Geburt führt, ist schon ein ganzes Stück auf dem Weg zur erfolgreichen Zucht zurückgelegt. Allerdings wird es dann nochmal richtig spannend: Gerade bei Erstgebährenden kann es vorkommen, dass das Muttertier unsicher reagiert und zunächst nicht weiß, wie mit den Jungtieren umzugehen ist. Im Idealfall greifen aber die natürlichen Instinkte und das Jungtier wird richtig versorgt. In sozialen Gruppen, wie bei den Elefanten, ist auch die Hilfestellung durch Mütter, Geschwister, Tanten und andere Gruppenmitglieder nicht zu unterschätzen.
Dies ist übrigens nichts, was nur bei Säugetieren vorkommt. Im Grünen Zoo konnte man in den letzten Jahren bei den Kaptrielen, den Hyazintharas, den Königspinguinen und den Flamingos beobachten, dass Elterntiere erst lernen müssen, wie Jungenaufzucht funktioniert. So schwer es fällt, es ist wichtig, nicht vorschnell einzugreifen, sondern den Tieren Raum und Zeit für dieses Lernprozess zu geben.
Es lässt sich also festhalten, dass Jungtiere im Zoo selten „einfach so“ passieren. Es steckt immer mindestens eine geplante Zucht dahinter, oft sogar ein großer Aufwand und viel Wissen im Bereich der Tierpflege, des Managements und der Tiermedizin.
Text: Laura Platner