Langerfeld war um 1800 ein westfälisches Dorf, das stark von der boomenden Textilwirtschaft im Tal der Wupper geprägt war. Die zunehmende Bevölkerung und der wachsende Wohlstand sorgten dafür, dass auch die Nachfrage nach Fleisch- und Wurstwaren anstieg. Das bot Perspektiven für zuwandernde jüdische Metzger und Viehhändler. Juden im ländlichen Raum waren damals besonders häufig Metzger und Viehhändler, da dieser Beruf traditionell einer der wenigen war, die man ihnen zugestand. In den jüdischen Familien reichte der Vater sein Gewerbe am Ort dann an einen oder zwei seiner älteren Söhne weiter. Den jüngeren Söhnen blieb nichts anderes übrig blieb, als sich mit Hackbeil und Knochensäge im Rucksack auf die Suche nach einem anderen Ort zu machen, wo sie sich eine Existenz aufbauen könnten.
Auf diese Weise wird zunächst der junge Metzger David (geb. 1803) aus Vettweiß bei Düren im Dorf Langerfeld angekommen sein. Ihm folgten Carl Coppel (geb. 1819), Sohn des Jakob, aus Langenfeld, sowie Levi (geb. 1821), auch Sohn eines Jakob, aus dem Moseldorf Niederfell bei Koblenz. Alle drei Genannten ließen sich im frühen 19. Jahrhundert in Langerfeld als Metzger nieder und gründeten hier Familien, die über mehrere Generationen ansässig wurden.
Noch waren Familiennamen unter Juden nicht üblich, vielmehr wies man sich mit dem Vaternamen aus, den man an den eigenen (Vor-)Namen anhängte. Erst zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Westfalen Familiennamen für Juden verpflichtend, worauf sich alle drei Zuwanderer – der Einfachheit halber – für Ortsnamen entschieden. Sie nannten sich David Barmen, Levi Auerbach und Carl Coppel Frankenberg. David hatte sich nach der benachbarten Großstadt Barmen benannt und variierte seinen Namen bald noch zur Form „Barmé“. Levi und Carl führten Ortsnamen fort, die sich mit der Biografie ihrer Familie verbanden.
Die drei Metzger und ihre Familien besuchten die Synagoge im benachbarten Schwelm, wo sich schon deutlich früher mehrere jüdische Metzgersfamilien angesiedelt hatten. Als einziger war Levi Auerbach zur Jahrhundertmitte noch ledig und arbeitete als Metzgersgeselle. Er eröffnete 1866 schließlich seine eigene Metzgerei, heiratete und reichte das Geschäft zuletzt an seinen Sohn Simon (geb. 1869) weiter. Ähnlich gab David Barmé sein Geschäft an Sohn David junior (geb. 1847), und Carl Coppel Frankenberg an Sohn Albert (geb. um 1866).
Die drei Metzger der ersten Generation sind auf dem jüdischen Friedhof in Schwelm begraben. Auch die Gräber ihrer Ehefrauen Gudula Barmé, Sara Auerbach und Juliana bzw. Helene Frankenberg (I. und II. Ehe) sind hier erhalten.
In der nächsten Generation waren besonders die Familien Barmé und Auerbach geschäftlich erfolgreich und bauten sich eigene Häuser in Langerfeld: Barmés an der Schwelmer Straße 12, Auerbachs an der Kurzen Straße 2 und 4. Die Häuser sind bis heute erhalten. Barmés gaben das Metzgersgeschäft auf und machten das eigene Haus zu einem „Kaufhaus“, anfangs für Gebrauchtkleidung, später für Herren- und Knabenmode. Auerbachs betrieben weiterhin eine Metzgerei im eigenen Haus Kurze Straße 2. Familie Frankenberg waren Metzger, zuletzt in Wilhelm-Hedtman-Straße 2.
Ab 1933 stürzte der Nationalsozialismus die jüdischen Familien in Unheil und Not. Sie wurden entrechtet und verfolgt, zuletzt drohten ihnen Deportation und Tod. In Familie Auerbach gelang es sämtlichen Geschwistern der dritten Generation – Ludwig, Clara, Julius und Rosa – zwischen 1933 und 1939, sich noch rechtzeitig ins Ausland zu retten. Sie flohen mit ihren jungen Familien nach Frankreich, USA, Chile und Russland. Alle überlebten den Holocaust, wenn auch als Emigranten unter großer Not und Entbehrung.
Sogar Metzger Simon Auerbach gelang mit 72 Jahren noch die Flucht aus Langerfeld nach New York, nur wenige Wochen bevor Deutschland die Grenzen für Juden endgültig schloss und bald darauf auch die Deportationen in die Todeslager begann.
In Familie Barmé wurde der jüngste Sohn Salomon (Saly) Barmé in einem Gefängnis gefoltert und konnte noch mit seiner Familie nach Australien entkommen. Seinem Neffen Berthold Barmé gelang die Flucht nach Palästina. Dagegen kam der älteste Sohn, Bernhard Barmé (geb. 1874) nicht mehr rechtzeitig aus Deutschland heraus. Er wurde, ebenso wie aus Familie Frankenberg die Brüder Karl und Otto (geb. 1899 bzw. 1901), deportiert und in Todeslagern ermordet.
Erst seit 2019 gibt es wieder Kontakt zu den Nachfahren der Familien Auerbach und Barmé. Sie leben in den USA, England, Australien und Thailand. Der Sohn von Julius Auerbach, des letzten Langerfelder Metzgers seiner Familie, stiftete jüngst das originale Metzgerswerkszeug seines Vaters der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Elberfeld – als Beitrag, um das Gedenken an die Jüdischen Langerfelder aufrechtzuerhalten.
Nachfahren aus der Familie Frankenberg sind nicht bekannt.
Autor:
Marc Albano-Müller
Schwelm, Juni 2025