Zur Person:
Helge Lindh ist seit 2017 Abgeordneter im Deutschen Bundestag. In der Arbeitsgruppe Kultur und Medien ist er aktuell stellvertretendes Mitglied.
Welche Bedeutung hat das zukünftige Pina Bausch Zentrum aus Ihrer Sicht für Wuppertal und darüber hinaus?
Mit dem Pina Bausch Zentrum wird Wuppertal Heimat eines global einmaligen Referenzzentrums für zeitgenössischen Tanz und zeitgenössische Kunst insgesamt, gewidmet dem Weltstar Pina Bausch. Das Pina Bausch Zentrum macht Wuppertal zum Kunst- und Kulturstandort, auf den die Welt noch viel mehr als bisher blickt. Es wird die erste Tanzinstitution diese Art sein, die zugleich über die Zukunft der Gesellschaft nachdenkt und nachfühlt.
Warum ist es wichtig, das Pina Bausch Zentrum jetzt zu realisieren?
Mit viel Arbeit haben wir dafür gerungen, dass die hart erkämpften Fördermittel des Bundes und damit auch die des Landes nicht verfallen. Ich weiß, wovon ich rede. Nun müssen und werden wir die Chance, die nicht wiederkehrt, ergreifen, der Stadtentwicklung, der Bewahrung des Schauspielhauses verbunden mit einem Neubau von Weltklasse und dem Klima der Stadt einen gewaltigen Dienst zu erweisen.
Welchen Mehrwert wird das Zentrum für die Bürgerinnen und Bürger sowie für die internationale Kulturlandschaft schaffen?
Das Pina Bausch Zentrum erschafft mit seinen vier Dimensionen – Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, Internationales Produktionszentrum, Archiv der Pina Bausch Foundation, Forum Wupperbogen – einen Raum, in dem das Erbe Pina Bauschs gewürdigt und mit Aufführungen ihrer Werke gefeiert wird, in dem neue Kunst entsteht und erscheint und in dem innovative Wege der Partizipation der Stadtgesellschaft und der kulturellen Bürgerbeteiligung gegangen werden. Das ist für Wuppertalerinnen und Wuppertaler wie für die transnationale Kulturlandschaft gleichermaßen kostbar.
Was verbindet Sie persönlich mit Pina Bausch oder ihrem künstlerischen Erbe?
Pina Bausch schafft es, mich persönlich anzusprechen, und lässt mich durch besondere Augenblicke, Konstellationen, Wiederholungen und Variationen ihres Tanztheaters das eigene Leben erkennen und darüber staunen. Wir alle kennen mehr oder weniger intensiv die Sehnsucht des Menschen nach Liebe, Anerkennung und Resonanz in anderen, einschließlich des damit verbundenen Leidens wie auch der Euphorie. In diesem Bewusstsein eröffnet sich mir die Wucht Pina Bauschs, welche wie niemand sonst soziale Beziehungen, die feinen Unterschiede von Selbstbild und Fremdbild, das Spiel der Geschlechter und die Komplexität der Liebe mit fundamentaler, elementar erschütternder und ergreifender Klarheit ausgelotet hat. Diese persönliche Wahrhaftigkeit kann nur ganz große Kunst.
Welche Chancen eröffnet das Pina Bausch Zentrum für kommende Generationen von Künstlerinnen, Künstlern und Besucherinnen und Besuchern?
Choreografinnen und Choreografen, Tänzerinnen und Tänzer können am Werk von Pina Bausch wachsen und an sich arbeiten, sich inspirieren lassen und darüber hinaus künstlerisch den Tanz der Gegenwart und Zukunft ausprobieren. Die örtliche freie Szene hat einen neuen Raum, sich einzubringen und in den Austausch zu gegen. Die Besucherin und der Besucher finden einen Ort, an dem sie gerne sind, an dem sie Kunst nicht nur erleben, sondern wirklich erfahren und zu dem sie eine Beziehung aufbauen, weil sie selbst gefragt und gefordert sind, jenseits von Konsum.
Welches Signal sendet das Projekt für den Kulturstandort Deutschland?
Umtost von bis ins Mark gehenden nationalen und internationalen Krisen, Kürzungen, wirtschaftlichem Druck und sozialer Not sendet das Projekt ein überaus deutliches Signal des Mutes. Das Zentrum sagt als Bekenntnis unbedingt Ja zur Bedeutung von Kunst und Kultur und ihrer Freiheit. Während immer mehr Kulturorte und Kulturschaffende unter ideologischen Druck und politische Bedrängnis von Kulturkämpfen geraten, gibt das Zentrum ein Zeichen von Hoffnung und Mut.
Warum lohnt sich die gemeinsame Investition von Bund, Land und Stadt in dieses Projekt?
Weil diese Investition das Geschenk eines Auftrags ist, dem Bund, Land und Stadt nachkommen dürfen. Das weltweit legendäre, herausragende Schaffen von Pina Bausch, ihrer Kompagnie und Wegbegleitern ist ein Auftrag, ihm einen Ort und die Chance zur Inspiration der Nachgeborenen zu schenken. Das ist auch eine Form von Verpflichtung gegenüber einer Kunst, die die Ausdrucksform Tanz auf eine ganz neue Ebene der Dringlichkeit gehoben hat. Neben dem wirtschaftlichen und touristischen Argument im Sinne von ökonomischer Investition lehrt uns das Pina Bausch Zentrum, den Begriff „Investition“ viel weiter zu denken und zu erkennen, wie finanzielle Investitionen in Kultur und Bildung Investitionen in fantastische menschliche Kreativität und den Wert unserer Zivilisation sind.
Woran werden wir in zehn Jahren erkennen, dass das Pina Bausch Zentrum ein Erfolg geworden ist?
Auf den ersten Blick sind es Kennzahlen wie Besucherfrequenz, Dichte der Uraufführungen, Anzahl von Produktionen und Veranstaltungen sowie Intensität der Nutzung insgesamt. Auf den zweiten Blick spätestens wird das Pina Bausch Zentrum ein internationales Markenzeichen sein, das den Menschen ein Begriff ist, das sie kennenlernen wollen und das auch von der Wuppertaler Bevölkerung durch Anwesenheit umarmt und geliebt wird.
Mit welchem Begriff oder in einem Satz würden Sie das zukünftige Pina Bausch Zentrum beschreiben?
Das Pina Bausch Zentrum wird der erste Vierte Ort sein, der im Vergleich zu den spannenden Dritten Orten der Begegnung wie modernen Bibliotheken noch zusätzlich künstlerisch über sich als Dritten Ort nachdenkt und simultan gemeinschaftliche Wärme ausstrahlt. Eine Symbiose von Geist und Herz am Puls der Zeit.
Welche Botschaft möchten Sie den Menschen mitgeben, die das Projekt mit Interesse verfolgen?
Wagt es, mutig zu sein. „Ich habe gelernt, dass Mut nicht die Abwesenheit von Furcht ist, sondern der Triumph darüber. Der mutige Mann ist keiner, der keine Angst hat, sondern der, der die Furcht besiegt.“ (Nelson Mandela)
Warum sind Sie überzeugt, dass das Pina Bausch Zentrum eine Investition in die Zukunft ist – für Wuppertal, Nordrhein-Westfalen und Deutschland?
Das Pina Bausch Zentrum ist eine Investition in die humanitas, in die menschliche Sache. Was kann es Größeres geben, als Menschlichkeit zu fördern und befördern. Wir sind allzu geübt darin, andere auszuschließen, unser Glück im Unglück anderer zu suchen, Parolen aufzusagen, moralischen Absolutismus zu behaupten. Das Pina Bausch Zentrum wird als Bau, Konzept und Praxis menschliches Maß haben. Vielfalt, Weltoffenheit und Ambiguitätstoleranz werden dort keine Attitüde sein, sondern Ausdruck, in Bewusstsein zu leben und sich vor der menschlichen Vorstellungs- und Schaffenskraft zu verneigen.