Zur Person:
Dr. Hagen Lippe-Weißenfeld tritt am 1. September 2026 sein Amt als Kulturdezernent der Stadt Wuppertal an.
Welche Bedeutung hat das zukünftige Pina Bausch Zentrum aus Ihrer Sicht für Wuppertal und darüber hinaus?
Das PBZ gehört zur DNA Wuppertals genau wie die Schwebebahn. Es ist ganz sicher eine der international strahlkräftigsten Kulturmarken unserer Stadt. Und seine vielfältigen Rückwirkungen auf die Stadt im Sinne der Tourismusentwicklung, der Anziehungskraft für Besucherinnen und Besucher und der daraus resultierenden Umwegrentabilität als messbaren, harten Wirtschaftsfaktoren, aber auch der Förderung unserer kulturellen Identität kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Es ist also ein extrem wichtiger Motor für die Gesamtentwicklung der Stadt Wuppertal.
Warum ist es wichtig, das Pina Bausch Zentrum jetzt zu realisieren?
Jedes Großvorhaben hat ein Momentum. Einen Zeitpunkt, der, wenn man ihn verantwortungsvoll nutzt, eine historische Weichenstellung für die Zukunft und eine Generationenchance darstellt. Darin liegt die Wichtigkeit des aktuellen Zeitpunkts, und deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Stadtrat am 28. September ein souveränes, starkes Bekenntnis zur kulturellen Identität unserer Stadt abgibt. Bei aller Zurückhaltung: Jetzt ist nicht die Zeit für „Bergisch Pepita“, jetzt ist die Zeit für „Bergisch Weltklasse“!
Welchen Mehrwert wird das Zentrum für die Bürgerinnen und Bürger sowie für die internationale Kulturlandschaft schaffen?
Der Reiz liegt zum einen darin, dass hier im Tal rund 160 Nationen friedlich zusammenleben. Zum anderen, dass unsere Stadt – im Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Größe, gemessen an der Einwohnerzahl – dadurch noch leuchtender auf der internationalen Kunst- und Kulturlandkarte erstrahlen wird. Wuppertal ist ein top Kulturstandort, an der Stelle bitte keine falsche Bescheidenheit! Die selbstverständliche Internationalität und künstlerische Exzellenz macht Wuppertal für Menschen aus aller Welt schon jetzt hoch attraktiv. Das ist ein Pfund, mit dem wir bitte viel mehr wuchern müssen! Viele Wuppertalerinnen und Wuppertaler wissen diesen Mehrwert zu schätzen. Tue Gutes, aber rede bitte auch mal ein bisschen mehr darüber, heißt an dieser Stelle das Motto. Das PBZ bietet die Chance, im Kontext mit allen anderen Kulturinstitutionen und der freien Szene, einen besonderen Ort künstlerischer Verständigung zu schaffen, der zu einer spürbaren, dauerhaften Bereicherung und Weiterentwicklung unserer Stadtgesellschaft führen wird, davon bin ich überzeugt.
Was verbindet Sie persönlich mit Pina Bausch oder ihrem künstlerischen Erbe?
Pinas Stücke handeln von persönlichen und gleichzeitig universellen Themen wie Angst, Tod, Liebe und Sehnsucht. Ihre Kunst wird damit zum Spiegel der Gesellschaft: Emphatisch und zutiefst menschlich. Das zieht mich unglaublich in ihren Bann. Ich finde, Pina führt uns mit ihrer Kunst an die Wurzel des Menschseins. Ganz unprätentiös und bodenständig. Und genau darin liegt ihre Magie und künstlerische Gestaltungskraft, die deshalb unmittelbar in und auf uns Menschen wirkt. Gerade in den jetzigen Zeiten ist Pinas Kunst aktueller und für uns notwendiger denn je. Wir brauchen geschützte Orte, wo wir unverstellt wir selbst sein können und wo wir uns ohne jeden Druck entfalten, verständigen und selbstvergewissern können.
Welche Chancen eröffnet das Pina Bausch Zentrum für kommende Generationen von Künstlerinnen, Künstlern und Besucherinnen und Besuchern?
Pina Bausch ist für junge Nachwuchstalente eine permanente Quelle für neue Impulse: Inspiriert durch ihre ästhetischen Werte wie Kraft, Klarheit und Bildlichkeit. Aber auch ihre Herangehensweise an Körperlichkeit und Inszenierung. Das Archiv ist durch die Choreografien und das Probenmaterial jederzeit lebendig. Das PBZ wird durch Artist-in-Residence- und Mentoring-Programme hoch attraktiv für die weltweite Tanztheater-Community. Hier werden interdisziplinäre Kooperationen mit Verknüpfungen von Tanz, Theater, Performance, Film, Musik, Design und Wissenschaft möglich. Für wichtig halte ich, Re-Interpretationen und Neuinterpretationen aktiv zu fördern und zuzulassen, um vorhandenes Material neu zu interpretieren und mit zeitgenössischen Perspektiven zu kontextualisieren. Für Besucherinnen und Besucher schafft das PBZ die Chance, Pinas Erbe barrierearm durch offene Proben, Open-Stage-Formate, Führungen, Ausstellungen, Filminstallationen, Performances, Künstlertalks, Outreach-Programme in Schulen und Vieles mehr verständlich und nachvollziehbar erleben zu können. Durch digitale Angebote schaffen wir zusätzlich unbeschränkte Zugänglichkeit.
Welches Signal sendet das Projekt für den Kulturstandort Deutschland?
Dass Wuppertal sich seiner Verantwortung für sein kulturelles Erbe bewusst ist und seinen eigenen Gestaltungsanspruch mit großer Selbstverständlichkeit wahrnimmt. Bei allem Understatement dürfen wir mit Stolz und einem charmanten Selbstbewusstsein unsere Weltklassekunst zum Kulturstandort Deutschland beitragen, das ist doch großartig!
Warum lohnt sich die gemeinsame Investition von Bund, Land und Stadt in dieses Projekt?
Weil das PBZ in dieser spezifischen Konstellation weltweit einmalig ist.
Woran werden wir in zehn Jahren erkennen, dass das Pina Bausch Zentrum ein Erfolg geworden ist?
An gestiegenen Touristenzahlen und Besucherzahlen, einer messbar gestiegenen Umwegrentabilität, die insbesondere für Handel, Gastgewerbe und Hotellerie von großer Bedeutung ist, einem Imagezuwachs für Wuppertal als Kunst- und Kulturstadt und einer generellen Steigerung des nationalen und internationalen Bekanntheitsgrades unserer Stadt. Alles Werte, die Sie statistisch erfassen und messen können. Weiche Faktoren wie Kunst und Kultur werden damit zu harten Standortfaktoren. Und genau deshalb sind wir alle gut beraten, niemals die „freiwillige Leistung Kultur“ als Stadtgesellschaft - insbesondere haushalterisch - in Frage zu stellen!
Mit welchem Begriff oder in einem Satz würden Sie das zukünftige Pina Bausch Zentrum beschreiben?
Ein künstlerisches Kraftzentrum, das Wuppertal für Jahrzehnte prägen und voranbringen wird.
Welche Botschaft möchten Sie den Menschen mitgeben, die das Projekt mit Interesse verfolgen?
Bestärkt die Politik, den bisherigen Weg mutig und visionär weiter zu gehen! Besucht die Veranstaltungen „PBZ under construction“, um Euch vom Pina-Fieber anstecken zu lassen. Bringt Euch ein und erzählt vom PBZ, wo immer Ihr Euch auf dem Globus aufhaltet! Übertragt Eure Begeisterung auf andere! Wir brauchen jetzt ganz viele Markenbotschafter und eine Welle der Begeisterung, die uns gemeinsam bis zur Eröffnung trägt!
Abschlussfrage: Warum sind Sie überzeugt, dass das Pina Bausch Zentrum eine Investition in die Zukunft ist – für Wuppertal, Nordrhein-Westfalen und Deutschland?
Weil es im PBZ nicht nur um reinen Tanz geht, sondern, um es mit Pinas eigenen Worten auszudrücken, darum, „was die Menschen bewegt“, wir also als Individuen im Mittelpunkt stehen. Jede und jeder so, wie wir sind. Damit ist das PBZ ein Projekt von universeller Bedeutung für Solidarität, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. All das brauchen wir heute mehr denn je. Deshalb meine Bitte: Wenn wir uns als Stadtgesellschaft ein großes Gemeinschaftsprojekt wünschen, was aus vielen kleinen „Ichs“ ganz selbstverständlich ein großes „Wir“ macht, dann haben wir mit dem PBZ jetzt die einmalige Chance dazu. Lasst uns dieses Momentum bitte nutzen!