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WuppertalPressemeldung – 24.07.2026

Olaf Reitz zum Pina Bausch Zentrum: „Chance, die Kulturinstitution von morgen zu erfinden“

Aus dem ehemaligen Schauspielhaus soll ein internationales Zentrum für Tanz werden. Die Planungen für den Um- und Ausbau des denkmalgeschützten Gebäudes gehen nun in eine neue Phase. Aus diesem Anlass befragte die städtische Projektleiterin Anke Vaupel Beteiligte und Kulturschaffende in der Stadt, diesmal Olaf Reitz.

Zur Person:

Olaf Reitz ist als Sprecher, Schauspieler und Theatermacher in der freien Kulturszene Wuppertals verankert.  

Welche Bedeutung hat das zukünftige Pina Bausch Zentrum aus Ihrer Sicht für Wuppertal und darüber hinaus? 

Mit dem alten Schauspielhaus verbinde ich viel. Als Jugendlicher habe ich da schon auf der Bühne gestanden und erleben können, wie unmittelbar dieses Haus funktioniert, welchen Spaß es macht, dort Kunst zu entwickeln. Und ich weiß, dass es nicht nur mir so geht. Das ist ein Teil der Antwort: Es ist ein Trauerspiel, so eine wertvolle Ressource mit so einer wunderbaren Architektur brach liegen zu lassen. Andererseits erleben wir ja gerade, dass die Veranstaltungen im Foyer und um das alte Schauspielhaus herum einer großen Vielheit von Formaten einen Ort gibt. Das sind nicht nur künstlerische, sondern auch politische und damit gesellschaftsrelevante Themen. Das ist in Ansätzen die Vorwegnahme dessen, was hier auch in Zukunft passieren könnte, zusätzlich zu Tanztheater und Archiv. Diese Kombination passt gut zu Wuppertal. Und daraus kann sich eine Bedeutung herstellen, wenn die Struktur des Zentrums klug gebaut wird und an die Innovationsgeschichte Wuppertals anschließt, um so auch wieder etwas an Strahlkraft zurückzugewinnen.

Warum ist es wichtig, das Pina Bausch Zentrum jetzt zu realisieren? 

[O.R. lacht] Gegenfrage: Wann denn sonst? Aber im Ernst: Ich glaube nicht, dass Helge Lindh unseren Kulturstaatsminister davon überzeugen können wird, ein Viertel der Baukosten auf ein Extrakonto zu legen, das wir dann irgendwann einmal abrufen können oder auch nicht. In 30 Jahren können wir vielleicht auch ein Zentrum bauen, bis dahin wäre das alte Schauspielhaus wahrscheinlich abrissreif, das würden alle sehr bedauern und die Idee dann verwerfen. Und wenn es in 50 Jahren dann doch geschehen würde, trüge es nicht mehr diesen Namen. 

Welchen Mehrwert wird das Zentrum für die Bürgerinnen und Bürger sowie für die internationale Kulturlandschaft schaffen? 

[O.R. lacht schon wieder] Die Frage nach einem Mehrwert wird in jedem Antrag gestellt und irritiert mich jedes Mal. Ich hoffe zunächst mal auf einen Wert an sich. Für die Stadt ein Haus, das eine offene Einladung an ihre Bürger*innen lebt, was eine grundsätzlich gastfreundliche Atmosphäre setzt, eine Einladung auch für die lokale, regionale, bundesweite und internationale Kunstszene. In diesem Sinne wäre der ‚Mehrwert‘ für die Wuppertaler*innen: Gute Laune & Optimismus. Das ist für das Gestalten von Übermorgen nicht zu unterschätzen.

Was verbindet Sie persönlich mit Pina Bausch oder ihrem künstlerischen Erbe? 

Mit Pina Bausch zunächst mal nichts, wir haben uns einmal in die Augen geguckt, das war’s aber auch. Ich schätze sie und ihre Kunst sehr. ‚Künstlerisches Erbe‘ ist ein echt dickes Paket. Einerseits ist es toll, so viel Material und Möglichkeiten zu haben, andererseits ist es auch extrem vermintes Gebiet. Es gibt so viele Begehrlichkeiten, so viel Gerangel um Deutungshoheit. Wie bei einer Familienaufstellung, wo das Erbe nicht klar geregelt ist. Positiv gesehen spricht alles dafür, dass es hier eine große Familie gibt…

Und welche Aufführung hat Sie in in letzter Zeit bewegt?

Die mit der Urfamilie. Die überzeugendste Aufführung der letzten Jahre war für mich Echoes 78, da habe ich eine Weiterentwicklung erlebt, da sind weitere Dimensionen hinzugekommen, das hat mich sehr berührt. 

Welche Chancen eröffnet das Pina Bausch Zentrum für kommende Generationen von Künstlerinnen, Künstlern und Besucherinnen und Besuchern? 

Das werden wir sehen. Erstmal gibt es für die aktuelle Generation die Chance, die Kulturinstitution von morgen zu erfinden. Ein Zentrum, das es so noch nicht gibt, wo keine Blaupausen in Schubladen liegen. Und ich denke, da sind wir auf einem guten Weg. Das Tanztheater, das Archiv und in gewisser Weise auch das Produktionszentrum sind aktiv und gut aufgestellt. Das Forum Wupperbogen hat vor anderthalb Jahren strukturell zu arbeiten begonnen und ist mittlerweile bei der Ausarbeitung. Der nächste Schritt ist dann die Zusammenführung der vier Säulen und hoffentlich spannende Diskussionen über die Art und Weise der Kollaboration. Für die nächste Generation wird das ein wichtiges Lern- und Erfahrungsfeld sein können, das aber nur wird funktionieren können, wenn es auch ergriffen wird. Ein Pina Bausch Zentrum wird nur überdauern, wenn es aktiv mit- und umgestaltet wird.

Welches Signal sendet das Projekt für den Kulturstandort Deutschland? 

Wahrscheinlich ein verwirrendes. Der Kulturstandort Deutschland ist momentan ja eher ein Scherbenhaufen, Kulturförderung ein ‚Verdachtsfall’. Da gleicht es eher einer paradoxen Intervention, ein Pina Bausch Zentrum in Wuppertal zu bauen. Aber hej!, Lasst uns diese Aufmerksamkeit nutzen und die Republik einladen, daran teilzuhaben. Hier können wir zeigen, dass Kunst & Kultur nicht das Sahnehäubchen, sondern die Hefe ist.

Warum lohnt sich die gemeinsame Investition von Bund, Land und Stadt in dieses Projekt? 

Ich möchte die Frage anders beantworten: Wir könnten uns für dasselbe Geld sechs Leopard 2 Panzer hinstellen. Würde sich das lohnen? Na klar, es gibt so viele Defizite, jeder und jedem fällt mit Sicherheit  ‘ne ganze Menge ein, wozu das Geld sonst noch ausgegeben werden könnte, aber diese Mangel-Diskussion hat andere Gründe, und es scheitert bei den anderen Projekten nicht an genau den Euros, die für ein Pina Bausch Zentrum ausgegeben werden. Die Frage ist doch, wie wollen wir leben? In was für einer Gesellschaft? Was bewegt uns? Wo können wir uns als Menschen begegnen, jenseits von Funktionen und Aufgaben. Da könnten wir jetzt noch viel länger drüber sprechen…

Woran werden wir in zehn Jahren erkennen, dass das Pina Bausch Zentrum ein Erfolg geworden ist? 

Ich habe zwei Indikatoren. Wenn in zehn Jahren alle heute existierenden Orte der freien Szene Wuppertals immer noch gut besucht sind, weil das Pina Bausch Zentrum eine großartige Erweiterung des Angebots darstellt und auch Publikum zu anderen Orten führt. Dann wird es in dieser Hinsicht gelungen sein. Zweitens, wenn das Pina Bausch Zentrum ein Alltagsort geworden ist, der von den Nutzenden gestaltet und geleitet wird; will sagen, dass es nicht die veralteten Intendanzmodelle wiederholen darf, sondern neue Formen der Leitung ausprobiert. Da werden zwangsläufig Fehler passieren, die für die Entwicklung extrem wichtig sein werden. Doch glaube ich nicht, dass wir das in zehn Jahren schon wissen. Vielleicht haben wir in 15 bis 20 Jahren einen Moment, wo wir sehen, dass diese Kulturinsel ein Ort geworden ist, der wie die Schwebebahn zu Wuppertal gehört. Das Ding braucht Zeit und Mut und Rückendeckung, um sich entwickeln zu können.

Mit welchem Begriff oder in einem Satz würden Sie das zukünftige Pina Bausch Zentrum beschreiben?

„Folge ich einem Plan oder lasse ich mich auf etwas ein, von dem ich nicht weiß, wohin es mich führt?“ Das ist ein Zitat von Pina Bausch aus ihrer Kyoto-Rede. Der beschreibt ziemlich gut die Herausforderung von so einem Zentrum.

Welche Botschaft möchten Sie den Menschen mitgeben, die das Projekt mit Interesse verfolgen? 

Kommt zum Plenum des Forum Wupperbogens. Mischt Euch ein. Das mutige Konzept von Stefan Hilterhaus ist eine Einladung. Besucht die Veranstaltungen, macht es zu Eurem Haus.

Warum sind Sie überzeugt, dass das Pina Bausch Zentrum eine Investition in die Zukunft ist – für Wuppertal, Nordrhein-Westfalen und Deutschland?

Da kann ich mich einerseits nur wiederholen und sagen: siehe oben. Andererseits ist die Entwicklung dieses Hauses eine gesellschaftspolitische Aufgabe an uns alle, die das Herz unserer Demokratie bewegt: Wenn wir die Kulturinstitution von Morgen bauen ist es unabdingbar, dass wir alle (!) damit erreichen. Und diese ‚alle‘ sind nicht als Konsumenten, sondern als Protagonisten gemeint. Wir haben hier die Möglichkeit, ein Beispiel zu geben, wie die Zukunft dieses Landes gestaltet wird. Klingt groß, ist auch genauso gemeint.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Paula Müller
  • Bettina Milz

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