Inhalt anspringen

Wuppertal / Kultur & Bildung

Schulklasse in Barmen 1903

Schulklasse in Barmen 1903

76 Schüler in einer Klasse? Das ist sicher unteroptimal, wobei man diesem Foto nicht so ganz eindeutig entnehmen kann, ob hier verschiedene Altersgruppen und damit verschiedene Schulklassen zusammen aufgenommen worden sind oder ob es auch im Jahre 1903 schon Parallelklassen gab. Der allerdings wohl einzige Lehrer vorne in der Mitte fällt unter den zahlreichen Schülern kaum auf und wirkt für damalige Verhältnisse erstaunlich lässig.

 

Interessant ist auch die geschlechtstypische Haltung der Schülerinnen und Schüler in der obersten Reihe. Die Mädchen links oben wirken brav und bescheiden, die Jungs etwas provozierend mit vor der Brust verschränkten Armen. Überhaupt bilden Jungen und Mädchen jeweils einen Block, wobei der Lehrer und die Mädchen in der dunkleren Kleidung in der Mitte über ihm sich wie eine Linie durch die beiden Blöcke ziehen und diese zu teilen scheinen. Leider ist diesem Bild nicht zu entnehmen, zu welcher Barmer Schule diese Schulklasse gehört.

 

Es ist ein harmonisches Bild, obwohl es die Schülerinnen und Schüler schon damals nicht leicht hatten. Zum einen muss man sich vorstellen, dass erst im Jahre 1903, genau gesagt, am 30.3.1903 mit Wirkung zum 1.1.1904 ein Kinderschutzgesetz verabschiedet wurde. Das war das erste Reichsgesetz zur Regelung der Kinderarbeit, die im frühen industriellen Zeitalter, besonders im 19. Jahrhundert, ausgeufert war. Dieses Gesetz untersagte nun im Deutschen Reich die Beschäftigung von Kindern unter zwölf Jahren in gewerblichen Betrieben, nur in Familienunternehmen durften auch 10jährige weiter beschäftigt werden. Vielleicht wirkt diese Schulklasse so gelassen, weil sie wissen, dass sie bald nicht mehr nach der Schule auch noch in der Fabrik schuften müssen.

 

Die nächste Schikane, mit denen die Kinder konfrontiert wurden, war die Einführung der neuen deutschen Rechtschreibung zum 1.1.1903, die für alle preußischen Schulen und Gemeinden für den Beginn des Schuljahres 1903/04 angeordnet wurde. Zudem mussten sie Schönschrift üben, statt die Wörter einfach über eine Tastatur in ein Notebook einhämmern zu können. Auch in den 1960er Jahren und vermutlich noch bis in die 1970er Jahre wurde die Schönschrift auf kleinen Schiefertafeln mit Griffel, die alle Schülerinnen und Schüler hatten, geschrieben (die fortgeschrittenen Semester werden sich erinnern).

 

Und dann erst die Schulregeln, die um 1900 herum galten: Die Kinder hatten pünktlich, sauber und in anständiger Kleidung zum Unterricht zu erscheinen, beim Eintreten des Lehrers aufzustehen und diesen im Chor zu begrüßen (auch das war zumindest in den 1970er Jahren immer noch so). Die Schüler mussten gerade auf ihren Bänken sitzen und dem Lehrer fest ins Auge schauen. Lachen, Schwätzen, unaufgefordertes Aufstehen, Essen usw. waren natürlich während des Unterrichts streng untersagt. Kurz gesagt: alle hatten sich stets sittsam, ruhig und diszipliniert, anständig, höflich und folgsam zu verhalten, die Kinder sollten erzogen werden zu allem, „was Gott und den Menschen gefällt“. Null Bock auf Schule gab es damals unter den Schülerinnen und Schülern aber auch schon, wie man Erzählungen älterer Mitmenschen entnehmen kann…

 

Als Erziehungsmittel war die Züchtigung durch den Lehrer absolut üblich (ich erinnere mich allerdings an derartige Exzesse in den Schulen auch Anfang der 1970er Jahre noch). Aus heutiger Sicht ist diese Strenge in der Schule kaum noch vorstellbar, obwohl der eine oder andere Punkt der Schulregeln vielleicht auch heutzutage gar nicht so schlecht wäre…

Diese Website nutzt Cookies, um Ihnen die optimale Nutzung und die Sicherheit unseres Angebotes zu gewährleisten. Weitere Informationen finden Sie im Datenschutzhinweis.

Datenschutzerklärung DSGVO
Seite teilen