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Wuppertal / Kultur & Bildung

Otto von Bismarck und das Schwebebahngerüst

Otto von Bismarck und das Schwebebahngerüst

Hier scheint eine Großveranstaltung vorbereitet zu werden, eine große Bühne auf Stelzen, direkt über der Wupper, vielleicht ein Konzert oder eine Theatervorstellung unter freiem Himmel. Vielleicht wird auch eine Aussichtsplattform für Touristen gebaut, um besser über die Stadt oder auf das Denkmal gucken zu können. Den Herrn auf seinem Denkmalsockel scheint das nicht weiter zu interessieren, er schaut entschlossen und souverän in die Ferne mit wichtigeren Zielen im Blick als ein schäbiges Gerüst und Fabrikgebäude, die dahinter liegen.

 

Natürlich haben Sie längst erkannt, was hier zu sehen ist. Der 3,50 m große Herr aus Bronze mit seiner Pickelhaube auf dem Kopf ist natürlich Otto von Bismarck (1815-1898). Diese Figur wurde im November 1897 in Berlin in der Gießerei Schaeffer & Walcker gegossen, den Granitsockel, der auf jeder Seite eine Bronzetafel (mit Namen, Wappen und Zitaten von Bismarck) trägt, lieferte die Firma Kessel & Röhl, ebenfalls aus Berlin. Das gesamte Denkmal erreichte immerhin die stolze Höhe von 6,80 m und ein größeres Bismarck-Denkmal gab es bis dahin nicht.

 

Wieso stand es da an der Elberfelder Schlossbleiche überhaupt? Im Februar 1867 hatte Bismarck im Wahlkreis Barmen-Elberfeld als Vertreter der Konservativen für den Norddeutschen Reichstag kandidiert. Der Erfolg war nicht wirklich durchschlagend, erst im zweiten Wahlgang erhielt er die notwendige Stimmenmehrheit. Frustriert entschied er sich daraufhin für seinen angestammten Wahlkreis Jerichow im Kreis Magdeburg. Dennoch wurde die bei Bismarcks Geburtstagsfeier am 1. April 1894 aufkommende Idee, den ersten Reichskanzler und Wiederhersteller des Deutschen Reiches mit einem Denkmal zu ehren, im Tal begeistert aufgenommen. Anfang 1895 waren 60000 Mark zusammengekommen und zum 80. Geburtstag Bismarcks am 1. April 1895 konnte selbigem mitgeteilt werden, dass er sich in Elberfeld bald in Bronze wiederfinden würde und das war kein Aprilscherz. Zum Ehrenbürger von Elberfeld hatte die Stadtverordnetenversammlung ihn schon am 11.3.1895 ernannt. Am 19.4.1895 stand auch der Standort „Schlossbleiche" vor der städtischen Sparkasse für das Denkmal fest.

 

Der Entwurf des Berliner Bildhauers Prof. Ludwig Brunow (1843-1913) ging als Sieger aus einem Wettbewerb unter acht Künstlern hervor. Brunow gelang eine wahrhaft staatsmännische Darstellung des großen Fürsten mit der Reichsgründungsurkunde in der Hand. Am 31.3.1898, also einen Tag vor dem 83. Geburtstag Bismarcks, vormittags um 11 Uhr, konnte das Denkmal eingeweiht werden. Für 3000 Spender des Denkmals wurden dazu Plätze reserviert. Bismarck bedankte sich per Telegramm, obwohl ihm diese Ehrung zu Lebzeiten eher peinlich war. Den Zweiten Weltkrieg hat das Denkmal aber nicht überstanden und heute geht man am Denkmalstandort shoppen, nämlich im City Center, das hier seit den 1980er Jahren steht.

 

Aber welchen Sinn hat dieses merkwürdige Gerüst auf dem Foto über der Wupper. Auch das ist nicht schwer zu erraten. Es handelt sich natürlich um den Baubeginn der Schwebebahn in diesem Bereich. Im Jahr der Denkmaleinweihung, also 1898, hatte man mit dem Bau der Schwebebahn begonnen, die am 1.3.1901 offiziell eröffnet wurde. Der Ingenieur Eugen Langen hatte sie in den 1880er Jahren in Köln konzipiert und getestet. Hier nun sehen wir, wie der Bau vonstatten ging: Holzpfähle wurden in das Bett der Wupper getrieben, darauf wurde ein Gerüst mit einem Podest und zwei Fahrschienen gebaut. Mit Hilfe eines Hilfsgerüstes wurde das endgültige Stahlgerüst angebracht. Das geschieht hier wohl gerade auf dem Foto.

 

Kaiser Wilhelm hatte am 24.10.1900 bei seinem Besuch im Wuppertal die Schwebebahn ja bereits getestet, aber erst zum 1. März 1901 konnte die Teilstrecke Zoo-Kluse freigegeben werden und erst im Laufe des Jahres 1903 war die heutige Gesamtstrecke befahrbar. Die Wagen mussten aufwändig mit Hilfe einer Holzkonstruktion in die Höhe der Flussmitte unter das Schienengestell gebracht werden und dann mit einem Flaschenzug auf die Schiene gesetzt werden.

 

Wieso wurde denn die Schwebebahn im Wuppertal überhaupt gebaut? Dazu muss man sich vorstellen, dass das Tal bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts vollständig bebaut war, Elberfeld und Barmen zusammengewachsen waren. Die bestehenden Verkehrswege waren für langsame Kutschen und Fußgänger geeignet, für Straßenbahnen war wenig Platz, der Verkehr wurde immer dichter, aber man wollte schneller voran kommen. Talachse to go! Aber womit? Der Bau einer U-Bahn war aufgrund der schwierigen Bodenbeschaffenheit nicht möglich.

 

Ein vom englischen Ingenieur Henry Robinson Palmer (1795-1844) erfundenes, von Pferden gezogenes Hänge-Einschienenbahnsystem wurde bereits im Jahre 1826 auf Initiative des Industriellen Friedrich Harkort erprobt, konnte sich aber nicht durchsetzen und dann kam Eugen Langen...So ist die Schwebebahn heute das Wahrzeichen der Stadt, aber die Herren auf dem Foto scheinen den Fotografen interessanter zu finden als den Schwebebahnbau oder den überdimensionierten Bismarck.

Herr Thorsten Dette
Teamleiter

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