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Wuppertal / Kultur & Bildung

Mädchenbildung

Mädchenbildung

„Bildung ist nichts für Mädchen auf Grund ihrer biologischen Gegebenheiten, macht sie nervös und schwächlich, Mädchengymnasien sind so unnütz wie ein Kropf“…Solche abenteuerlichen Äußerungen gab es noch um 1900, als mit steigendem Wohlstand bürgerlicher Familien die Bedeutung und der Anspruch höherer Bildung auch für Mädchen zunehmend diskutiert wurde.

 

Mit Erlass der preußischen Regierung vom 31. Mai 1894 wurden die ersten rechtlichen Rahmenbedingungen für die höhere Mädchenbildung geschaffen. Bereits nach 1870 hatte man eine zehnjährige Mädchenschule und ihre Anerkennung als höhere Bildungsanstalt gefordert, damit die Frau dem Manne nicht nur die häusliche Versorgung und emotionale Zuwendung gewährleisten konnte, sondern auch an seinen Interessen teilnehmen konnte. Die klassische Rolle als gute Haus- und Ehefrau wurde also nicht in Frage gestellt. Bildung der Mädchen für ihr eigenes Fortkommen war da noch nicht angedacht, wurde aber zusehends mit dem Wandel der Lebensbedingungen bürgerlicher Familien gefordert.

 

So gab es Anfang des 20. Jahrhundert in Barmen drei höhere städtische Mädchenschulen: In der Druckerstraße 1 in Unterbarmen, in der Karlstraße 36-38 in Mittelbarmen und in der Sternstraße 73 in Oberbarmen. In welcher dieser Bildungseinrichtungen diese brav gekleideten jungen Damen auf dem Foto posieren, ist der Beschriftung auf der Fotorückseite leider nicht zu entnehmen. Ob sie tatsächlich nur den Wunsch hatten, am Bildungsprozess teilzunehmen, um ihren späteren Ehemännern treu sorgende Ehefrauen und gute Diskussionspartnerinnen zu sein? Die Blicke wirken zum Teil eher gelangweilt, teilweise interessiert bis leicht kokett.

 

1905 richtete die Rechtsanwaltsgattin Thekla Landé (1864-1932), die sich besonders für Gleichberechtigung und gleiches Bildungsrecht für Männer und Frauen einsetzte, in Elberfeld einen privaten Abiturkurs für bürgerliche Mädchen ein. Sie trug damit entscheidend dazu bei, dass Mädchenbildung gesellschaftsfähig wurde. Mit den Bestimmungen über die Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens vom 18. August 1908 wurde die Einrichtung höherer Bildung für Mädchen endgültig etabliert und wurden die rechtlichen Voraussetzungen für das Abitur und Zulassung der Frauen zum Studium geschaffen. Die neunjährigen Mädchenschulen wurden nach und nach zu Lyzeen mit zehn Schuljahren und Fremdsprachenangeboten. Frauen konnten nun daran denken, akademische Berufe zu ergreifen. Das klingt zwar gut, aber wie sah das in Wirklichkeit aus: Zumeist war die Berufstätigkeit der Frauen, die zum großen Teil Lehrerinnen wurden, auf die Zeit vor der Ehe beschränkt oder sie blieben unverheiratet. Noch bis 1957 hatten in Deutschland Ehemänner das Recht, ihren Frauen eine Erwerbstätigkeit zu untersagen.

 

In Barmen wurde 1910 eine Studienanstalt an die Mädchenschule in der Druckerstraße in Unterbarmen angegliedert. Die Mädchenschule wiederum wurde 1911 zum Lyzeum. Im Gegensatz zum Lyzeum erlangten die Absolventinnen der Studienanstalt den Hochschulabschluss. Auf Grund der Nähe zu Unterbarmen konnten auch Elberfelder Schülerinnen diese Studienanstalt besuchen, die ohnehin nur für besonders begabte junge Damen gedacht war. Wir sprechen hier übrigens von den Verhältnissen in einer Stadt wie Barmen, auf dem Lande übten die Frauen bis ins 20. Jahrhundert hinein keinen Beruf aus, sondern hatten ihre Männer in deren landwirtschaftlichen und handwerklichen Betrieben zu unterstützen und nebenher den Haushalt und die Kindererziehung zu schmeißen.

 

Nach etlichen Debatten um die Fortführung der Studienkurse für Mädchen in Elberfeld und Barmen konnte der Direktor der Unterbarmer Studienanstalt über das Schuljahr 1913 vermerken, dass sich die Existenz dieser Studienanstalt für Barmen und Umgegend angesichts der Zahl der Schülerinnen als notwendig erwiesen habe und die Leistungen der Mädchen im Verhältnis zu denen der höheren Knabenschulen absolut gleichwertig seien. Spätestens da dürfte jedem klar gewesen sein, dass es mit der männlichen Überlegenheit nicht allzu weit her sein kann. Und heute sind über 60 % der Studenten an den Universitäten weiblichen Geschlechts…

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