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Wuppertal / Kultur & Bildung

Das Thalia-Theater (Oktober 2013)

Das Thalia-Theater

Das Island-Ufer, im 19. Jahrhundert bekannt als das Elberfelder Elendsviertel, in der Armut und Krankheit ebenso zu Hause waren wie zweifelhafte Kneipen und das horizontale Gewerbe, sollte Standort der Bretter, die die Welt bedeuten, werden. Diese Formulierung, die bis heute gerne das Theater bezeichnen, wurde bereits 1803 von Friedrich Schiller (1759-1805) in seinem Gedicht „An die Freude“ geprägt. Am Islandufer existieren diese weltbedeutenden Bretter jedoch schon längst nicht mehr. Aber immer der Reihe nach.

 

Kurz nach 1900 veränderte sich das Bild des Islandufers komplett: Die alten, zum großen Teil baufälligen Häuser wurden ebenso abgerissen, wie die um 1760 gegründete große Seidenfabrik Johann Simons Erben, die hier ebenfalls am Wupperufer ihren Standort hatte. Außerdem bekam die Wupper ein Dach über dem Kopf, nämlich die Schwebebahn. Und hier baute das Berliner Bauunternehmen Boswau & Knauer nach einem Entwurf des Berliner Architekten Otto Rehnig (1864-1925) in der Rekordzeit von nur 219 Arbeitstagen auf einer Fläche von über 5000 m² ein Varieté- und Operetten-Theater vom Allerfeinsten für ca. 2000 Zuschauer im Parkett und auf drei Rängen. „Thalia-Theater“ sollte es heißen und ist hier auf dem Foto zu sehen. „Thalia“, das „blühende Glück“. Das nötige Kleingeld dafür steuerten die Theater- und Saalbau Aktiengesellschaft und eine Reihe von betuchten Elberfelder Bürgern bei und bereicherten so die Kultur der Stadt.

 

Der erste Direktor des Thalia-Theaters, Martin Stein aus Hamburg, der bereits 1909 starb, sorgte am 12. Dezember 1906 für eine eindrucksvolle Eröffnung des neuen Schauspielhauses mit einer kompletten Illumination des gesamten Gebäudes, einem Varieté-Programm, dreißigköpfigem Orchester unter Leitung von Max Winterfeld (1879-1942) und einer Filmvorführung über die neue Schwebebahn. Bis zur Gründung der Stadt Wuppertal 1929 wurden im Theater nun Komödien, Operetten, Varieté-Abende und glanzvolle Revuen präsentiert. Die aufwändige Bühnentechnik erlaubte eine flexible Umstellung der Bühnen zum jeweiligen Theatergenre. Dabei kam es zwar angesichts provozierender, frivoler, anrüchiger Veranstaltungen immer wieder auch zu missbilligender Kritik, aber es gab auch viele Gastspiele, mit denen viele berühmte Künstler ihren Weg an die Wupper fanden. Die Stücke waren zumeist heiter, das blieb auch so, trotz oft wechselnder Direktion und auch in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Unter dem Direktoren-Ehepaar Lischka-Raul fanden Anfang der 20er Jahre zwar auch Boxkämpfe im Theater statt, aber im Wesentlichen blieb man der fröhlichen Unterhaltung treu.

 

1924 kaufte die Stadt Elberfeld das Theater; die Theaterveranstaltungen, nun überwiegend Operetten, wurden allerdings vom jeweiligen Pächter weiterhin in privater Regie organisiert. Im Jahre 1925 machte das Theater auch als Rundfunkstudio von sich reden, denn die Münsteraner „Westdeutsche Funkstunde A.G.“ richtete im Thalia-Nebengebäude eine Rundfunkstation ein. Elberfeld lag mitten zwischen besetzten Gebieten im Ruhrgebiet und im Rheinland und konnte diese wunderbar mit der Reichspropaganda, mit Informationen, Unterhaltungsprogrammen und bald auch mit Live-Übertragungen direkt aus dem Theater versorgen. Nach eineinhalb Jahren war der Spaß schon wieder vorbei. Mit Eröffnung des Senders Langenberg am 15.1.1927 und der Umbenennung der Funkstunde in „Westdeutsche Rundfunk A.G.“ mit neuem Standort in Köln wurde der Sender im Thalia abgeschaltet. Schlecht für das Theater, die Mieteinnahmen fielen weg und fehlten nun bei der Finanzierung des teilweise teuren Programms. Auch die Besucherzahlen gingen stark zurück. 1929 musste Direktor Viktor Eckert aufgeben, das Thalia war runter gewirtschaftet, am 16.5.1929 war erst mal Schluss mit Operetten und Varieté. Das Haus wurde für Umbauarbeiten geschlossen.

 

Retter in der Not war der neue Pächter, Robert Riemer, Leiter der benachbarten „Bavaria-Bühne“. Er ließ das Gebäude renovieren und modernisieren, mit neuer Beleuchtungstechnik und einer großen Kinoorgel, setzte auf eine Mischung aus Varieté und Film und das Thalia war wieder in aller Munde. Doch schon bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 sah sich der Jude Robert Riemer gezwungen, seinen Pachtvertrag aufzulösen und ein paar Jahre später das Land zu verlassen. Sein Team blieb und führte das Theater unter dem Nachfolger Wilhelm Koch trotz eines unter den Nazis zunehmend auf deutsche Künstler und Filme beschränkten Programms mit Erfolg weiter, setzte auf Varieté, artistische und Tierattraktionen.

 

Der Bombenangriff auf Elberfeld am 25.6.1943 legte auch das Thalia-Theater in Schutt und Asche. Erst 1950 strahlte das von dem Architekten Rudolf Klophaus (1885-1957) in nur sechs Monaten neu errichtete und weiß gestrichene Theater wieder am Islandufer, am 29.9.1950 war Eröffnung. Wieder gab es Revuen und Filmvorführungen und bekannte Künstler gaben sich die Thalia-Klinke in die Hand. Der neue Direktor Bartholomay verkaufte das Theater aber bereits 1953 an die Filmgesellschaft UFA, dadurch wurde das Programm mehr und mehr auf den Schwerpunkt Film verlagert, ab 1959 gab es kein Varieté-Programm mehr und das war der Anfang vom Ende des Thalia-Theaters. Die Zuschauer blieben aus und nach zahlreichen Überlegungen über die zukünftige Verwendung des Gebäudes stand am Ende der Abriss, der am 2.8.1967 begann, nachdem immer noch wieder Konzerte bekannter Stars und Kinovorführungen dort stattgefunden hatten.

 

Heute hat das Island-Ufer, wie jeder weiß, ein völlig anderes Gesicht. Die Sparkasse mit ihrem weithin sichtbaren Sparkassenturm hat den Platz des Theaters eingenommen.

Herr Thorsten Dette
Teamleiter

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