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Wuppertal / Kultur & Bildung

Die Mutter des Sozialisten

Die Mutter des Sozialisten

Ein Traumbild von einer „richtigen“ Oma: Hochgeschlossenes, dunkles Kleid mit Spitzen, brav verschränkte Arme und eine Haube, die ihr Haar bedeckt, nur die Nickelbrille erinnert eher an John Lennon als an eine ältere Dame aus dem 19. Jahrhundert. Es fehlt nur noch der Schaukelstuhl, in dem sie ihren Enkeln Pullover oder Socken strickt. Aber diese Dame ist nicht „nur“ eine Oma, sondern die Mutter des großen Sozialisten, des Vordenkers des Kommunismus, des Mannes, wegen dem heute die Menschen aus aller Welt, vor allem aus China, nach Wuppertal strömen: Friedrich Engels (1820-1895). Es ist Elisabeth Franziska Mauritia, kurz: Elise van Haar, die am 22.4.1797 als jüngstes Kind des Gymnasiallehrers Gerhard Bernhard van Haar (1760-1837) und seiner Ehefrau Franziska Christina, geb. Snethlage (1758-1846) in Hamm geboren wurde. Hier auf dem Porträt ist sie in späteren Jahren zu sehen.

 

In den Sommerferien des Jahres 1816 verbrachte die 19jährige Elise van Haar einige Wochen in Barmen im Haushalt der Engels, dem zu dieser Zeit ihre Tante Minchen Sparenberg vorstand. Dabei lernte sie den 20jährigen Friedrich Engels senior (1796-1860) kennen und lieben. Nicht nur der gesellschaftliche Rahmen (beide stammten aus bürgerlichen Familien und genossen eine gute Ausbildung und pietistische Erziehung), sondern auch die Chemie scheint wohl zwischen den beiden gestimmt zu haben, und sie muss ihm ziemlich den Kopf verdreht haben, wie man in einem Brief von Friedrich an Elise vom 12.1.1819 lesen kann: „Bei Deinem lieblichen Ausdruck ‚hätte ich Dich jetzt hier, so würde ich Dich dafür herzlich küssen‘ lief mir – verblümter Weise gesprochen – der Mund voll Wasser und ich wurde gewaltig lüstern nach so einem herzlichen Kusse von meiner Elise“.

 

Aber nicht nur Friedrich Engels senior, auch andere Männer schienen ihre Reize wahr genommen zu haben. Friedrichs alter Freund Johann Keetmann, den er während seiner Ausbildungszeit in Frankfurt kennengelernt hatte, schrieb am 29.1.1818 über Elise van Haar: „Wenn ich 14 Tage lang mit ihr in einen Käfig eingesperrt wäre, und sie es danach machen wollte, ich könnte mich schier verlieben“. Und dann war da noch der lustige Vetter Heinrich Noot, der Friedrich am 28.3.1819 erst mal aufs Brot schmierte, dass er schon vor 18 Jahren Küsse von Elise bekommen habe und ließ Elise fragen, ob sie sich wohl noch daran erinnerte.

 

Man weiß nicht, ob Friedrich Engels senior daraufhin seinen Vetter verflucht hat oder nur das Gesicht verzogen hat, aber letztendlich hat er seine Elise ja doch geheiratet, und zwar am 9. September 1819 in Hamm. Sie schenkte ihm 9 Kinder und das erste war gleich der berühmte Friedrich Engels junior, der am 28. November 1820 geboren wurde. Die beiden Friedrich Engels - senior und junior - konnten nicht so wirklich gut miteinander, aber zu seiner Mutter Elise hatte Friedrich junior zeitlebens ein herzliches Verhältnis.

 

Elise van Haar hatte wohl tatsächlich Glück mit ihrem Friedrich senior, denn er galt als treuherziger Ehemann und Familienvater, und er ließ seine Frau an allen persönlichen Ereignissen und Befindlichkeiten und geschäftlichen Vorgängen teilhaben. Zudem pflegten sie ihre Freizeit gemeinsam zu gestalten und hielten regelmäßig Hauskonzerte ab. Damit lagen sie voll im Trend der Zeit, denn die moderne Ehe des frühen 19. Jahrhunderts erhob den Anspruch von gegenseitiger Liebe und Achtung und geistiger Gemeinschaft. Dennoch gab es in ihrer Beziehung auch längere Zeiten der Trennung, Friedrich war geschäftlich viel unterwegs und Elise verbrachte in vielen Sommern jeweils mehrere Wochen mit Kindern in ihrem Elternhaus in Hamm oder weilte mit der kränkelnden Tochter Anna im Seebad Ostende. Sie überlebte ihren Friedrich um mehr als 13 Jahre und starb am 29. Oktober 1873 in Barmen.

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