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Wuppertal / Kultur & Bildung

Die Schülerkapelle des Realgymnasiums an der Sedanstraße

Die Schülerkapelle des Realgymnasiums an der Sedanstraße in Barmen

Festumzug, Karneval, Hochzeit oder ein Jubiläum? Wozu der ganze Rummel auf dem Foto? Was war los? „Ich bestimme hiermit: Das deutsche Heer und die Kaiserliche Marine sind nach Maßgabe des Mobilmachungsplans für das deutsche Heer und die Kaiserliche Marine kriegsbereit auszustellen. Der 2. August wird als erster Mobilmachungstag festgesetzt.“ Das war die Order Kaiser Wilhelms am 1. August 1914 an den Reichskanzler und den Kriegsminister, nachdem am 28. Juli der 1. Weltkrieg mit der österreichischen Kriegserklärung an Serbien ausgebrochen war. Somit wurden auch Reservisten einberufen.

 

Zur moralischen Unterstützung begleiteten diese Schülerkapelle des Realgymnasiums an der Sedanstraße in Barmen und viele kriegsbegeisterte Menschen die Reservisten auf ihrem Weg in den Krieg zum Barmer Bahnhof. Also von wegen Festumzug…Außerdem kann von allgemeiner Kriegsbegeisterung kaum die Rede sein. Auf dem Lande herrschte große Angst vor einem unkalkulierbaren Krieg, an einen schnellen siegreich beendeten Waffengang glaubten eher die Städter und die Studenten, doch auch in der Stadt gab es viele Zweifler, trotz Kriegspropaganda und Kriegspredigten in den Kirchen.

 

Das heutige Gymnasium Sedanstraße war 1903 als Realgymnasium neu an der Sedanstraße gebaut worden, hatte aber bereits eine lange Geschichte hinter sich, denn es geht ursprünglich auf die am 10. September 1579 gegründete Barmer Schule zurück, ein Fachwerkbau, der bereits 1625 von einem Feuer zerstört wurde. Nach mehreren Neuausrichtungen und Standortwechseln ging es dann an die Sedanstraße. Die Schule hatte zwar nun diesen Neubau, aber was sie 1903 noch nicht hatte, war eine Schülerkapelle. Das zeigte sich schmerzlich bei der feierlichen Pflanzung einer Linde auf dem Schillerplatz in den Barmer Anlagen am 9. Mai 1905 anlässlich des 100. Todestages von Friedrich Schiller.

 

Der Oberbürgermeister Dr. Lentze und weitere offizielle Vertreter der Stadt, der vier höheren Lehranstalten und des Barmer Verschönerungsvereins waren anwesend. Während die Schuldirektoren, einige Lehrer und Schüler tatkräftig die Pflanzung der Ehrenlinde vornahmen, begleiteten die Schülerkapellen des Gymnasiums an der Bleicherstraße und der Städtischen Oberrealschule den Gesang der Festteilnehmer. Nur das Realgymnasium an der Sedanstraße hatte bisher weder die Mittel für Instrumente noch genug interessierte Schüler, um eine eigene Kapelle auf die Beine zu stellen, und konnte dementsprechend bei diesem Ereignis nicht mit musizieren. Das wurmte die Schulspitze denn doch so sehr, dass man unmittelbar danach beschloss, eine eigene Schülerkapelle zu gründen.

 

In den Folgejahren hatte die Kapelle immer wieder Gelegenheit, bei feierlichen Anlässen, z. B. bei der Einweihung des Bismarckturmes auf der Hardt am 10. Oktober 1907, ihr musikalisches Können zum Besten zu geben. Der Fokus der unter Leitung des Kapellmeisters Paul Körting einstudierten Werke lag dabei wohl auf klassischen Werken. Im Zuge des Ersten Weltkriegs, in der Zeit der ambivalenten Gefühle von Kriegsbegeisterung und Angst, geriet die Marschmusik immer mehr in den Vordergrund und so wird die Schülerkapelle auf dem Foto die Reservisten auch mit Marschmusik oder Soldatenliedern begleitet haben.

 

Trotz kriegsbedingter Geldnot spielte die Schülerkapelle des Realgymnasiums bei allen größeren Festen. Erst Anfang 1922 kam es zu einem Umbruch durch einen umfangreichen Wechsel in der Stammbesetzung der Kapelle. Die neuformierte Musiktruppe konnte aber bereits bei der Richard-Wagner-Feier am 22. April 1922 zeigen, dass sie an Qualität nichts eingebüßt hatte. Personalwechsel gab es auch in den Folgejahren immer wieder und die Märsche wurden beim Aufspielen auf Festen und Feiern zusehends durch Unterhaltungsmusik und Konzertstücke ersetzt.

 

Beim 25jährigen Jubiläum im Jahre 1930 stand die Schülerkapelle unter der Leitung des Barmer Musikpädagogen und Komponisten Fritz Christian Gerhard (1911-1993). In den 1930er Jahren blieb die Kapelle beliebt, auch wenn die Schüler außerdem nun noch Gelegenheit hatten, im Chor zu singen oder im Orchester zu spielen und auch wenn die Schülerkapelle in der NS-Zeit den musikalischen Vorgaben der Partei folgen musste. Als die Instrumente dem Bombenangriff auf Barmen am 29./30. Mai 1943 zum Opfer fielen, wurde die Kapelle aufgelöst, deren Mitgliederzahl schon vorher durch Einberufungen erheblich geschrumpft war.

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