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WuppertalPressemeldung – 11.05.2026

„Das Gebäude muss den Konventionen der Architektur widerstehen“: Interview mit Architektin Liz Diller zum Pina Bausch Zentrum

Der Abschluss der ersten Planungsstufe des Projektes Pina Bausch Zentrum naht. Zum aktuellen Status des Projekts befragte die städtische Projektleiterin Anke Vaupel die Architektin des New Yorker Architekturbüros Diller Scofidio + Renfro, Elizabeth Diller.

Zur Person:

Elizabeth „Liz“ Diller wird in Polen in eine jüdische Familie hineingeboren und emigriert 1960 im Alter von sechs Jahren in die USA. Sie studierte Architektur an der Cooper Union School of Architecture , wo sie ihren Lehrer und späteren Mann Ricardo Scofidio kennenlernte, mit dem sie 1979 das Büro Diller + Scofidio gründete.

Zehn Jahre lang ist sie Professorin an der Princeton University und beschäftigt sich in dieser Zeit mit Kunstprojekten und konzeptionellem Städtebau. 1999 erhält sie von der MacArthur Foundation ein Forschungsstipendium, mit dem sie ihr erstes großes Projekt finanziert und realisiert: Mit dem sogenannten Blur Building, einem in feinsten Sprühnebel gehüllten Pavillon für die Schweizer Landesausstellung 2002, erlangte sie weltweite Bekanntheit.

Frau Diller, was hat Sie persönlich von Anfang an dem Projekt Pina Bausch Zentrum fasziniert? Welche Bedeutung hat das Werk von Pina Bausch für Sie – auch über die Architektur hinaus?

Ich bin seit 1984 ein großer Fan von Pina Bausch, seit ich die Premiere von „Café Müller“ an der Brooklyn Academy of Music sowie „Le Sacre du Printemps“ und „Herzog Blaubart“ gesehen habe. Damals war der Minimalismus im zeitgenössischen Tanz weit verbreitet; er war frei von Emotionen, von Erzählkunst und reduzierte sich im Grunde auf die Mechanik des Körpers. Im Gegensatz dazu empfand ich Pina Bauschs Werk als radikal. Es war durchdrungen von Humor, Gesellschaftskritik und der Inszenierung des Spektakels des Alltäglichen. Pinas Werk war ebenso respektlos wie befreiend. Es weckte mein Interesse an interdisziplinärer Arbeit.

Wie lässt sich Pina Bauschs Erbe in Architektur übersetzen?

Eine direkte Übersetzung in Architektur ist nicht möglich, doch eine Analogie kann hilfreich sein: So wie Pina Bauschs Werk sich den Konventionen des Tanzes widersetzte, muss auch ein Gebäude, das dieses Werk unterstützt und verstärkt, den Konventionen der Architektur widerstehen.

Welche zentralen Ideen prägen Ihren Entwurf?

Ich beziehe mich hier auf den Entwurf des PBZ. Die Struktur des Gebäudes wird durch den Schnittpunkt zweier Achsen definiert: einer Ost-West-Erweiterung der Gartenhöfe des Schauspielhauses und einer Nord-Süd-Verbindung von der Bundesallee zum Fluss. Dieser Schnittpunkt bildet einen dritten Hof, der das Zentrum des PBZ darstellt. Dieser Performance Courtyard ist ein mehrgeschossiger Raum, der von den Funktionsbereichen des Gebäudes umgeben ist: die Lobby im Norden, der Stützflügel mit dem darüberliegenden Archiv im Osten, der Multifunktionsraum im Süden und die Küche im Westen, wo Schauspielhaus und Neubau aufeinandertreffen. Dieser Knotenpunkt ist das pulsierende Herzstück des Komplexes; er dient dazu, Menschen zusammenzubringen, Licht im gesamten Gebäude zu verteilen und Aufführungs- und soziale Veranstaltungen zu ermöglichen.

Soll das Zentrum eher ein Denkmal oder ein lebendiger, sich ständig wandelnder Ort sein?

Um dem radikalen Ethos von Pina Bausch gerecht zu werden, darf das Zentrum kein statisches Denkmal der Vergangenheit sein. Es muss nach vorn blicken und neue Generationen von Tänzern, Choreografen und Publikum in der Zukunft aufnehmen. Das Zentrum wird internationale Tanzproduktionen fördern, Vorträge, Ausstellungen, Bildungsprogramme und Veranstaltungen für die Gemeinschaft beherbergen. Wir haben das Gebäude daher als Infrastrukturarchitektur konzipiert – als Instrument für die Produktion und Verbreitung von Tanz.

Welche Rolle spielen Offenheit, Bewegung und Begegnung im Raumkonzept?

Boris Charmatz (der das PBZ inzwischen verlassen hat) sagte oft, dass Raum für Tanz überall ist. Wir haben das gesamte Gelände als Mosaik von Räumen konzipiert, das sich von der Straße bis zum Fluss erstreckt und unterschiedliche Eigenschaften aufweist: Innen- und Außenbereiche, begrünte und gepflasterte Flächen, klimatisierte und den Elementen ausgesetzte Räume, technologisch hochentwickelte und ursprüngliche Räume. Jeder dieser Räume kann jederzeit vom Tanz in Anspruch genommen werden. Diese Flexibilität steht im Einklang mit dem demokratischen Ethos und der Geschichte des ursprünglichen Schauspielhauses – unprätentiös und für die Öffentlichkeit zugänglich.

Frau Diller, Ihr Architekturbüro gewann 2023 den Wettbewerb für das Pina Bausch Zentrum und erhielt anschließend den Planungsauftrag. Was ist seither geschehen und welche Aufgaben haben Sie übernommen?

Seit dem Gewinn des Wettbewerbs haben wir das gesamte technische Team für die Entwicklung des Entwurfs zusammengestellt, darunter Statiker, Ingenieure für Gebäudetechnik, Theaterplaner und weitere Fachberater. 2025 schlossen wir die Vorplanungsphase ab und befinden uns nun in der Endphase der Entwurfsplanung, die voraussichtlich im Mai 2026 abgeschlossen sein wird.

Unser Ziel war es, die ursprünglichen Ambitionen des Wettbewerbsentwurfs weiterzuentwickeln und sie gleichzeitig an die detaillierten Anforderungen der PBZ, die Ziele der Stadt und die fachlichen Vorgaben unseres Beraterteams anzupassen.

Wer war bisher noch am Planungsprozess beteiligt?

Die Liste ist lang. Neben dem Auftraggeber und den verschiedenen Nutzergruppen des zukünftigen PBZ – Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, Pina Bausch Stiftung – arbeiten zahlreiche Partner mit: Hoehler + Partner ist das Architekturbüro vor Ort, Rainer Schmidt der Landschaftsarchitekt, Kunkel Consulting das Theaterberatungsbüro, ein Ingenieurbüro (Kempen Krause für Tragwerksplanung, Winter für Gebäudetechnik, Buro Happold für Elektrotechnik) sowie viele weitere Berater, darunter für Küche, Fassade, Aufzugstechnik und Denkmalpflege. In der Wettbewerbsphase des Projekts wurden wir außerdem von Werner Sobek  für Tragwerksplanung und Nachhaltigkeit und Charcoalblue für Theaterplanung unterstützt.

Warum ist die Beteiligung so vieler Personen notwendig?

Die Komplexität des Projekts erfordert ein Team mit vielfältiger Expertise. Es vereint die Restaurierung zweier denkmalgeschützter Gebäude – des Schauspielhauses und des Sopp’schen Pavillons – mit einem umfangreichen Neubau und der Neugestaltung des Landschaftsraums und des öffentlichen Raums. Es erfüllt zudem vielfältige Bedürfnisse: Aufführungs- und Probenräume, das Pina-Bausch-Archiv, Bildungs- und Vortragsräume, ein Café sowie alle dazugehörigen Service- und Backstage-Bereiche.

Welche Herausforderungen mussten Sie im Planungsprozess bisher bewältigen?

Der Planungsprozess verlief langsamer als gewohnt, und es ist bedauerlich, dass Boris Charmatz das Projekt verlässt. Ansonsten verlief er jedoch sehr reibungslos. Wir haben selbstverständlich alle Koordinationsaufgaben und Herausforderungen bewältigt, die bei komplexen Projekten anfallen, aber unsere gestalterische Intention und unsere Ziele für das Projekt sind unverändert geblieben.

Die Entwicklung des Projekts war langwierig und mitunter schwierig. Wie beurteilen Sie den bisherigen Verlauf?

Gut Ding will Weile haben. Angesichts der Komplexität des Projekts und seiner Bedeutung für die Stadt Wuppertal war die Zusammenstellung des kompletten Beraterteams, die Untersuchung der Gegebenheiten vor Ort und der bestehenden Gebäude sowie die Ermittlung der genauen Bedürfnisse aller zukünftigen Nutzer ein fokussierter und intensiver Prozess. Wir haben bereits gute Fortschritte erzielt, die das Projekt hoffentlich zur Realisierung führen werden.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen – architektonischer, politischer oder organisatorischer Natur?

Die weltweite politische und wirtschaftliche Instabilität kann unvorhersehbare Auswirkungen auf Projekte haben, die auf eine koordinierte öffentliche Finanzierung über mehrere Regierungsebenen hinweg angewiesen sind.

Gab es Momente, in denen Sie an der Machbarkeit zweifelten?

Nie.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Geordie Wood © 2018
  • Rendering: Diller Scofidio + Renfro
  • Rendering: Diller Scodidio + Renfro

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