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Wuppertal / Kultur & Bildung

Barmer Turnverein 1846

Barmer Turnverein 1846

Ist das ein Männerchorausflug? Hm, vielleicht. Oder sind es Cowboys? Nein, Cowboys tragen andere Hüte. Sympathisanten der amerikanischen Freiheitsbewegung? Nein, die Fahne passt nicht dazu. Ach so, vor den mehr oder weniger entspannt dreinblickenden Herren liegt ja ein Schild mit der Aufschrift „Barmer Turnverein“. Und man erkennt am Reichsadler die Vereinsfahne, wenn auch die Vereinsfarben blau-weiß hier nicht zu sehen sind.

 

Diese vom Fotografen G. Zimmermann aus Barmen ca. 1892/1893 angefertigte Aufnahme ist vermutlich am Rande eines Sportturnieres entstanden. Auffällig ist, dass keiner der Hüte auf den Köpfen der Barmer Sportler einem anderen genau gleicht, genauso wenig wie die Köpfe unter den Hüten…

 

Der Herr oben in der Mitte, dessen Bart, soweit man das auf dem Schwarzweiß-Foto erkennen kann, schon leicht ergraut erscheint, ist übrigens der Turnlehrer und wohl der Älteste der Gruppe. Es ist Karl Schröter, links daneben steht Otto Steinhoff, rechts daneben Rudolf van Hees, der von 1889 bis 1891 Vereinsvorsitzender war und dessen Sohn, Rudolf jr., sich ebenfalls unter den Turnern befindet, nämlich ganz unten rechts sitzend. Der zweite Herr schräg nach unten links von Karl Schröter ist der nachfolgende Vereinsvorsitzende Wilhelm Pilgram (ab 1891), um nur mal ein paar der abgebildeten Sportskanonen zu benennen.

 

Der Barmer Turnverein wurde am 1.10.1846 gegründet, in einer Zeit, als der Staat davon so gar nicht erbaut war, galten doch Turnvereine, überspitzt ausgedrückt, als paramilitärische Sympathisanten der bürgerlich-demokratisch-revolutionären Bewegung des Vormärz. Die ersten Mitglieder des Vereins stammten durchweg aus bürgerlich-elitären Familien, Interessenten aus anderen Kreisen wurden schlichtweg nicht aufgenommen.

 

Auf eine Turnhalle musste der Verein aber noch bis 1862 warten, diese entstand an der Ecke Heckinghauser Straße/Turnstraße und wurde vom langjährigen Vereinsvorsitzenden Julius Greef (1855-1889) geplant. Vorher wurde in Festsälen geturnt oder in Lokalen getagt, gefeiert und gebechert. Mit der Einweihung der Turnhalle stieg die Mitgliederzahl des Turnvereins sprunghaft an. 1862 kamen 90 Bürger hinzu und als der bereits genannte Karl Schröter sein Amt als Sportlehrer antrat, gab es einen weiteren Mitgliederboom, so dass neue Sportabteilungen gegründet wurden. Eine Damenabteilung entstand jedoch erst 1895, also kurz nach diesem Foto. 1896, zum großen 50jährigen Jubelfest, war der Verein mit 442 Mitgliedern der größte Wuppertaler Turnverein.

 

Da bekanntlich viele Köche den Brei verderben, blieb auch der Barmer Turnverein nicht von Zwistigkeiten verschont, die dazu führten, dass sich 1899 ein großer Teil der Mitglieder vom Verein abwendete und die Turngemeinde Barmen gründete. Aber das konnte den Turnverein nicht aufhalten. Durch Gründung weiterer Abteilungen stieg die Mitgliederzahl wieder und lag 1913 schon bei 690. Es wurde eine Vereinszeitschrift ins Leben gerufen und ein Sportplatz für die Fußballer am Scharpenacker Weg zugekauft.

 

Im Gegensatz zum Vormärz hatte der Staat ab 1914 kein Problem damit, dass sich junge Männer in einer Wehrriege im Barmer Turnverein auf den Kriegsdienst vorbereiten konnten. So waren 1916 immerhin 500 Soldaten unter den 867 Mitgliedern. Überhaupt verlangte der Krieg zahlreiche Opfer vom Verein. Viele tote Vereinsmitglieder, eine für Lagerzwecke beschlagnahmte Turnhalle, das Vereinsvermögen an Soldaten gespendet, kurzum: das Vereinsleben lag brach.

 

In der Weimarer Zeit gab es wieder Zoff im Verein zwischen den Fans des Turnens und den Vertretern der zu jener Zeit moderneren Sportarten wie Leichtathletik. Letztere gründeten wieder einen eigenen Verband und der Barmer Turnverein blieb vor allem dem Turnen treu. Weitere Abspaltungen, diesmal der Fußballer und der Fechter, folgten Anfang der 30er Jahre.

 

Die Nationalsozialisten griffen schwer in das Leben der Vereine ein, sie wurden „gleichgeschaltet“. Immerhin konnte der Barmer Turnverein seinen Vereinsnamen behalten, aber im 2. Weltkrieg wurden die Vereinsgebäude komplett zerstört.

 

Nichtsdestotrotz blühte das Vereinsleben nach dem Krieg mit dem Trend zur Leichtathletik, dem Neubau der Heckinghauser Sporthalle und einem neuen Mitgliederboom so richtig auf. In der Folgezeit investierte der Verein in immer neue Einrichtungen und so liegt die Mitgliederzahl heute ziemlich konstant bei 2000, wobei die Frauen (wie an den Universitäten) die Mehrheit ausmachen…

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