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Wuppertal / Kultur & Bildung

Der Zuckerfritz

Der Zuckerfritz

Dieser fröhlich und listig dreinschauende Herr vor seinem mit Kartons beladenem Karren ist ein echter Typ, einer der auffällt, wenn man ihn auf der Straße sieht. Dies liegt wohl nicht zuletzt an seiner Militär- oder Schaffnermütze und an seinem – nun ja – Anzug, den er seit seiner Konfirmation zu tragen scheint, das Jackett etwas ungewöhnlich zugeknöpft, die Hosenbeine definitiv zu kurz und absolut formlos. Dazu trägt der Herr ein graues seidenes Tuch um den Hals und ein Seil, das er lässig über die Schultern gehängt hat. Immerhin sieht er „gekleidet“ aus, für bestimmte Kreise oder positiv formuliert, könnte er auch eine Art „Modevisionär“ sein.

 

Dieser coole Typ war ein echtes Wuppertaler Original und alteingesessene Wuppertaler werden zumindest seinen Namen kennen: Es ist Fritz Poth, besser bekannt als der „Zuckerfritz“, der heute sogar auf dem Kerstenplatz in Elberfeld als Kunstobjekt, als Bronzeplastik von der Bildhauerin Ulle Hees, verewigt ist.

 

Doch wer war diese große hagere Gestalt wirklich? Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es Wuppertaler, die sich an den leibhaftigen Zuckerfritz im Stadtbild erinnern konnten. Eine sehr hohe, piepsige Stimme soll er gehabt haben, so markant, dass jeder sofort wusste, aha, der Zuckerfritz ist im Anmarsch. Dieser zog mit seiner „Schuffkarr“ und seinem kleingewachsenen, krummbeinigen Freund August Kallenbach, einem anderen Wuppertaler Original, durch Elberfeld. Man kann sie sich wohl optisch vorstellen wie Pat und Patachon.

 

Als arbeitsfreudig war er nicht gerade bekannt, der Zuckerfritz, er schlug sich auf seine Weise durchs Leben und das trug durchaus zu seiner Beliebtheit bei. Er betrieb eine Art Kleinhandel und suchte dazu die Menschen in den Gaststätten auf, wo er sich gerne Zuckerstückchen und Zigarrenstummel als Trinkgeld zustecken ließ. Jeder wusste, dass er die liebte und das hatte ihm auch den Spitznamen „Zuckerfritz“ eingebracht. Er verdiente sein Brot auch durch Botengänge oder Gelegenheitsarbeiten, die man ihm zutrug, war er doch als sehr gewissenhaft bekannt. So überbrachte er zum Beispiel auch Liebesbotschaften gegen ein kleines Entgelt…

 

Seine Schubkarre schenkte ihm ein örtlicher Gesangsverein, auf die war er mächtig stolz und nahm sie immer mit. Er holte einen befreundeten Gesangsverein, der einen Liederwettstreit gewonnen hatte, auftragsgemäß damit vom Bahnhof ab und kutschierte manchmal sogar gegen Trinkgeld spaßeshalber jemanden mit seinen üblichen langsamen Schritten durch die Straßen, stets begleitet von einer Traube Kinder und Jugendlicher, die ihn gerne foppten. Der als sehr gutmütig bekannte Zuckerfritz ließ sich alles gefallen.

 

Dass er es vielleicht aber doch faustdick hinter den Ohren hatte, wie sein listig-lustiger Blick vermuten lässt, zeigte sich einmal, als er bei der Lieferung eines Schnapsfässchens an einen Wirt dessen wohlgeformter Hausmagd in die Waden kniff, als sie vor ihm die Kellertreppe hochstieg. Ihr Aufschrei sorgte dafür, dass der Wirt ihn ordentlich verbal zusammenfaltete.

 

Viele Geschichten und Legenden ranken sich um den Zuckerfritz, der in einer ärmlichen Wohnung in der damaligen „Eckesgasse“ lebte, wo ihm einmal auch noch seine gesamten Ersparnisse gestohlen wurden. Von adeligem Geschlecht soll er in Wirklichkeit gewesen sein, mit Namen Fritz von Podscharly. Das Gerücht der Adeligkeit rührt möglicherweise daher, dass seine Großmutter eine geborene „vom Rad“ war. Der Name Fritz von Podscharly wurde ihm vermutlich nur wegen der Ähnlichkeit der Anfangssilbe mit dem Nachnamen „Poth“ zugedichtet. Laut Geburtsurkunde vom 20.9.1830 wurde der Zuckerfritz jedenfalls ganz bürgerlich in Barmen geboren. Er war halt längst eine lebende Legende, bevor er im Alter von 76 Jahren, am 9. Mai 1906 im Arrenberger Krankenhaus an einer Lungenentzündung starb.

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