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Wuppertal / Kultur & Bildung

Über die Wupper gehen...zum Landgericht

Über die Wupper gehen...zum Landgericht

„Eine Insel mit zwei Bergen und im tiefen weiten Meer“ heißt es im Lummerlandlied bei Jim Knopf in der Augsburger Puppenkiste. Auf eine Insel schauen wir hier auch, allerdings eine ohne Berge und nicht im tiefen weiten Meer, sondern eher mit einem römischen Tempel und in der flachen Wupper. Wir sind aber nicht in der Römerzeit, sondern blicken auf das Elberfelder Landgerichtsgebäude, das von dem Architekten Carl Ferdinand Busse (1802-1868) errichtet wurde. Es ist eines der ältesten Gerichtsgebäude Deutschlands und liegt tatsächlich auf einer Insel in der Wupper, der sogenannten „Gerichtsinsel“. Eigentlich ist es ja das „Eiland“ und so heißt auch die Straße, die die Insel auf beiden Seiten mit dem „Festland“ verbindet, aber die „Gerichtsinsel“ ist heute der geläufigere Name. Freie Sicht auf das Gebäude hat man hier auf dem Foto noch, denn die Schwebebahn, die heute die Wupper bedeckt, gab es da noch nicht.

 

Um auf die Gerichtsinsel zu gelangen, muss man „über die Wupper gehen“. Dieses bekannte Sprichwort hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert. Im Amtsgericht (gegenüber dem Landgericht) war im 19. Jahrhundert auch das Elberfelder Konkursgericht untergebracht. Musste ein Unternehmer aus Elberfeld Konkurs anmelden, gelangte er über die Wupper- Brücke zum Konkursgericht, d.h., er „ging über die Wupper“, weil er pleite war. Auch eine makabere Bedeutung haftet diesem Sprichwort an: Im Gericht zum Tode verurteilte Straftäter „gingen über die Wupper“ zur Hinrichtung ins Gefängnis Bendahl, das seit etwa 1864 dem Gericht gegenüber auf der anderen Wupperseite lag. Bis 1912 wurden hier Hinrichtungen durch Enthauptung mit dem Fallbeil vollzogen. Dass in Elberfeld am 24.11.1834 überhaupt ein Landgericht eröffnet werden konnte, ist der Hartnäckigkeit seines Oberbürgermeisters Johann Rütger Brüning zu verdanken, der die Regierung in Berlin so lange nervte, bis König Friedrich Wilhelm III. am 9.5.1834 die Gründung des Landgerichts genehmigte. Zunächst saßen 10 Richter für die Stadt Elberfeld und die Kreise Elberfeld, Solingen und Lennep im 4-stöckigen Weber´schen Haus in der Herzogstraße, das als Gerichtsgebäude herhalten musste. Die Stadt Barmen regte schließlich im Jahre 1841 den Neubau eines Landgerichts auf der Wupperinsel an, direkt an der Stadtgrenze Barmen-Elberfeld, im Hinblick auf die spätere Gründung der Stadt Wuppertal fast schon eine visionäre Entscheidung. Am 1.5.1854 konnte das neue Gebäude eingeweiht werden.

 

Mit der Reichsjustizreform 1879 wurde das Landgericht Elberfeld dem Oberlandesgericht Köln untergeordnet und seine Zuständigkeit erweitert. 1890 sprachen 14 Richter in drei Zivilkammern Recht, bis 1906 kamen weitere vier Zivilkammern hinzu. Am 16.9.1906 wurde das Landgericht Elberfeld dem neu gegründeten Oberlandesgericht Düsseldorf zugewiesen.

 

Es ist natürlich keine Überraschung, dass das Landgericht Elberfeld nach Gründung der Stadt Wuppertal 1930 in Landgericht Wuppertal umbenannt wurde. 1934 waren hier neben dem Präsidenten und 13 Direktoren 25 Richter und 4 Gerichtsassessoren tätig. Diese bekamen besonders in der Zeit des Nationalsozialismus viel zu tun. Im Jahre 1935 wurde Wuppertal mit einer großen Inhaftierungswelle im Kampf der Nazis gegen Kommunisten, Sozialisten und Gewerkschaftsleute überzogen. In den sogenannten „Wuppertaler Gewerkschaftsprozessen“ wurden bis 1937 628 Menschen, vor allem Arbeiter, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ abgeurteilt. Diesen „politischen Straftaten“ maß man so viel Bedeutung bei, dass sie u.a. vor dem Strafsenat des Oberlandesgerichtes Hamm verhandelt wurden und dafür Richter aus Hamm nach Wuppertal kamen. Ein Sondergericht, das beim Landgericht angesiedelt wurde, verhängte von 1942 bis 1945 23 Todesurteile, wovon 19 vollstreckt wurden.

 

Im Zweiten Weltkrieg wurde auch das Landgerichtsgebäude teilweise zerstört. Nach dem Einmarsch der Amerikaner ruhte der Dienstbetrieb bis zum 8.10.1945, dann fing man neu an mit 8 Richtern, 1947 waren es schon wieder 42. Als 1964 das Amtsgericht und die Staatsanwaltschaft das neu auf der Gerichtsinsel errichtete Justizhochhaus bezogen, konnte das Landgericht zusätzlich den Altbau des Amtsgerichts aus dem Jahre 1908 nutzen. Das Justizhochhaus stand allerdings nicht lange, Brandschutzmängel und Asbestbelastung machten einen Abriss erforderlich und im Mai/Juni 2005 stand auf dem Eiland bereits ein neues, fünfstöckiges Gebäude, das nun neben dem Land- und Amtsgericht auch das Arbeitsgericht beherbergt. Im Landgerichtsaltbau auf dem Foto befinden sich noch die Zivilkammern und der große Schwurgerichtssaal. Die Zahl der Richter erreichte in den 1980er Jahren mit 70 ihren Höchststand, 2010 waren es noch ca. 60.

 

Der bedeutendste Präsident des Landgerichts war Johann Friedrich Hector Philippi (1802-1880), der zwischen 1848 und 1875 die Geschicke lenkte. Er gehörte dem Preußischen Abgeordnetenhaus an und sollte die preußische Regierung gegenüber der Stadt Elberfeld milde stimmen, die durch den Aufstand im Jahre 1849 unangenehm aufgefallen war. Philippi erhielt für seine Verdienste u.a. im Jahre 1875 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Elberfeld.

 

In den letzten Jahrzehnten wurden im Landgericht auch einige spektakuläre Fälle verhandelt, die im Fokus der Öffentlichkeit standen: Der pädophile Serienmörder Jürgen Bartsch wurde am 15.12.1967 nach langen Gerichtsverhandlungen wegen vierfachen Mordes und versuchten Mordes zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt, die 1971 in eine zehnjährige Jugendstrafe und Unterbringung in einer Psychiatrie umgewandelt wurde. Er starb 1976 beim Eingriff für die von ihm selbst beantragte Kastration. Oder der Fall der Krankenschwester Michaela Roeder, die 1989 zu einer 11jährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, nachdem sie in den Jahren 1985 und 1986 8 Krankenhauspatienten getötet hatte, um ihnen nach ihrer Auffassung Leid zu ersparen.

 

Heute kann man hier ohne größere Folgen über die Wupper gehen und auf der anderen Seite warten statt dem Gefängnis Bendahl ein paar Einkaufsmöglichkeiten.

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